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Zahlen und Studien zum Pflegenotstand – und Wege hinaus

In Deutschland herrscht Pflegenotstand, überall fehlen Fachkräfte. Über viele Jahre hatte die Bundesregierung dem Problem wenig Beachtung geschenkt, nun will sie mit der „Konzertierten Aktion Pflege“ umfassende Reformen angehen.


Wie groß und vielfältig sich der Reformbedarf tatsächlich gestaltet, wird dadurch deutlich, dass Familienministerin Giffey (SPD), Arbeitsminister Heil (SPD) und Gesundheitsminister Spahn (CDU) Anfang des Jahres alleine im Bereich Aus- und Weiterbildung von der Bundesregierung über 100 Maßnahmen vorgestellt haben. Dazu gehört unter anderem eine Ausweitung der Ausbildungs-, Weiterbildungs-, Schul- und Studienplätze.

„Diese Pläne sind ein wichtiger erster Schritt “, sagt Dr. Dorothea Voss, Leiterin der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung und Expertin für Arbeitsbedingungen in sozialen Berufen, „doch sie werden den Pflegenotstand nur dann abfedern, wenn sich auch Bezahlung und Arbeitsbedingungen deutlich verbessern“. Die Bundesregierung will weitere Teile des Reformpakets in diesem Jahr vorlegen.

Welche Probleme in der Pflegebranche konkret bestehen, haben wir zuletzt in einer Vielzahl an Studien herausgearbeitet:

  • Derzeit fehlen allein im Pflegedienst deutscher Krankenhäuser mehr als 100 000 Vollzeitstellen. Diese Lücke sei „keine unvermeidbare quasi naturwüchsig entstandene Situation, sondern vor allem durch Regelungen der Krankenhausfinanzierung hervorgerufen, die Krankenhäuser zu Kostensenkungen zwangen und dadurch einen starken Anreiz zum Stellenabbau insbesondere im Pflegedienst setzten“, zeigt unsere Studie. Im internationalen Vergleich ist der Personalschlüssel in Deutschland mithin am schlechtesten – 13 Patienten kommen hier auf eine Pflegefachkraft. In den Niederlanden etwa sind es nur 8,6. Helfen würden staatliche Vorgaben, die die Krankenhäuser verpflichten, genügend Personal vorzuhalten.
  • Doch um diese Stellen auch besetzen zu können, muss der Pflegeberuf insgesamt deutlich attraktiver werden. In den Augen der Beschäftigten ist Pflegearbeit eine Tätigkeit von großem gesellschaftlichen Nutzen, die völlig unangemessen bezahlt wird. Zugleich stehen Pflegekräfte unter hohem Zeitdruck. Der Anteil derjenigen, die Arbeit in Hetze erledigen müssen, liegt deutlich über dem Durchschnitt für alle Beschäftigten.
  • Wer daran etwas ändern will, muss laut einer Studie von Dorothea Voss und Christina Schildmann also die Arbeitsbedingungen in den sozialen Berufen deutlich verbessern. „Benötigt werden konkrete Schritte für die Aufwertung sozialer Dienstleistungsarbeit – und zwar beim Entgelt, der Personalbemessung, der Arbeitszeit und der beruflichen Entwicklung“, so Voss und Schildmann. Wie das gelingen kann, zeigt ihre aktuelle Analyse.
  • Ideen für Verbesserungsmöglichkeiten findet man auch im Ausland, wie unsere Vergleichsstudie zeigt. Ähnlich wie in Deutschland ist bei den Arbeitsbedingungen von Altenpflegekräften in Japan und Schweden noch viel Luft nach oben. Manches funktioniert dort allerdings besser. Schweden etwa tut sich immerhin durch eine umfassende Qualifizierungsstrategie hervor. In Japan ist der Männeranteil in der stationären Versorgung vergleichsweise hoch.
  • Bessere Arbeitsbedingungen und eine fairere Bezahlung könnten auch mehr potenzielle Quereinsteiger und Quereinsteigerinnen motivieren, in der Pflege zu arbeiten. Dies könnte helfen, die vielen unbesetzten Stellen schneller zu füllen. Diejenigen, die sich im Laufe ihres Berufslebens entschließen, mit einer Ausbildung zum Pfleger und zur Pflegerin noch einmal neu anzufangen, seien für ihre Arbeitgeber meist eine große Bereicherung, so unsere Studie zu Quereinsteigern. Und die Befürchtung, dass durch ihre Einstellung das fachliche Niveau sinken könnte, hat sich bislang als unbegründet erwiesen.
  • Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen stellen zudem zunehmend Pflegerinnen und Pfleger ein, die ihren Berufsabschluss im Ausland erworben haben. So ist die Zahl der Fachkräfte für Gesundheits- und Krankenpflege, die jährlich aus dem Ausland nach Deutschland kommen, zuletzt auf fast das Sechsfache gestiegen: Von knapp 1500 im Jahr 2012 auf gut 8800 im Jahr 2017. Die meisten der zugewanderten Pflegekräfte kommen im Arbeitsalltag zurecht, trotzdem ist die „nachhaltige betriebliche Integration eine große Herausforderung“, der sich die Arbeitgeber stellen müssen. Das ergibt eine neue, von uns geförderte Studie.
  • Ein Grund für die bislang viel zu niedrigen Löhne in der Branche liegt im schlechten gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Längst nicht alle Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen profitieren von Tarifverträgen, eine wirksame Interessensvertretung gestaltet sich insbesondere in den vielen kleinen privaten Dienstleistern weiterhin schwierig, zeigt unsere Studie.
  • Dass immer mehr Unternehmen aus der Gesundheits- und Pflegebranche ins Visier von Private Equity Investoren kommen, erschwert Fortschritte in der Branche noch zusätzlich. Die Gesundheitsbranche erlebte 2017 einen starken Anstieg an Übernahmen und nahm mit einem Anteil von rund 15 Prozent – gleichauf mit der Software- und Internetbranche – den ersten Rang ein. Gemessen an der Zahl der Beschäftigten lag sie mit einem Anteil von mehr als einem Drittel unangefochten auf dem ersten Platz. Ausschlaggebend dafür war zum einen die Übernahme mehrerer großer Pflegeheimbetreiber. Firmen im Eigentum von Private Equity ignorierten oder verwehren Mitbestimmungsrechte häufiger, als das im Durchschnitt vergleichbarer Unternehmen vorkommt, zeigt unsere Studie.


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