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Sie kämpfen an der Polizeischule Eutin vereint gegen Rassismus und Diskriminierung: Rieke Pätzold (links) und Jasmin Braun von der JAV, Schulleiter Arne Dunka. Magazin Mitbestimmung Magazin Mitbestimmung

Kampf gegen Rechts : Junge Polizistinnen und Polizisten sagen Ja zu Courage

Ausgabe 05/2020

Als erste Ausbildungsstätte der Polizei hat sich die schleswig-holsteinische Landespolizeischule in Eutin dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ angeschlossen. Erreicht hat das die Jugend- und Auszubildendenvertretung. Von Joachim F. Tornau

Es war ein starkes Signal genau zur richtigen Zeit. „Es geht darum, öffentlich deutlich zu machen, dass wir gegen Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung einstehen“, sagt Rieke Pätzold. Als Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) an der Landespolizeischule im holsteinischen Eutin hat die 21-jährige angehende Polizeikommissarin mit dafür gekämpft, dass die Ausbildungsstätte seit Januar offiziell als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ firmiert. Und das in einer Zeit, in der sich die Meldungen über rechtsextreme Netzwerke bei der Polizei häufen.

Das Projekt, das der JAV eine Nominierung für den Deutschen Personalräte-Preis 2020 eingetragen hat, war kein Selbstläufer. Manche an der Schule hielten es anfangs für überflüssig, weil doch schon der Diensteid Rassismus und Diskriminierung ausschließe. Doch Rieke Pätzold und ihre Mitstreiter wussten, dass es mit dem Verweis auf die Eidesformel nicht getan war. Schließlich hatten Eutiner Polizeischüler – und auch Lehrkräfte – in den vergangenen Jahren zu oft für Negativschlagzeilen in puncto Rassismus gesorgt.

Es ging, unter anderem, um rassistische WhatsApp-Chats und sexuelle Belästigung, um einen schwarzen Polizeianwärter, der von einem Ausbilder als „Quotenneger“ beleidigt worden sein soll, und um einen Schüler, der auf Fotos mit Hakenkreuzbinde und Wehrmachtsmütze posierte. „Wir sind geschockt, wenn so etwas passiert“, sagt Pätzold. Von „Wut und Enttäuschung“ spricht ihre JAV-Kollegin Jasmin Braun. Sie erlebe die Landespolizei als vielfältig, sagt die 23-Jährige, und ärgere sich darüber, wenn das Bild der Polizei und der Polizeischule durch das „Fehlverhalten von Einzelnen“ beschädigt werde.

Keine reine Imagepflege

Die Initiative „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ wurde 1995 ins Leben gerufen als Reaktion auf die Pogrome gegen Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda, auf die rassistischen Morde in Solingen und Mölln. Seither haben sich rund 3300 Schulen in ganz Deutschland dem Netzwerk angeschlossen. Mit der „Fachinspektion Aus- und Fortbildung“ in Eutin ist nun erstmals eine Polizeischule dabei. Der Eutiner JAV ging es nicht um bloße Imagepflege. Sie wollten kein antirassistisches Feigenblatt präsentieren, sondern wirklich etwas bewegen. „Da steckt Herzblut drin“, sagt Jasmin Braun.

Den kritischen Stimmen zum Trotz gelang es ihnen, dass sich mehr als 70 Prozent der Schulangehörigen – Lehrende wie Lernende – per Unterschrift dazu verpflichteten, aktiv gegen jede Form von Diskriminierung einzutreten. Das ist die Grundvoraussetzung, um in das Netzwerk aufgenommen zu werden. Sie erreichten, dass eine zusätzliche Doppelstunde zum Thema Rassismus und Diskriminierung in das Unterrichtsprogramm aufgenommen wurde. Mindestens einmal im Jahr soll es zudem eine besondere Aktion oder Veranstaltung geben, wie im vergangenen Jahr, als sich die Polizeischülerinnen und -schüler für ein Luftbild so aufstellten, dass sich der Slogan „No Racism“ ergab. Als Projektpaten gewannen sie Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) und die grüne Landtagsvizepräsidentin Aminata Touré.

Für den Schutz der Grundrechte

„Wir haben der Behördenleitung das fertige Konzept auf den Tisch gelegt“, sagt Rieke Pätzold. „Das ist ein Projekt, das von den Schülerinnen und Schülern ausgeht.“ Bei Schulleiter Arne Dunka rannten sie damit offene Türen ein. „Ich habe das ausdrücklich begrüßt“, sagt er. Das Projekt sei ideal, um den künftigen Polizistinnen und Polizisten zu helfen, die richtige Einstellung für den Polizeiberuf zu entwickeln: „Wir stehen für den Schutz der Grundrechte und der Demokratie.“ Mindestens genauso wichtig wie das Nein zu Rassismus ist Dunka dabei das Ja zu Courage: „Ich sage immer: Leute, macht den Mund auf!“ Das gelte ausdrücklich auch gegenüber Kolleginnen und Kollegen.

Die Jugend- und Auszubildendenvertretung hofft nun, dass sich weitere Polizeischulen dem Eutiner Vorbild anschließen und ebenfalls „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ werden wollen. „Sollten andere Schulen Interesse am Projekt haben“, sagt Rieke Pätzold, „stehen wir mit unseren Erfahrungen gern als Ansprechpartner zur Verfügung.“

Über den Preis

Rund 500 angehende Polizeibeamte werden derzeit an der schleswig-holsteinischen Landespolizeischule in Eutin ausgebildet. Von 150 Lehrkräften bekommen sie Unterricht nicht nur in praktischer Polizeiarbeit, sondern auch in politischer Bildung und Berufsethik.

Der Deutsche Personalräte-Preis ist eine Initiative der Fachzeitschrift „Der Personalrat“. Seit 2010 werden damit alljährlich Praxisbeispiele vorbildlicher Personalratsarbeit ausgezeichnet. Zehn Projekte sind in diesem Jahr nominiert. Am 11. November wird der Preis auf dem Schöneberger Forum des DGB in Berlin verliehen.

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