Gleichberechtigung

Auch Frauen können Polizei

Inzwischen sind Polizistinnen in diesem Männerberuf weitgehend akzeptiert. Doch wenn es um Karrierechancen geht, haben vor allem Mütter und Teilzeitkräfte strukturelle Nachteile, wie eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung ergab. Von Carmen Molitor


Als die Kölner Kriminalkommissarin Ninett Wickerath vor 30 Jahren ihren Dienst bei der Schutzpolizei begann, war sie in Nordrhein-Westfalen eine der ersten Frauen in dieser bis dahin reinen Männerdomäne. Im Oktober 1982 waren erstmals 74 von insgesamt 1661 Nachwuchspolizisten in NRW weiblich. Ninett Wickerath gehörte dazu. Im ersten halben Jahr, im theoretischen Unterricht ihrer Ausbildung, spürte die frischgebackene Abiturientin keinen Unterschied in der Behandlung der Frauen und ihrer männlichen Kollegen. Das wurde anders, als es um die Ausrüstung der Nachwuchskräfte ging: „Die Uniformen für uns Frauen waren fürchterlich“, erinnert sich die Kriminalkommissarin heute. „Es passte nichts, wir mussten bei den Einsatzanzügen die Ärmel hochkrempeln, Stiefel gab es erst ab Größe 42.“ Dann erhielten sie Röcke und Collegeschuhe. „Und in diesen Schühchen sollten wir die Formalausbildung machen und marschieren. Eine Katastrophe!“ Die jungen Polizistinnen protestierten bei ihren Vorgesetzten wegen der untauglichen, lächerlich wirkenden Kleidung. „Dagegen haben wir einen Krieg geführt. Wir hatten es eh schwer genug auf der Straße, jeder schaute uns Polizistinnen an wie Wesen vom anderen Stern.“

Auf die Barrikaden gingen Wickerath und ihre Kolleginnen auch, als es allen Frauen in der Bereitschaftspolizei untersagt wurde, an bestimmten Außeneinsätzen und Biwaks teilzunehmen. Man könne ihnen in Turnhallen, wo alle gemeinsam schliefen, oder beim Zelten ja keine getrennten Übernachtungsmöglichkeiten oder sanitären Anlagen bieten. „Ich sehe mich noch mit zwei Kolleginnen ins Geschäftszimmer stürmen und zum Chef sagen: Das geht gar nicht, wir wollen ausgebildet werden wie alle anderen auch, und mitfahren!“ Die Frauen setzten sich durch. „Von uns hat damals keine eine Extratoilette gefordert. Das war uns nicht wichtig, wir hatten andere Prioritäten“, sagt Wickerath. Zum Beispiel, ein normaler Teil der Truppe zu werden. Dass plötzlich Frauen zur Polizei gehörten, verlangte nicht nur bei den Uniformeinkäufern ein Umdenken. Es war auch von Anfang an ein Kampf gegen Klischees. „Man hat den Polizeiberuf lange nur körperlich gesehen: Männlich konnotierte Attribute wie Kraft, Stärke, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen waren dabei besonders wichtig“, erklärt Dagmar Hölzl, Bundesfrauenvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Es steckte schon immer die Denke dahinter, dass man als Polizist eben seinen Mann stehen muss. Das ließ Frauen außen vor.“ Bei der Öffnung des Berufes in den 80er Jahren seien zwei Dinge zusammengekommen: Einerseits gab es zu wenige männliche Bewerber und einen Personalengpass, sagt Hölzl. Andererseits „war da ein gesellschaftlicher Umbruch, und man hat erkannt: Frauen können auch Polizei.“

MÄNNLICH KONNOTIERT

Dass sie Polizei kann, stand für Ninett Wickerath, die ihre erste Fachprüfung mit „sehr gut“ bestand, nie infrage. Für manche Männer aber schon. „Ich fahre nicht mit einer Frau raus, die kann mich nicht unterstützen, wenn es darauf ankommt“, war die Einstellung eines Kollegen, als sie ihre ersten Erfahrungen im Streifendienst sammelte. „Dann musste er doch mit mir rausfahren, und wir hatten einen Widerstand. Anschließend war er völlig überrascht: Die macht ja gar nicht die Knöpfchen im Auto runter, die macht ja mit!“ Im Nachhinein habe sie die Angst des Kollegen verstehen können, in einer extremen Situation allein dazustehen. „Diese Befürchtungen habe ich akzeptiert“, sagt die 51-Jährige. „Was ich aber nie akzeptiert habe, war, blöd angemacht und als Püppchen behandelt zu werden. Wenn so was kam, habe ich mich sofort gewehrt und gesagt: Ich bin das Gleiche wie ihr, ich kann das Gleiche wie ihr.“ Wickerath hatte Glück, in eine Dienstgruppe zu kommen, die den Kulturschock Frau gut verkraftete und ihr half, sicher in ihrer Arbeit zu werden. „Das ist aber lange nicht allen Kolleginnen so gegangen. Manche haben aufgehört, weil sie die Ablehnung nicht mehr aushalten konnten. Im Großen und Ganzen sind wir damals mit Skepsis, aber auch mit ganz viel Neugierde aufgenommen worden.“

Als Teil des Teams sind Polizistinnen inzwischen in der Regel längst willkommen. Was bis heute fehle, seien gleichberechtigte Karrierechancen für die Frauen, moniert Dagmar Hölzl. Je besser bezahlt die Stelle, desto niedriger der Frauenanteil. „Die erste Beförderung geht noch ganz gut, aber dann wird’s kritisch“, erzählt die Gewerkschafterin. „Die Frauen sind gut in der schulischen Ausbildung und machen regelmäßig die besseren Studienabschlüsse. Problematisch wird es in der praktischen Beurteilung.“ In mehreren Bundesländern bekommen Polizistinnen im Vergleich mit den Männern die schlechteren Beurteilungsnoten. Oft ist festgelegt, dass nur 30 Prozent der Beschäftigten einer Abteilung mit Note „sehr gut“ oder „gut“ beurteilt werden dürfen. Kandidaten für Beförderungen werden aber quer durch die Abteilungen nur aus diesem quotierten Bereich rekrutiert, in den es Frauen erheblich seltener schaffen als Männer. Das hindert sie am Aufstieg – ganz besonders im gehobenen und höheren Dienst und bei der Bereitschaftspolizei.

Ob eine strukturelle Diskriminierung der Frauen vorliegt, hat die Studie der Hans-Böckler-Stiftung „Beurteilungen im Polizeivollzugsdienst – Gewährleistung der Gleichstellung der Geschlechter“ von Karin Tondorf und Andrea Jochmann-Döll untersucht. Die Wissenschaftlerinnen werteten Beurteilungsstatistiken aus zwölf Bundesländern und der Bundespolizei aus. Sie stellten fest, dass sich in der Beurteilung eine klare Schieflage zuungunsten der Frauen ergebe, die sich nicht mit individuellen Leistungsunterschieden erklären lasse. Es gebe diverse Mechanismen, die Polizistinnen in den turnusmäßigen Beurteilungsverfahren systematisch benachteiligten. So werde „bei den Leistungserwartungen vielfach immer noch vom Prototyp eines männlichen, vollzeitbeschäftigten und flexiblen Polizeibeamten ausgegangen“, was „Beschäftigten mit geringerer Flexibilität und Präsenz – meist Frauen mit Familienpflichten und Teilzeitbeschäftigte – häufig als Leistungseinschränkung ausgelegt wird und ihnen dann Minuspunkte bei der Beurteilung bringt“, erkannten die Wissenschaftlerinnen.

KEIN FAMILIENFREUNDLICHER BERUF

Schwierig ist der Aufstieg bei der Polizei also vor allem für Frauen, die kürzertreten, weil sie Mutter sind. Der Polizeiberuf sei sowieso nicht gerade familienfreundlich, kommentiert Dagmar Hölzl. Wer im Wechselschichtdienst arbeitet, muss theoretisch rund um die Uhr einsetzbar sein können. Wer in der Ermittlungsabteilung Dienst tut, kann nie sicher sein, abends pünktlich gehen zu können. Wer in den stehenden Einheiten bei der Bereitschaftspolizei ist, sammelt häufig bis zu 400 bis 500 Mehrarbeitsstunden im Jahr. „Die kommen aus den Stiefeln nicht mehr raus“, sagt die Bundesfrauenvorsitzende. Ständige Unwägbarkeiten im Zeitplan, Nacht – und Wochenenddienste und häufige Überstunden lassen sich nur schwer mit einen geregelten Alltag mit Kindern vereinbaren. Wer pünktlich gehen muss, wer als Teilzeitbeschäftigter weniger sichtbar ist oder in Elternzeit teilweise ganz aus dem Alltag seiner Dienststelle verschwindet, hat es definitiv schwerer, noch Karriere fördernde Beurteilungen zu erhalten. Obwohl die Beurteilung daraus gespeist sein müsste, was eine Polizistin im Dienst leistet, fließt es negativ in die Note ein, wenn sie oft nicht da ist, selbst wenn es für die Abwesenheit gute Gründe gibt.

Auch Ninett Wickerath hat nach der Geburt ihrer Tochter harte Zeiten erlebt, als sie in Teilzeit wieder in den Job einstieg. Sie kam auf eine halbe Stelle als Wachdienstführerin und war bald entnervt. „Man kriegte Informationen nicht, es fehlte an Unterstützung und Akzeptanz.“ Nach zwei Jahren des Durchbeißens wollte sie Dienstgruppenleiterin an einer anderen Wache werden. Das sei in 50 Prozent Teilzeit nicht möglich, sagte man ihr. „Das Argument war nie: Das geht als Frau nicht. Sondern immer: Das geht in Teilzeit nicht.“ Merkwürdig nur, dass auf einer anderen Dienststelle längst ein Mann mit einer Teilzeitstelle eine Dienstgruppenleitung übernommen hatte. Wickerath ließ nicht locker. Als sich sonst niemand darauf bewarb, bekam sie den Job.

Die Beurteilungsrichtlinien bei der Polizei räumen „beträchtliche subjektive Beurteilungsspielräume“ ein, durch die „leistungsfremde Faktoren wie soziale Aspekte, Vorurteile, Geschlechterstereotype und handfeste Interessenlagen in die Beurteilung einfließen können“, zeigen Tondorf und Jochmann-Döll in ihrer Studie. Deshalb brauche es mehr Sensibilisierung für Geschlechterfragen bei den Vorgesetzten und stärker objektivierbare Kriterien bei den Beurteilungen. GdP-Bundesfrauenvorsitzende Dagmar Hölzl will in einer Folgestudie eine „diskriminierungsfreie Beurteilungsmatrix“ erarbeiten lassen, die Frauen gerechtere Aufstiegschancen ermöglicht. „Wenn Beurteiler sich freimachen von dem Kastendenken und den Geschlechterstereotypen, dann kriegen Frauen auch gute Beurteilungen.“ Seit Februar ist Hauptkommissarin Ninett Wickerath Dienstgruppenleiterin einer Wachdienstgruppe in Köln-Sülz. Als Vorgesetzte rät sie jungen Frauen drei Dinge: „Zeige, dass du da bist, werde früh Führungskraft, (wenn du das möchtest) und komme nach einer Schwangerschaft so schnell wie möglich, egal mit welchem Teilzeitanteil zurück.“ Bei ihr hat es so geklappt mit der Karriere bei der Polizei. 


Mehr Informationen

Karin Tondorf/Andrea Jochmann-Döll: Nach Leistung, Eignung und Befähigung? Beurteilungen von Frauen und Männern im Polizeivollzugsdienst. Arbeitspapier 276 der Hans-Böckler-Stiftung. Düsseldorf, 2013.

Zum kostenlosen Download als PDF oder zu bestellen für 29 Euro unter der Bestellnummer 11276 bei mail@setzkasten.de 


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