Altstipendiat

Der Unangepasste

Die DDR verweigerte Ilko-Sascha Kowalczuk ein Studium. Dann kam die Wende. Er studierte Geschichte und seit 2001 arbeitet er in der Stasi-Unterlagenbehörde. Mittlerweile schreibt er ein Buch über den Überwachungs-Apparat. Von Andreas Molitor


Manchmal wachte er auf mit einem angenehm leichten Gefühl. Dann dachte er für einen Moment: „Ich hab’s endlich gesagt, dass ich es nicht will.“ Aber dann, als er richtig wach wurde, kam wieder die bleierne Erkenntnis: „Nein, ich hab’s wieder nicht gesagt.“ Ilko-Sascha Kowalczuk, 1967 in Ostberlin geboren, hatte sich im Alter von zwölf Jahren verpflichtet, ­Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR zu werden. Sein Vater, katholisch erzogen und zum strammen Kommunisten konvertiert, sah es mit Wohlgefallen. Er hatte seinen Sohn im festen Glauben an die Sache erzogen. Was konnte es Größeres geben, als den Sozialismus zu verteidigen?

Doch dem Jungen wurde bald klar, dass er nicht Soldat werden wollte. Fast zwei Jahre plagte er sich mit seinen Bedenken, konnte sich aber niemandem anvertrauen. Nicht einmal den Eltern. Erst als er 14 war, sagte er: „Ich will das nicht.“ Es dauerte weitere anderthalb Jahre, bis man seine Entscheidung akzeptierte. Fast wöchentlich musste er sich vor Lehrern, Offizieren und Stasi-Leuten rechtfertigen. „Ich kenne Typen wie dich“, prophezeite einer. „Die landen über kurz oder lang alle in unseren Gefängnissen.“

Rund 30 Jahre liegt das alles zurück. Aber wenn Kowalczuk erzählt, wie man versucht hat, ihn zu brechen, wühlt ihn das immer noch auf. Im Gefängnis landete er zwar nicht, dafür in einer Lehre zum Baufacharbeiter. Nach seiner Weigerung, Offizier zu werden, war ihm der Weg zum Abitur versperrt. Er holte es später auf der Abendschule nach, während er tagsüber als Pförtner in einem Fischereiinstitut die Zeit mit der Lektüre indizierter Bücher totschlug. „Als Pförtner war man in der Hierarchie so weit unten, dass der Staat einen weitgehend in Ruhe ließ“, erinnert sich Kowalczuk.

Umgekehrt dachte er nicht daran, den Staat in Ruhe zu lassen. „Dieses Land gehört nicht diesen alten Säcken alleine, die ihre Bürger einsperren“, beschreibt er das Credo seiner Jugendjahre. „Diese DDR ist auch mein Land, und ich will dafür streiten, dass es eines Tages wieder lebenswerter wird.“ Eine Ausreise stand für ihn nie zur Debatte.

Den Staat, in dem er geboren wurde, gibt es nicht mehr. Als Wissenschaftler sitzt Kowalczuk in seinem Büro der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin, umgeben von Regalwänden. „Heute habe ich selbst vier Kinder“, erzählt er, „der Älteste ist 19. Wenn ich mir überlege, was man in viel jüngeren Jahren mit mir gemacht hat, dann wird mir heute schlechter als damals.“ Noch gut erinnert er sich an die Wut über die Machthaber. Sie produktiv zu verarbeiten hat seinen ganzen weiteren Lebens- und Berufsweg nach der Wende geprägt.

Als die Mauer fiel, war Kowalczuk 22. In der fiebrigen Wendezeit begann er ein Geschichtsstudium an der Berliner Humboldt-Universität. Mit jakobinischem Furor und nicht frei von Ungerechtigkeit, wie er heute einräumt, attackierte er an der Hochschule tatsächliche und vermeintliche Günstlinge des untergegangenen Systems. „Ich war ja so was von sauber“, erzählt Kowalczuk. „Und der festen Überzeugung, dass die Moral der Weltgeschichte auf meiner Seite stand. Da konnte ich selbstgefällig die große Fresse riskieren.“ Vor tausend Leuten forderte er, sämtliche Studenten zu exmatrikulieren und zu untersuchen, durch wessen Patronage sie an die Hochschule gekommen waren.

Er stellt sich in den Dienst der Aufarbeitung der Diktatur – erst als Geschichtsstudent, als sachverständiges Mitglied der Bundestags-Enquetekommission „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur“, als Wissenschaftler, Buchautor und seit 2001 als Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Forschung der Stasi-Unterlagenbehörde. Derzeit schreibt Ilko-Sascha Kowalczuk ein Buch darüber, wie es der Staatssicherheit über Jahrzehnte gelang, bei den DDR-Bürgern die Illusion von Omnipräsenz zu erzeugen und aufrechtzuerhalten. „Alle dachten, die Stasi ist überall. Dabei war sie gar nicht überall.“

Ausgesprochen holprig verlief Kowalczuks Annäherung an die Hans-Böckler-Stiftung Anfang der 1990er Jahre. Seine Vorstellung als Bewerber um ein Stipendium war ein Desaster. „Wenn Sie zu bequem sind zu lesen, was ich Ihnen geschickt habe, kann ich ja wieder nach Hause gehen“, raunzte er das Bewerberauswahlgremium an, nachdem man ihn gebeten hatte, seine Biografie vorzustellen. Auch störte ihn „dieses komische Wir-Gefühl unter den Stipendiaten aus dem Westen. Wir sind die Guten, wir sind links – mit so was war man bei mir an der richtigen Adresse.“ Dennoch wurde er aufgenommen – es gab Leute, die es zu schätzen wussten, dass da jemand unverstellt war und nicht angepasst. Kowalczuk ist einer, der gegen das Vergessen anschreibt. Reizt ihn da eine Aussage wie kürzlich von Helmut Schmidt, dass deutsche Schüler in 20 Jahren nicht mehr wissen werden, wer Erich Honecker war, zum Widerspruch? „Überhaupt nicht“, sagt der Historiker. „Warum sollte man sich mit jemandem befassen, der als Staatsmann total uninteressant war und außenpolitisch eine Null? Solange Schüler wissen, wer Hitler und Stalin waren, und die beiden nicht durcheinanderbringen, kann man einigermaßen zufrieden sein.“

Text: Andreas Molitor / Bild: Michael Hughes

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