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Bettina Rödig arbeitet als Kinderkrankenpflegerin und Betriebsrätin an der München Klinik Schwabing. Magazin Mitbestimmung

Zukunft der Mitbestimmung: „Das System muss geheilt werden“

Ausgabe 03/2021

Bettina Rödig arbeitet als Kinderkrankenpflegerin und Betriebsrätin an der Klinik Schwabing in München. Sie ist Vorsitzende der Verdi-Jugend Bayern und Präsidiumsmitglied bei Verdi Bayern. Für die Mitbestimmung der Zukunft setzt sie auf mehr Selbstbewusstsein beim Pflegepersonal.
Von Jeannette Goddar

 

„Nach 15 Monaten Pandemie blickt in den Krankenhäusern niemand mehr mit Tatendrang in die Zukunft. Die Arbeitsbelastung hat so immens zugenommen, dass die übergroße Mehrheit sich völlig machtlos fühlt. Wir Betriebsrätinnen und Betriebsräte müssen angesichts stets neuer Infektionsschutzgesetze und Verordnungen ständig neu auf unsere Mitbestimmungsrechte pochen. In so einer Lage noch Kolleginnen und Kollegen für Gewerkschaft anzusprechen, die hektisch von einem Zimmer ins Nächste laufen, und einem zurufen >Was soll das denn bringen<? Unmöglich.

Zukunftsaufgabe Nummer 1: Wir müssen die Leute aus der Resignation holen – und den gewerkschaftlichen Organisationsgrad in Kranken- wie Altenpflege erhöhen. Es gibt viele Gründe, warum er immer noch niedrig ist; einer ist das immer noch existierende Stereotyp, Pflegearbeit gehöre für Frauen zu ihrer Bestimmung, egal zu welchen Bedingungen. Da ist noch viel Aufklärung gefragt. Letztlich geht eine gute Mitbestimmung nur, wenn nicht nur in den Betrieben, sondern auch in der Politik Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis mitsprechen.

„Tariferhöhungen können nur ein Pflaster sein“

Nummer 2: Wir brauchen mehr öffentlichen Druck. Die sozialen Netzwerke bieten da eine Chance. Es gibt tolle Accounts, die sehr plastisch machen, unter welchen Bedingungen in der Pflege gearbeitet wird. Wer ihnen folgt, versteht womöglich auch, dass eine Tariferhöhung – die ja 2020 durchaus erreicht wurde – immer nur ein Pflaster sein kann, in einem System, das geheilt werden muss. Ich freue mich über jede Dokumentation, jedes Interview mit einem Intensivpfleger. Und auch über jemanden wie Alexander Jorde, der bekannt wurde, als er in einer Fernsehsendung Angela Merkel Kontra gab, sich in der SPD wie bei Verdi engagiert, und sehr präsent ist. Und auch ich gehe zu jedem Termin mit Politik und Presse, der sich bietet.

Für die Zukunft hoffe ich auf eine Generation Pflegerinnen und Pfleger mit einem größeren Selbstbewusstsein für ihren Beruf. Der Trend zur Akademisierung bietet da meiner Ansicht nach durchaus Chancen; wegen der Studierenden als potenzielle Engagierte, als auch durch die Pflegeforschung, die hoffentlich viele Herausforderungen plastischer macht. Bedauerlicherweise treten Studis bisher eher einem Berufsverband als einer Gewerkschaft bei – das ist eine weitere Herausforderung, vor der wir stehen: Es gibt Verdi und es gibt Verbände, in manchen Ländern auch noch Kammern. Hier gilt aus meiner Sicht: Wir sollten mit- und nicht gegeneinander arbeiten. Wo immer wir Netzwerke knüpfen können, sollten wir es tun.“

Aufgezeichnet von Jeannette Goddar


 

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