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Textilindustrie: Krise im Hosental

Ausgabe 02/2021

Die Coronapandemie führt in rumänischen Textilbetrieben, die sonst Westeuropa beliefern, zu Insolvenzen und Entlassungen. Die Chancen auf ein Comeback stehen schlecht. Von Silviu Mihai

Es war bestimmt keine leichte Arbeit, obwohl es ja Leichtindustrie heißt. Aber es war sicher besser als gar keine Arbeit“, erzählt Ildikó Molnár. Die 32-Jährige, die eigentlich anders heißt, arbeitete in den letzten zehn Jahren bei RHM Pants, einem der zahlreichen Textilbetriebe in Covasna, einem Landkreis im rumänischen Siebenbürgen. Dort bewegt sich seit dem Ausbruch der Coronapandemie vor einem Jahr kaum noch etwas. In vielen Fabriken herrscht Totenstille. Auch das Werk, in dem Ildikó Molnár arbeitete, wurde geschlossen. Andere Textilfirmen kürzten einfach die Löhne der Beschäftigten um die Hälfte.

Seitdem Molnárs Betrieb im vergangenen Sommer zumachte, konnte sie keine neue Stelle finden und lebt jetzt praktisch von den Ersparnissen der Familie. Ähnlich geht es auch anderen Textilarbeiterinnen aus der Gegend. Niemand weiß, ob und wann die Normalität wieder einkehrt. „Wenn wir wüssten, wie lange es noch dauert, könnten wir zum Beispiel eine Saison in der Landwirtschaft arbeiten und dann wieder in einer Fabrik anfangen“, sagt Ildikó Molnár. „Aber so ist es schwierig. Niemand hat eine Ahnung, wie es weitergehen soll.“

Seit dem letzten Sommer liegt alles am Boden

Dietrich Bock, Molnárs früherer Arbeitgeber, erinnert sich gern an jene Zeiten, in der das „Valea Pantalonilor“ am Fuß der Karpaten noch ein Paradies für Fabrikherren war. Anfang der 90er Jahre kam der Gründer der im niedersächsischen Auetal beheimateten Rintelner Hosenmanufaktur (RHM) als einer der ersten deutschen Investoren nach Rumänien – auf der Suche nach einem neuen Standort für seine Jeansproduktion. Im „Hosental“ – die deutsche Übersetzung von „Valea Pantalonilor“ – wurde er schnell fündig. „Die Produktionskosten in Deutschland waren einfach zu hoch“, rechtfertigt sich der Unternehmer. „Hier in Siebenbürgen boten sich geradezu unendliche Gelegenheiten für Entwicklung.“ Bocks Hosengeschäft wuchs und gedieh fast 30 Jahre lang prächtig: Zu den Kunden zählten Prestigemarken wie Hugo Boss oder Marc O’Polo, seine rumänischen Fabriken beschäftigten rund 1500 Mitarbeiter, 2016 ging die Firma als Dr. Bock Industries AG sogar an die Wiener Börse. Im Juni vergangenen Jahres nahm die „unendliche Entwicklung“ allerdings ein jähes Ende. Der Betrieb RHM Pants in Estelnic wurde geschlossen, und auch für die anderen, im gleichen Tal gelegenen Produktionsstätten sieht es schlecht aus. „Aufgrund der Covid-Pandemie ist die Nachfrage gesunken, und mehrere unserer Hauptkunden haben ihre Bestellungen storniert“, teilte Bocks Unternehmen mit.

Weil nicht in Sicht sei, dass der Markt sich kurzfristig erhole, müsse die Produktion eingestellt werden. Fast 1000 Beschäftigte sind von der Entscheidung direkt oder indirekt betroffen. Sie haben kaum Chancen, eine neue Stelle in der Gegend zu finden, weil die anderen Textilbetriebe im Hosental mit dem gleichen Problem konfrontiert sind.

Angst vom Arbeiter bis zur Notenbank

Mit einem Gesamtumsatz von mehr als vier Milliarden Euro im Jahr trugen Modefirmen zuletzt immerhin zwei Prozent zum rumänischen Bruttoinlandsprodukt bei. Neben der Autoindustrie gehört der Textilsektor zu den wichtigsten Exportbranchen des Landes. Ein Ausfall der Nachfrage aus Westeuropa sorgt auch im Finanzministerium und bei der Notenbank für große Sorgen, weil das aus der Bahn geratene Handelsdefizit gefährliche Konsequenzen für die Stabilität der rumänischen Währung haben kann. Allerdings befand sich die rumänische Textilindustrie schon vor der Coronapandemie im Krisenmodus. Zahlreiche Hersteller hatten wegen gestiegener Lohnkosten ihre Lieferverträge gekündigt oder reduziert und neue, noch billigere Lieferanten in Asien gefunden.

Um zu vermeiden, dass die Beschäftigten angesichts der Coronakrise direkt in die Arbeitslosigkeit abrutschen, führte die Regierung per Gesetz die Möglichkeit von Kurzarbeit für alle Wirtschaftssektoren ein. Die nach deutschem Modell konzipierten Bestimmungen wurden in der Wirtschafts- und Finanzkrise der Jahre 2009/2010 bereits in der Autoindustrie getestet. So konnte sich damals der zu Renault gehörende Hersteller Dacia nicht nur retten, sondern sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen. Weitere Hilfsmaßnahmen wurden im Laufe des vergangenen Jahres beschlossen. Doch alles hat nicht ausgereicht, um eine Insolvenz- und Kündigungswelle in der Textilindustrie zu verhindern.

„Auf den westeuropäischen Märkten, wo unsere Produkte hauptsächlich verkauft werden, sind vor allem ältere Konsumenten noch nicht daran gewöhnt, Modeartikel online zu bestellen“, erklärt Daniel Năstase, Vorsitzender von Uniconf, dem wichtigsten Gewerkschaftsverband der rumänischen Leichtindustrie. „Wenn die Läden wegen der Pandemie geschlossen sind, kaufen diese Leute keine neuen Kleidungsstücke.“ In Rumänien gebe es zwar genug junge Konsumenten, die fast nur noch online einkaufen. Allerdings sei der rumänische Markt „bei Weitem nicht groß genug, um die Arbeitsplätze zu sichern“.

Höchstens 15 Prozent sind organisiert

Uniconf, Mitglied in der Gewerkschaftsföderation IndustriAll Europe, unterstützt die Beschäftigten dabei, in der Krise ihre Rechte zu verteidigen. „Unsere Spielräume sind allerdings gering“, räumt Năstase ein. „Von den insgesamt rund 175 000 Arbeitnehmern in der Bekleidungsbranche gehören höchstens 15 Prozent einer Gewerkschaft an. 60 Prozent können gar nicht Mitglieder werden, weil sie in kleinen Unternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten arbeiten, für die das Arbeitsgesetz keine organisierte Belegschaftsvertretung vorsieht.“

Einen Hoffnungsschimmer sieht Năstase beim Blick auf Möglichkeiten der Kooperation mit Partnern in Europa. „Fast die Hälfte unserer Mitglieder arbeitet indirekt für den spanischen Modekonzern Inditex“, erklärt er. „Also haben wir über IndustriAll Europe einen direkten Dialog mit Inditex initiiert.“ Die ersten Ergebnisse seien vielversprechend. So hat der Konzern kurz vor dem Ausbruch der Pandemie einen Vertrag unterzeichnet, der wichtige Regeln sozialer Mitverantwortung beinhaltet. „Jetzt müssen wir gemeinsam auf europäischer Ebene schauen, was sich machen lässt, damit sich unsere Industrie so bald wie möglich aus der Krise erholt oder wiedererfindet.“

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