Der Stahl ist der Star

KONZERNSTRATEGIEN Nah an den Rohstoffen baut ThyssenKrupp in Brasilien ein Mega-Stahlwerk, nah an den Abnehmern werden in den USA neue Walzwerke errichtet. Die Arbeitnehmer-Aufsichtsräte sind Garanten, dass die deutschen Standorte bei der globalen Expansion nicht abgehängt werden.




Von Dirk Schäfer. Der Autor arbeitet als freier Journalist in Dortmund.


Die Bucht von Sepetiba, unweit von Rio de Janeiro. Mit leisem Glucksen schieben sich seichte Wellen in die Mangrovenwälder. Küste, so weit das Auge reicht. Einige hundert Meter draußen in der Bucht rammt ein Spezialschiff in gleichmäßigem Takt Betonpfähle in den Meeresgrund - Grundpfeiler für die Zukunft des größten deutschen Stahlkochers, ThyssenKrupp.

Mit mehr als drei Milliarden Euro baut ThyssenKrupp Steel, die Stahlsparte des Konzerns, in der Bucht von Sepetiba einen Verladehafen und gleich daneben auf dem Festland Hochofen, Kraftwerk, Kokerei, Stranggießanlagen und Oxygenstahlwerk. Läuft es wie geplant, soll die neue Unternehmung, die Companhia Siderúrgica do Atlântico (CSA) Brasilien, ab 2009 jährlich fünf Millionen Tonnen Rohstahl produzieren. "CSA ist in mehrfacher Hinsicht eine der entscheidenden Investitionen", sagt Bertin Eichler, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des ThyssenKrupp-Konzerns und geschäftsführendes Mitglied im Vorstand der IG Metall.

GRÜNES LICHT VON DEN ARBEITNEHMERN IM AUFSICHTSRAT_ Das Stahlwerk in Südbrasilien ist der Anfang einer Kette, deren Glieder in den kommenden Jahren das Geschäft von ThyssenKrupp Steel absichern und international erweitern sollen. So wird ein Teil des brasilianischen Stahls in Duisburg anlanden, hier gewalzt und vor allem nach Osteuropa und Russland verkauft werden. Der andere Teil wird von Brasilien aus in den Süden der USA geliefert. Im US-Bundesstaat Alabama werden ThyssenKrupp Steel und die Edelstahlsparte Stainless neue Kapazitäten in unmittelbarer Nähe zu den Abnehmern aus der Automobilindustrie errichten. Mit der Investition will ThyssenKrupp im NAFTA-Raum punkten. Am 11. Mai gab der Aufsichtsrat grünes Licht.

"Natürlich haben wir im Aufsichtsrat die Frage gestellt: Können wir die Abnehmer im NAFTA-Raum nicht auch von Europa aus beliefern?", erläutert Konzernbetriebsratsvorsitzender Thomas Schlenz die grundsätzliche Linie der Arbeitnehmerseite. Für die Arbeitnehmervertreter ist "die Ertüchtigung deutscher Standorte" Teil der globalen Strategie und war Voraussetzung, den Investitionen in Brasilien und den USA zuzustimmen. 400 Millionen Euro fließen nun nach Duisburg und Bochum, um Walzwerke auf den neuesten Stand zu bringen. Mit weiteren rund 300 Millionen Euro wird am alten Standort in Duisburg-Hamborn ein Hochofen gebaut.

Die Werke in den USA sehen die Arbeitnehmervertreter nicht als Konkurrenz zu den europäischen. "Wir sind hier an der Kapazitätsgrenze angekommen", sagt Bernd Kalwa, Arbeitnehmer-Aufsichtsrat des Segments Stainless. Mit den Werken in den USA habe Stainless einen Fuß in der Tür zum wachsenden amerikanischen Markt. "Auf dem anderen Standbein werden wir unsere Anlagen im europäischen Markt weiterentwickeln, Voraussetzung dafür ist eine exzellent ausgebildete Belegschaft", sagt Kalwa.

STRATEGISCHE ALLIANZEN MIT DEN ROHSTOFFLIEFERANTEN_ Brasilien und die USA eingerechnet, will ThyssenKrupp in den kommenden Jahren weltweit 20 Milliarden Euro investieren. Dass die zentrale Investition auf Brasilien fiel, ist kein Zufall. Nach China ist Brasilien weltweit zweitgrößter Lieferant von Eisenerz. Geschätzte 23 Milliarden Tonnen lagern in brasilianischen Böden, weltweit sollen es 160 Milliarden sein. Genug für Jahrzehnte. Und doch ist im Stahlboom der Preis für Eisenerz innerhalb von nur drei Jahren um 100 Prozent gestiegen.

Drei Rohstofflieferanten haben die Preispolitik fest in der Hand. Den Markt beherrschen die brasilianische Companhia Vale do Rio Doce (CVRD) sowie die beiden britisch-australischen Konzerne Rio Tinto und BHP Billiton. Die haben ihre Fördermengen zwar erhöht, doch auch das konnte den gewaltigen Hunger der Stahlschmieden nicht befriedigen. Angetrieben durch die immense Nachfrage der boomenden Schwellenländer China und Indien, wo Häfen, Kraftwerke, Eisenbahnen und Bürotürme fast wie am Fließband gebaut werden, sind Stahl und mit ihm das Erz weltweit knapp.

Die Arbeitnehmervertreter von ThyssenKrupp wissen um die Vorteile der Investition in Brasilien. Große Erzlagerstätten liegen nur wenige hundert Kilometer vom neuen Stahlwerk entfernt im Bundesstaat Minas Gerais, dem Herzen des brasilianischen Bergbaus. Die Nähe spart Transportkosten. Verträge und Partnerschaften sichern die Investition ab. Mit elf Prozent ist die Minengesellschaft CVRD am Joint Venture CSA beteiligt. 15 Jahre lang werden die Brasilianer den Deutschen das Erz und andere Rohstoffe vom Inland an die Küste nach Sepetiba liefern. "Strategische Allianzen mit den Rohstofflieferanten, unter den Stahlherstellern und mit den Abnehmern sind heute unabdingbar", sagt Willi Segerath, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei ThyssenKrupp Steel.

Bis 2001 besaß ThyssenKrupp eigenes Erz. Dann wurde das brasilianische Unternehmen Ferteco mit zwei Minen verkauft, mit dem Erlös wurden Schulden abgezahlt. Heute bedauern einige diese Entscheidung, die keine Option der Arbeitnehmerseite war. Die Zeiten haben sich geändert, nicht nur die Wirtschaftsvereinigung Stahl spricht heute von einer notwendigen Rückwärtsintegration. Die Devise heißt Rohstoffsicherung.

ENDE DER FAHNENSTANGE BEI DEN PERSONALKOSTEN_ Am Düsseldorfer Konzernsitz zieht Markus Bistram, ThyssenKrupp-Konzernbetreuer der IG Metall, in seinem Büro Bilanz. "Im Vergleich zu den aktuellen Preisen für die Rohstoffe und die Energie stellen sich die Personalkosten äußerst gering dar", sagt er. Gerade einmal zwölf Prozent machen die im Stahlsektor aus. Wie Bertin Eichler, Thomas Schlenz und Willi Segerath ist Markus Bistram Mandatsträger im Aufsichtsrat des Konzerns.

In der Krise war beim Personal bis zum Anschlag gekürzt worden. Heute ist für die Arbeitnehmer-Aufsichtsräte das Ende der Fahnenstange erreicht. "Hier ist nicht mehr viel zu drehen nach zwei Jahrzehnten der Flexibilisierung und Optimierung", sagt Markus Bistram. "Die Zeit des Leidens für das Personal ist vorbei."

Die Mega-Investition in Brasilien war der Auslöser für die IG Metall, einen Aufsichtsratslenkungskreis zu gründen; dort erörtern die Arbeitnehmervertreter der ThyssenKrupp-Holding und die Aufsichtsratspräsidiumsmitglieder der fünf Segmente Steel, Stainless, Technologies, Elevator und Services die Investitionen und strategischen Weichenstellungen.

Im optimalen Fall sollen alle Segmente des Mischkonzerns von den Großinvestitionen profitieren. Dies legt ein Eckpunktepapier fest, das unlängst mit den Konzernvorständen vereinbart wurde. "Im Aufsichtsratslenkungskreis denken wir weit über den Tellerrand der einzelnen Segmente hinaus. Wir haben das ganze Unternehmen mit all seinen Beschäftigten im Blick", sagt Bertin Eichler. Und Thomas Schlenz ergänzt: "Wir nutzen so ganz konsequent die Chancen, die ein Mischkonzern bietet, bei dem es mal dem einen Segment besser, mal dem anderen schlechter geht, um Arbeitsplätze zu sichern."

Die Arbeitnehmervertreter wissen, wovon sie reden. Noch bis vor wenigen Jahren war die Stahlsparte das größte Sorgenkind im Konzern. Hätten nicht die anderen Konzernteile Verluste aufgefangen, gäbe es Steel vielleicht nicht mehr. Die Konzernführung dachte daran, die Stahlsparte loszuschlagen. Davon ist heute keine Rede mehr. Der Stahl ist der Star, das Segment trägt einen großen Teil zum Umsatz des Konzerns bei.

WAHRE ÜBERNAHMESCHLACHTEN_ Während die Gewinne sprudeln, sieht sich ThyssenKrupp wie nie zuvor gedrängt, weltweit Allianzen zu schmieden, zu investieren und sich auch intern neu aufzustellen. Es geht darum, im Kampf um Rohstoffe und Marktanteile nicht abgehängt oder gar geschluckt zu werden. Unter den derzeit etwa 30 großen Stahlunternehmen toben wahre Übernahmeschlachten um Produktionsmengen und Rohstoffe. So hat sich der indische Stahlhersteller Mittal "ein defizitäres Stahlwerk nach dem anderen einverleibt und damit auch Erzminen und Optionen auf Rohstoffe", berichtet Markus Bistram, der mehrere Jahre selbst bei Mittal arbeitete.

Auch ThyssenKrupp erhoffte sich durch den Kauf des kanadischen Herstellers Dofasco direkten Zugang zum Erz und Vorteile im NAFTA-Raum - die Kanadier besaßen eine eigene Mine und ein etabliertes Vertriebsnetz in Nordamerika. Doch im Bieterstreit erhielt der luxemburgische Stahlkonzern Arcelor den Zuschlag, nur wenig später wurden die Luxemburger von Mittal geschluckt. Andere machen es Mittal nach und kaufen, wo immer es geht, "auch zu inflationären Preisen", sagt Thomas Schlenz.

Selbst ThyssenKrupp, für sich ein Riese, wäre ein lohnendes Objekt. Auch deshalb hat die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat die Kapitalerhöhung der Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung von 23,7 auf eine Sperrminorität von 25,1 Prozent ausdrücklich unterstützt. Mit den nunmehr drei Stiftungs-Mandaten auf der Kapitalseite im Aufsichtsrat heißt die Rechnung jetzt "10 plus 3". "Wir gehen davon aus, dass die drei Mandatsträger der Stiftung an einer feindlichen Übernahme ebenso wenig interessiert sind wie die zehn der Arbeitnehmerseite", sagt Bertin Eichler. "Das schließt eine feindliche Übernahme nicht gänzlich aus, macht das Menü aber nahezu unverdaubar."

Andere fressen und werden gefressen. Unlängst schluckte die indische Tatasteel mit der britisch-niederländischen Corus-Gruppe Europas Stahlhersteller Nummer zwei. Glaubt man Analysten, soll das Übernahme-Fieber erst abflauen, wenn eine Handvoll Stahlunternehmen übrig bleibt, die dann auf Augenhöhe mit den drei Rohstofflieferanten verhandelt. "Von der Konzentration am Markt sollte sich ThyssenKrupp nicht treiben lassen. Größe ist nicht alles", sagt Markus Bistram. Stattdessen sollte sich ThyssenKrupp Steel weiter auf seine Kernkompetenzen konzentrieren, die das Unternehmen nach Jahren des Dahindarbens wieder in die Gewinnzone brachten - das Herstellen von qualitativ hochwertigen Flachstahlsorten, deren vornehmlicher Abnehmer die Automobilindustrie ist.

Mit diesen Abnehmern auf der einen und den drei Rohstoff-Giganten auf der anderen Seite befindet sich ThyssenKrupp zwar in einer Lage, die Analysten eher ungemütlich als "Sandwich-Position" bezeichnen. Doch konnte der Konzern die Preisaufschläge bei den Rohstoffen zum guten Teil an die Autoindustrie weiterreichen, weil die deutschen Stahlkocher hohe Qualität liefern. Zudem kann auch beim Flachstahl das Angebot mit der Nachfrage kaum Schritt halten.

Das wird nicht so bleiben. "China hat bei der Produktion von Flachstahl im vergangenen Jahr erstmals Überschüsse erreicht und wird vom Importeur zum Exporteur", erläutert Willi Segerath. Den wichtigen Markt der hochwertigen Flachstähle will ThyssenKrupp jetzt mit den neuen Werken in den USA ausbauen.

Die US-Investition hat neben steuerlichen Vorteilen noch einen weiteren, allerdings zweifelhaften Vorzug. Weil die Bush-Administration das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnete, ist die US-Industrie nicht zur Minderung des Ausstoßes von Schadstoffen wie CO2 verpflichtet. Bei diesem Thema geht Thomas Schlenz dann der Hut hoch. "Es kann nicht sein, dass wir auf Kosten deutscher Standorte anderswo das Klima schädigen."

"Wir werden im Konzernaufsichtsrat darauf drängen, dass in den neuen Werken in den USA und in Brasilien die Technologien eingesetzt werden, die in Deutschland Standard sind", sagt Willi Segerath. "Es darf kein Wegschleichen aus der ökologischen Verantwortung zu Lasten heimischer Arbeitsplätze geben."

DEUTSCH-BRASILIANISCHER GEWERKSCHAFTSDIALOG_ Industriearbeitsplätze sind überall auf der Welt begehrt. In einem dahingehenden Konflikt ist die IG Metall in Brasilien bereits als Vermittler tätig. Valter Sanches, Generalsekretär der CUT/CMN, informierte im Frühjahr seine deutschen IG-Metall-Kollegen, dass beim Bau der Kokerei von ThyssenKrupp CSA rund 2000 chinesische Bauarbeiter eingesetzt werden sollen. In der brasilianischen Presse schlug das hohe Wellen, da "es in Brasilien völlig ungewöhnlich ist, dass Betriebe durch ausländische Arbeitskräfte aufgebaut werden sollen", sagt Sanches. Der Fall liegt jetzt beim brasilianischen Arbeitsminister, der für die Arbeitserlaubnis der Chinesen zuständig ist.

Detlef Wetzel, IG-Metall-Bezirksleiter in NRW, intervenierte daraufhin nicht nur im Aufsichtsrat der ThyssenKrupp Steel, wo er stellvertretender Vorsitzender ist, er lud Sanches Mitte Mai auch zu Gesprächen nach Düsseldorf. "Gemeinsam", so Wetzel, "sind wir der Auffassung, dass der Aufbau des neuen Werkes mit inländischen Arbeitskräften passieren soll."

In diesen Gesprächen zwischen IG Metall und CUT geht es auch darum, wie man gemeinsam Fabrikkommissionen - ähnlich einem Betriebsrat - aufbauen könnte. "Wenn das neue Stahlwerk von ThyssenKrupp CSA steht, dann sollen auch die gewerkschaftlichen Vertretungsstrukturen mit dem Unternehmen vereinbart sein", sagt Detlef Wetzel, "das wäre doch ein schlechter Scherz, wenn ausgerechnet ein mitbestimmtes Unternehmen da nicht Vorbild sein könnte." Grundkenntnisse in punkto Arbeitnehmervertretung sollen auch ein Ausbildungsmodul sein, wenn demnächst 300 Brasilianer zu ThyssenKrupp nach Duisburg kommen, wo sie zu Fachkräften ausgebildet werden; Fachkräfte, die in der Bucht von Sepetiba Arbeit finden werden.

 



 

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