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: 'Ich bin furchtlos'

Ausgabe 07+08/2008

BRITISH AIRWAYS Nachdem Antje Orentat gegen die Informationspolitik ihres Arbeitgebers vor Gericht zog, wurde die EBR-Vorsitzende selbst zur Zielscheibe von Angriffen. Sie hat gekämpft und dabei den respektvollen Umgang miteinander eingefordert.

Von CHRISTOPH MULITZE, Journalist in Düsseldorf/Foto: Jürgen Seidel

Die vergangenen zwei Jahre wird Antje Orentat wohl nie mehr vergessen. Auf und ab ging es für sie in einem Wechselbad der Gefühle. Einerseits konnte sie sich als Vorsitzende des Europa-Betriebsrats (EBR) der British Airways Plc (BA) über einen Erfolg vor dem Arbeitsgericht in Brüssel freuen. Andererseits musste sie immer wieder persönliche Schikanen ihres Arbeitgebers verkraften. "Ich habe mich oft gefragt, ob ich schon unter Verfolgungswahn leide", sagt sie heute.

Rückblick ins Jahr 2006: Nachdem die BA ihr Personal an den Flughäfen in Prag, Paris, Zürich und Genf ausgegliedert und ein Callcenter in Lyon zugunsten der eigenen Callcenter-Tochter Flyline in Bremen geschlossen hatte, stand nun der Flughafen Wien auf dem Outsourcing-Programm: Auch dort sollten die Mitarbeiter der größten britischen Fluglinie entlassen werden, sollte das Boden-Personal künftig von einer externen Firma gestellt werden. Zwar wurde der Betriebsrat im jeweiligen Land über die Pläne informiert, der Euro-Betriebsrat aber nicht.

"Für die Schweiz als Nicht-EU-Land sind wir zwar nicht zuständig, aber das sechste Outsourcing-Projekt war der Tropfen, der das Fass für uns zum Überlaufen gebracht hat", sagt Antje Orentat, die dem EBR, dem Gesamtbetriebsrat (GBR) der BA in Deutschland und dem Betriebsrat am Standort in Düsseldorf vorsteht. "Wir wollten informiert und angehört werden, deshalb sind wir vors Gericht gezogen." Da die British Airways ihre Vereinbarung über einen Europäischen Betriebsrat nach dem belgischen Gesetz geschlossen hatte, war das Arbeitsgericht in Brüssel zuständig.

ANGST VOR KÜNDIGUNG_ Drei Mitglieder des EBR wagten es aber nicht, die Klage zu unterstützen - aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz. Die Kollegen aus Dänemark, Finnland und Polen traten von ihrem EBR-Mandat zurück. "Es ist ein großes Problem, dass EBR-Mitglieder keinen Kündigungsschutz genießen. Das sollte die neue EU-Richtlinie ändern", hofft Orentat. Ein zweiter wichtiger Punkt, der geklärt werden müsse, sei die Finanzierung bei gerichtlichen Streitereien: "Die Gerichts- und die eigenen Anwaltskosten trägt das Arbeitnehmergremium EBR. Wer kann sich das schon leisten?", fragt Orentat rhetorisch.

Das Outsourcing in Wien sei keine europaweite Angelegenheit, sondern eine Einzelmaßnahme, argumentierte die BA vor dem Brüssler Arbeitsgericht - und stand mit dieser Ansicht einsam da: "Die Beklagten werden verurteilt, (...) das korrekte und vollständige Unterrichtungs- und Anhörungsverfahren für den Europäischen Betriebsrat bezüglich der Ausgliederung (...) in dem Flughafen von Wien einzuleiten und alle ihre Verpflichtungen in Verbindung mit der EBR-Vereinbarung (...) zu erfüllen", entschieden die Richter. Alle Beschlüsse zur Ausgliederung in Wien wurden außer Kraft gesetzt, bis das Unterrichtungs- und Anhörungsverfahren gegenüber dem EBR vollständig abgeschlossen ist.

Die BA legte Einspruch ein - und hielt sich in der Zwischenzeit mehr schlecht als recht an das Urteil. "Unterrichtung und Anhörung waren Show-Veranstaltungen, die vorgelegten Informationen lückenhaft. Aber auch wir haben uns sehr taktisch verhalten", so Orentat. Der EBR drückte aufs Tempo, orientierte sich nur an den wichtigsten Fragen der Ausgliederung und schloss das Unterrichtungs- und Anhörungsverfahren nach zwei Sitzungen ab. Damit war der Einspruch der BA gegenstandslos geworden.

GEHALT GEKÜRZT_ Eigentlich ein Erfolg für den EBR und Antje Orentat. Hätte die BA nun nicht die Schikanen gegen die Vorsitzende forciert: Schon vor dem Urteilsspruch musste sie sich regelmäßig in der Personalabteilung abmelden, wenn sie europaweit als EBR-Vorsitzende unterwegs war. Für eine Dienstreise zum Betriebsrat in Wien erhielt sie eine Abmahnung, weil sie sich unerlaubt vom Arbeitsplatz entfernt habe. "Dass ich auf einer EBR-Sitzung gewesen war, wurde im Nachhinein schlichtweg in Frage gestellt, auch wenn andere EBR-Teilnehmer dabei gewesen sind", sagt Orentat kopfschüttelnd. Der Teilzeit-Schreibkraft des Gesamtbetriebsrats wurde gekündigt, der Büroraum der Vorsitzenden sollte zur Disposition gestellt werden. Zweimal wurde ohne Begründung Geld von Orentats Gehalt abgezogen - bis zu 40 Prozent. Überstunden wurden angezweifelt und nicht bezahlt. Orentat: "Es wurde bei den Anschuldigungen nicht mehr unterschieden, ob ich als GBR- oder als EBR-Vorsitzende gemeint war. Das ging alles durcheinander." Briefe des Arbeitgebers wurden ihr samstags privat zugestellt. Damit war der Erholungswert des Wochenendes weg.

Wer ist diese Frau mit dem grauen Kurzhaarschnitt, die der Konzern British Airways offenbar als Dorn in seinem Auge empfindet? In Hameln geboren, besuchte sie nach dem Abitur eine Sprachenschule. Englisch, Italienisch, Französisch und Russisch lernt sie dort. "Ich wollte nicht Übersetzerin werden, sondern schon immer zu einer Fluggesellschaft ", sagt sie. Von 1980 bis 1984 arbeitete sie in der Passagierabfertigung der BA in Hannover, wechselte dann an den Standort nach Düsseldorf. Dort stieg sie zur Schichtleiterin auf. Als sie der damalige Betriebsratsvorsitzende fragte, ob sie nicht für die Arbeitnehmervertretung kandidieren wolle, sagte sie zu. "Die Anfrage schmeichelte mir", gibt sie zu. Auch habe sie anfangs keine hehren Ziele verfolgt. "Das änderte sich aber. Ich habe mich weiterentwickelt", so das ver.di-Mitglied. Mit der Zeit kamen immer mehr Aufgaben und Funktionen hinzu.

Seit etwa zehn Jahren ist Orentat GBR-Vorsitzende, und seit 2005 steht sie auch dem EBR vor. "Ein ehemaliger Chef meinte später mal halb im Scherz, ‘wenn wir gewusst hätten, was aus der netten jungen Frau von einst werden würde, hätten wir den Zeitvertrag nicht unbefristet verlängert‘", sagt sie und lächelt. Dabei funkeln ihre Augen keck, und man kann sich ungefähr vorstellen, was der Mann gemeint hat. "Ich bin furchtlos", sagt Orentat über sich selbst. Deshalb habe sie Dinge angestoßen, die der BA unbequem seien.

NICHTS BEREUT_ Doch auch der Arbeitgeber hat mittlerweile wohl erkannt, dass er sich verrannt hat und bei der Frau auf Widerstand stößt. Als Orentat Anfang des Jahres in London anfragte, ob man nicht künftig wieder respektvoll und offen miteinander umgehen wolle, willigte die Personalabteilung ein. Beide Seiten verhandelten fast ein halbes Jahr - und einigten sich schließlich in allen Punkten: Die Abmahnung wurde entfernt, die Freistellung als Vorsitzende der drei Betriebsratsgremien, die angezweifelt worden war, bleibt bestehen, das offene Gehalt wird nachgezahlt. Zudem wurden vier Gerichtsverfahren gestoppt, die sich um diese Streitpunkte drehten. "Ich bin froh, dass das vorbei ist. Aber hoffentlich hält der Friede auch", sagt Orentat, die nichts bereut. "Ich kann nur allen EBR in ähnlicher Situation raten, zu klagen. Was wir gemacht haben, war gut und richtig." Nach einer kurzen Pause sagt sie: "Aber wir hätten schon früher den Mut haben sollen, gegen die Informationspolitik bei den vorherigen Ausgliederungen zu klagen."

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