zurück
Informationen und Reformen zum Pflegenotstand Service aktuell

Auf einen Blick: Arbeitsbedingungen in der Pflege

In Deutschland herrscht schon seit Jahren Pflegenotstand. Und auch wenn sich das Gesundheitssystem in Deutschland während der Coronakrise bisher besser aufgestellt präsentiert als viele im Ausland, sollte klar sein: Mit Lob und minutenlangem Klatschen allein ist es nicht getan.

[Aktualisiert am 19.10.2020]

“Was die Überlastung in der Pflege und beim Klinikpersonal angeht: Die Krise wird aktuell auf dem Rücken dieser Beschäftigten ausgetragen. Dass es hier einen Personalmangel gibt, war schon lange bekannt. Kaum etwas ist unternommen worden”, so Johanna Wenckebach, Wissenschaftliche Direktorin des Hugo Sinzheimer Instituts, mahnend in einem Interview mit dem MDR.

Im Pflegedienst deutscher Krankenhäuser fehlen mehr als 100 000 Vollzeitstellen. Diese Lücke sei „keine unvermeidbare quasi naturwüchsig entstandene Situation, sondern vor allem durch Regelungen der Krankenhausfinanzierung hervorgerufen, die Krankenhäuser zu Kostensenkungen zwangen und dadurch einen starken Anreiz zum Stellenabbau insbesondere im Pflegedienst setzten“, zeigte unsere Studie von 2017.

  • Krankenpflege: Aufwertung tut not

Bettina Rödig, Kinderkrankenpflegerin und Betriebsrätin in München, wurde diesbezüglich im Juni 2020 im Magazin Mitbestimmung deutlich: "Wenn von der Zahl der Intensivbetten und Beatmungsgeräte die Rede ist, führt das ja in die Irre: Entscheidend sind die Fachkräfte, und da zeigen sich aktuell die Auswirkungen einer jahrelangen Sparpolitik besonders deutlich: In der Kinderintensivmedizin werden seit Jahren Münchner Patienten nach Murnau oder Salzburg geflogen, weil bei uns Betten – also Fachkräfte – fehlen." Auch über die besonders harten Arbeitsbedingungen im Krankenhaus während der Corona-Krise und den zusätzlich anstrengenden Kampf für Mitbestimmung und bessere Verhältnisse hat sie einiges zu berichten. Den Applaus für Pflegekräfte sieht sie zwiespältig.

Weit überdurchschnittlichen körperlichen und seelischen Belastungen steht ein Entgelt gegenüber, das im Schnitt inklusive Zuschlägen nur geringfügig über dem mittleren Lohn aller Beschäftigten liegt, so eine Untersuchung, die Mitte Februar 2020 veröffentlicht wurde. Auch die Digitalisierung hat bisher weder zu einer substanziellen Arbeitsentlastung noch zu höheren Verdiensten in der Krankenpflege beigetragen.

Erste Ergebnisse einer Online-Befragung des WSI, für die im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung 7.677 Erwerbstätige interviewt wurden, zeigen, dass 94 Prozent der Befragten die Forderung nach besserer Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen für Beschäftigte in „systemrelevanten“ Berufen wie Pflege oder Einzelhandel unterstützen. 

  • Systemrelevante Jobs sollten mehr wert sein

In der Wirtschaftskrise 2008/2009 wurden Banken auch als systemrelevant bezeichnet und deshalb mit viel Staatsgeld gestützt. Die Berufe, um die es jetzt geht, sind allerdings mehr als systemrelevant: Sie gehören zur kritischen Infrastruktur, die das Leben einzelner Menschen sichert und dafür sorgt, dass Gesellschaft funktionieren kann. Sie orientiert sich am Gemeinwohl und funktioniert auch in der Krise. Das sicherzustellen ist Sache des Staates. Der Markt kann das nicht leisten, weil er nur das Angebot zur Verfügung stellt, das sich rechnet, schreibt Dr. Dorothea Voss, Leiterin der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung und Expertin für Arbeitsbedingungen in sozialen Berufen in einem Kommentar im Magazin Mitbestimmung.

Aus ökonomischer Sicht ist es sinnvoll, jetzt staatliche Sonderprogramme mit verbesserten Konditionen zur Ausbildung von Fachkräften in Bereichen wie frühe Bildung und Pflege aufzulegen.

In einer gemeinsamen Empfehlung von Wirtschaftsforschern wird ein starker staatlicher Impuls neben anderen Bereichen auch in der Pflegebranche gefordert. „Aus ökonomischer Sicht ist es sinnvoll, jetzt staatliche Sonderprogramme mit verbesserten Konditionen zur Ausbildung von Fachkräften in Bereichen wie frühe Bildung und Pflege aufzulegen“, heißt es in dem gemeinsamen Konzept zur Überwindung der Krise, das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Wirtschaftsforschungsinstitute und Hochschulen Anfang Mai vorlegten.

Die Autorinnen und Autoren fordern verbesserte Arbeitsbedingungen und Sonderprogramme für Berufe, welche Humandienstleistungen anbieten: Neben dem Bereich der Kindertagesbetreuung, und der ganztägigen Betreuung von Schulkindern sind auch im Bereich der Pflege nicht erst seit der Covid-19-Krise für die dort tätigen, meist weiblichen Mitarbeitenden, verbesserte Arbeitsbedingungen notwendig, um den Fachkräftemangel in diesen Bereichen zu begegnen.

Auch Berthold Vogel, geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI), beschwert sich über die jahrzehntelange Vernachlässigung der Institutionen der öffentlichen Versorgung und schreibt: "Die Pflege und die Verantwortung für öffentliche Güter sind kollektive Aufgaben, die wir Arbeitskräften übertragen sollten, die hierfür gut ausgebildet sind und ein vernünftiges Arbeitsumfeld mit adäquater Vergütung vorfinden."

  • Banksy mit einem neuen Kunstwerk zum Tag der Pflege
    Nicht Batman und Spiderman sind die Superhelden der Corona-Krise, nein, der Künstler Banksy sieht als Heldin des Alltags unter anderem die Krankenpflegerinnen.

“Jetzt wäre eine gute Gelegenheit dafür zu sorgen, dass die 'Held*innen des Alltags' alle nach vernünftigen Tarifvertragsstandards bezahlt werden”, schlägt Thorsten Schulten, Arbeitsmarktexperte und Leiter des WSI-Tarifarchivs, in einem Gespräch dem Evangelischen Pressedienst (epd) vor. “Es nützt nichts, jetzt schöne Sonntagsreden über diese Gruppen zu hören, die danach wieder vergessen werden.” Schulten forderte die Politik auf, nach der Krise "nicht einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen, sondern zu begreifen, dass so existenzielle Dinge wie die Gesundheitsversorgung nicht von privaten Trägern abhängig gemacht werden können".

Leider wurden bisher sogenannte Corona-Boni ausschließlich an Pflegerinnen und Pfleger in Altenheimen und ambulante Pflegedienste ausgezahlt. Die Pflegerinnen und Pfleger in den Krankenhäusern auf den Intensivstationen wurden zwar zwischenzeitlich zu den "Helden der Krise" erklärt, aber trotz "Systemrelevanz" gab es für sie keinen Bonus. Zu der ohnehin schon hohen Arbeitsbelastung kam das erhöhte Risiko: In den vergangenen Monaten haben sich über 14.000 Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten, mit Corona angesteckt.

Ich glaube, wenn wir eine Schicht nicht zur Arbeit gehen würden, dann würden mindestens Tausende sterben.

Alexander Jorde

Ein weiterer wichtiger Punkt: Bei den Gesundheits- und Pflegeberufen existiert ein relativ niedriger gewerkschaftlicher Organisationsgrad. Hierauf weist auch der Krankenpfleger, SPD- & ver.di-Mitglied Alexander Jorde, der momentan Covid-Patienten betreut, in der NDR-Sendung “After Corona Club” hin: “Das ist, glaube ich, eines der Hauptprobleme in der Pflege, dass wir schlecht organisiert sind." Jorde, vor Jahren bekannt geworden, nachdem er im Fernsehen einen Appell für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege an Angela Merkel richtete, weist darauf hin, dass es in der Gesundheitsbranche zwangsläufig nicht so einfach wäre, ernst zu machen und beispielsweise zu streiken: “Ich glaube, wenn wir eine Schicht nicht zur Arbeit gehen würden, dann würden mindestens Tausende sterben.” 

Was gewerkschaftliche Arbeit bewirken kann, zeigt ein Beispiel am Universitätsklinikum Düsseldorf: Viele Auszubildende erhielten bis Ende vergangenen Jahres kein Geld für ihre Arbeit. Der Gesetzgeber hatte sie einfach vergessen. Mit viel Energie, Cleverness und gewerkschaftlicher Unterstützung haben die Azubis einen Tarifvertrag erstritten.

Wie groß und vielfältig sich der Reformbedarf tatsächlich gestaltet, wird auch dadurch deutlich, dass Familienministerin Giffey (SPD), Arbeitsminister Heil (SPD) und Gesundheitsminister Spahn (CDU) Anfang 2019 alleine im Bereich Aus- und Weiterbildung von der Bundesregierung über 100 Maßnahmen vorgestellt haben. Dazu gehört unter anderem eine Ausweitung der Ausbildungs-, Weiterbildungs-, Schul- und Studienplätze.

Diese Pläne sind ein wichtiger erster Schritt, doch sie werden den Pflegenotstand nur dann abfedern, wenn sich auch Bezahlung und Arbeitsbedingungen deutlich verbessern.

Dorothea Voss

„Diese Pläne sind ein wichtiger erster Schritt “, sagt Dorothea Voss, „doch sie werden den Pflegenotstand nur dann abfedern, wenn sich auch Bezahlung und Arbeitsbedingungen deutlich verbessern“.

Betriebs- und Personalräte tun viel, um den Mangel an Fachkräften in der Pflege aufzufangen. Unsere Studien zeigen jedoch, dass auf mehreren Ebenen politisch gegengesteuert werden muss, um die Situation in der Pflege zu verbessern:

Doch um diese Stellen auch besetzen zu können, muss der Pflegeberuf insgesamt deutlich attraktiver werden. In den Augen der Beschäftigten ist Pflegearbeit eine Tätigkeit von großem gesellschaftlichen Nutzen, die völlig unangemessen bezahlt wird. Zugleich stehen Pflegekräfte unter hohem Zeitdruck. Der Anteil derjenigen, die Arbeit in Hetze erledigen müssen, liegt deutlich über dem Durchschnitt für alle Beschäftigten.

Wer daran etwas ändern will, muss laut einer Studie von Dorothea Voss und Christina Schildmann also die Arbeitsbedingungen in den sozialen Berufen deutlich verbessern. „Benötigt werden konkrete Schritte für die Aufwertung sozialer Dienstleistungsarbeit – und zwar beim Entgelt, der Personalbemessung, der Arbeitszeit und der beruflichen Entwicklung“, so Voss und Schildmann. Wie das gelingen kann, zeigt ihre aktuelle Analyse, die sich im Übrigen auch auf die mit ähnlichen Problemen belastete Reha-Branche übertragen lässt.

Ideen für Verbesserungsmöglichkeiten findet man auch im Ausland, wie unsere Vergleichsstudie zeigt. Ähnlich wie in Deutschland ist bei den Arbeitsbedingungen von Altenpflegekräften in Japan und Schweden noch viel Luft nach oben. Manches funktioniert dort allerdings besser. Schweden etwa tut sich immerhin durch eine umfassende Qualifizierungsstrategie hervor. In Japan ist der Männeranteil in der stationären Versorgung vergleichsweise hoch.

Bessere Arbeitsbedingungen und eine fairere Bezahlung könnten auch mehr potenzielle Quereinsteiger und Quereinsteigerinnen motivieren, in der Pflege zu arbeiten. Dies könnte helfen, die vielen unbesetzten Stellen schneller zu füllen. Diejenigen, die sich im Laufe ihres Berufslebens entschließen, mit einer Ausbildung zum Pfleger und zur Pflegerin noch einmal neu anzufangen, seien für ihre Arbeitgeber meist eine große Bereicherung, so unsere Studie zu Quereinsteigern. Und die Befürchtung, dass durch ihre Einstellung das fachliche Niveau sinken könnte, hat sich bislang als unbegründet erwiesen.

Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen stellen zudem zunehmend Pflegerinnen und Pfleger ein, die ihren Berufsabschluss im Ausland erworben haben. So ist die Zahl der Fachkräfte für Gesundheits- und Krankenpflege, die jährlich aus dem Ausland nach Deutschland kommen, zuletzt auf fast das Sechsfache gestiegen: Von knapp 1500 im Jahr 2012 auf gut 8800 im Jahr 2017. Die meisten der zugewanderten Pflegekräfte kommen im Arbeitsalltag zurecht, trotzdem ist die „nachhaltige betriebliche Integration eine große Herausforderung“, der sich die Arbeitgeber stellen müssen. Das ergibt eine aktuelle, von uns geförderte Studie.

Gemessen an Verantwortung, Anforderungen und notwendigen Qualifikationen sind Pflegeberufe relativ niedrig bezahlt. Ein Grund für die bislang viel zu niedrigen Löhne in der Branche liegt im schlechten gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Längst nicht alle Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen profitieren von Tarifverträgen, eine wirksame Interessensvertretung gestaltet sich insbesondere in den vielen kleinen privaten Dienstleistern weiterhin schwierig, zeigt unsere Studie

Dass immer mehr Unternehmen aus der Gesundheits- und Pflegebranche ins Visier von Private Equity-Investoren kommen, erschwert Fortschritte in der Branche noch zusätzlich. Die Gesundheitsbranche erlebte 2017 einen starken Anstieg an Übernahmen und nahm mit einem Anteil von rund 15 Prozent – gleichauf mit der Software- und Internetbranche – den ersten Rang ein. Gemessen an der Zahl der Beschäftigten lag sie mit einem Anteil von mehr als einem Drittel unangefochten auf dem ersten Platz. Ausschlaggebend dafür war zum einen die Übernahme mehrerer großer Pflegeheimbetreiber. Firmen im Eigentum von Private Equity ignorierten oder verwehren Mitbestimmungsrechte häufiger, als das im Durchschnitt vergleichbarer Unternehmen vorkommt, zeigt unsere Studie. Eine Zwischenbilanz zu Übernahmen in der Gesundheitsbranche durch Private Equity seit 2013 zieht diese Studie.  

Welche Folgen überzogene Renditeerwartungen und Rationalisierungsmaßnahmen durch die Investoren haben können, zeigt unser aktueller Bericht aus der Pflegebranche im Magazin Mitbestimmung.

Politischer Handlungsbedarf besteht jedoch nicht nur in der Pflegebranche, sondern auch bei der Lebenssituation pflegender Angehöriger. Denen droht nämlich in der derzeitigen Gestaltung der Pflegeversicherung ein erhebliches Armutsrisiko. Eine als Bürgerversicherung gestaltete Pflegevollversicherung könnte für Entlastung sorgen.

Zugehörige Themen

Newsletter mit Ihren Themen

Bleiben Sie informiert: Neueste Forschungsergebnisse und Infos zu den Themen Mitbestimmung, Arbeit, Soziales, Wirtschaft. Unsere Newsletter können Sie jederzeit abbestellen.

Der Beitrag wurde zu Ihrerm Merkzettel hinzugefügt.

Merkzettel öffnen