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: Innovativ in die Sackgasse?

Ausgabe 06/2005

Die Ökonomien und die Gesellschaften der EU sind schlecht gerüstet für die Herausforderungen einer modernen Wissensgesellschaft. Das soll sich mit der Lissabon-Strategie ändern. Oder wird doch nur das Kind mit dem Bade ausgeschüttet?

In der Entwicklung der Produktivität, im Bildungs- und Ausbildungsbereich, bei den Forschungs- und Entwicklungsausgaben (FuE) und bei der Entwicklung von Produkten in den typischen wissensbasierten Sektoren der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und der Biotechnologie fällt die EU hinter die USA und Japan zurück. Aus diesem Befund hat die EU-Kommission erhebliche Konkurrenznachteile auf den Weltmärkten und daraus folgende Beschäftigungs- und Wohlstandsverluste abgeleitet.

Eine kohärente und komplementäre Innovationspolitik der Mitgliedsstaaten soll daher die Erhöhung des FuE-Anteils am BIP auf drei Prozent, eine aktive Förderung der IKT und der Hochtechnologien generell sowie die Entwicklung von Qualifikation, nicht zuletzt von Mitarbeiterqualifikationen auf der Unternehmensebene, zum Ziel haben. Dabei soll auf der EU-Ebene über die "offene Methode der Koordination" der Austausch von Erfahrungen und Lösungen ("best practice") unter den Mitgliedsländern organisiert werden.

Ausgangspunkt der Überlegungen der Kommission und die entscheidende Triebkraft politischen Handelns in dieser Lissabon-Strategie ist die Dynamik des Weltmarkts; erst über erfolgreiche Investitionen in neue Produkte und die Dynamisierung der Märkte, auch durch die weitere Binnenmarktintegration, werden dann - indirekt - die Beschäftigungs- und Wohlstandsbedingungen in der EU verbessert.

Verkürzte Sicht auf die Wissensgesellschaft

Die Mehrheit der Länder der EU hat sicherlich - gemessen an internationalen Standards - große Defizite in wichtigen Sektoren der Bildung und Ausbildung, in den Hochtechnologien und in den Forschungs- und Entwicklungsausgaben (siehe Abbildung) - dies gilt nicht zuletzt auch für die durch PISA-Studien geschüttelte Bundesrepublik.

Die Lissabon-Strategie entwirft allerdings eine sehr verkürzte Sicht der Wissensgesellschaft und ihrer ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, weil sie einmal - wie schon weiland die Binnenmarktstrategie in den 90er Jahren - einseitig angebotsseitig ansetzt und viel zu große Erwartungen in die Freisetzung von Marktkräften setzt, andererseits aber auch einem verkürzten Innovationsverständnis folgt. So konzentriert sich die Lissabon-Strategie bei den geforderten Innovationen auf bestimmte Produktionsfelder (Informations- und Kommunikationstechnologien, IKT, und Biotechnologie).

Sie stellt dabei kaum Zusammenhänge her zwischen sozialen Institutionen (Normen, Routinen, Regeln, Gesetzen, Organisationen) und technologischen Innovationsprozessen. Aus der internationalen wissenschaftlichen Diskussion um Kapitalismusmodelle ("varieties of capitalism") ist bekannt, dass Innovationen nicht voraussetzungslos sind, sondern in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen und unterschiedlichen sozialen Systemen der Produktion ganz unterschiedliche Innovationstypen erfolgreich durchgesetzt werden. Am Beispiel des britischen und des deutschen Modells kann dies leicht illustriert werden.

Kapitalistische Artenvielfalt

In Ländern der liberalen Marktökonomien ("liberal market economies") wie den USA und Großbritannien werden die Systeme der Corporate Governance, der Unternehmensführung und -kontrolle, von kurzfristigen Profiterwartungen auf Basis der hier dominanten Finanzierung durch die Börse geprägt. Charakteristisch sind für sie eine standardisierte Massenproduktion mit Hilfe von niedrig qualifizierter und niedrig bezahlter Arbeitskraft ("low skill - low wage"), aber auch schnelle Investitionen in neue Märkte und Produkte, etwa der Informations- und Kommunikationstechnologien, mit denen der Innovationsprozess auf diesen Gebieten vorangetrieben wird.

Möglich wird dies durch die vergleichsweise einfache Risikokapitalbeschaffung an der Börse, durch Beschäftigung von hoch bezahlten Akademikern und unter Ausnutzung tayloristisch organisierter Niedriglohnarbeitsmärkte. Nachhaltig ist dieser Prozess längst nicht. Denn gerade die Niedriglohnsegmente des Arbeitsmarktes stehen auf dem Weltmarkt unter dem Druck von Niedriglohnökonomien der Schwellenländer, während die qualifizierte Arbeit über wenig Beschäftigungssicherheit und langfristige Perspektiven verfügt, weshalb Qualifikationen und Kreativität schnell verfallen.

In Ländern einer koordinierten Marktwirtschaft ("coordinated market economy") wie in dem deutschen Rheinischen Kapitalismus dominiert wiederum (noch) auf Basis von Bankkrediten und einer Börse, die von Anteilseignern bestimmt ist, die sich als "Stakeholder" verstehen, eine langfristig orientierte Corporate Governance Struktur. Die Unternehmen in den Kernsektoren der Industrie sind hier aufgrund der guten Facharbeiterqualifikation in der Lage, eine diversifizierte Qualitätsproduktion umzusetzen und auf dem Weltmarkt zu verkaufen.

Möglich ist dies, weil die Unternehmen sich langfristig orientieren und aufgrund des Kündigungsschutzes davon ausgehen können, dass die Facharbeiter/-innen, in die sie Qualifikationskapital ("Humankapital") investieren, im Betrieb verbleiben und umgekehrt die Arbeitnehmer eben deswegen sich auch auf eine betriebsspezifische Qualifizierung einlassen können. "Trittbrettfahrende" Konkurrenten, die qualifizierte Arbeit abwerben, sind dadurch vergleichsweise selten.

Um eine aktuelle Diskussion aufzugreifen und zuzuspitzen: Kein Exportweltmeister Deutschland ohne Kündigungsschutz in der Industrie, denn dieser ist Voraussetzung der hohen Qualifikation und Qualitätsproduktion, der unternehmensinternen Investitionen in die Qualifikation und der dadurch hohen unternehmensinternen Flexibilität der Facharbeit. Die Innovationen konzentrieren sich dabei nicht auf den "High-Tech"-Bereich, den die Lissabon-Strategie im Auge hat, sondern auf die "Medium-Tech"-Fertigung in der Hochqualitätsproduktion. Dabei wird der Innovationsprozess inkrementalistisch - Schritt für Schritt - entwickelt, worauf wiederum die Exportstärke der deutschen Wirtschaft beruht.

Wirtschaftlicher Erfolg ist pfadabhängig

In beiden Typen kapitalistischer Produktion zeigt sich, dass die jeweiligen Produktionssysteme mit ihren unterschiedlichen Produkt- und Marktsegmenten von ihrer Einbettung in die jeweiligen gesellschaftlichen Institutionen abhängen und nicht unabhängig davon begriffen werden können. Eine Übernahme des angelsächsischen sozialen Systems der Produktion und des damit verbundenen Charakters des Innovationsprozesses verheißt daher wenig Erfolg - aufgrund der fehlenden Institutionen in den kontinental-europäischen Ökonomien und aufgrund des Vorsprungs der US-Wirtschaft in diesen Sektoren. Zudem könnte dies gerade die Stärken der kontinentaleuropäischen Ökonomien untergraben.

Bei den Patentanmeldungen wird der Unterschied deutlich: Seit langem ist in der Wissenschaft - so durch die Arbeiten des britischen Ökonomen David Soskice - bekannt, dass die USA bei den Patentanmeldungen in den Sektoren der Informationstechnologie, der Kommunikationstechnologien, der Biotechnologien, der Pharmazie, der Halbleitertechnik gegenüber Deutschland einen weiten Vorsprung haben. Bei den Politikern löst dies regelmäßig Panik aus. Dabei wird in der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen, dass dieselben Untersuchungen die deutsche Industrie im Straßenfahrzeugbau, der Prozesstechnik, dem Maschinenbau, dem Motorenbau, der Materialtechnik, der Grundstoffchemie (und selbst in der Waffentechnik) gegenüber den USA weit überlegen sehen. Dabei handelt es sich um Sektoren, in denen der Innovationsprozess im Zuge des sozialen Systems der diversifizierten Qualitätsproduktion inkrementalistisch organisiert wird und die die Basis des Exporterfolgs der deutschen Wirtschaft auf dem Weltmarkt ausmachen.

Die Unterschiedlichkeit dieser Prozesse zeigt, dass sich Innovationsprozesse weder auf Technologien noch auf Organisation verkürzen lassen, sondern dass sie Bestandteil und Ergebnis eines sozialen Systems der Produktion sind. Sie bedürfen der Mitarbeit und der Motivation der beteiligten Menschen, die mit ihren Qualifikationen, Routinen, Normen - kurz ihren Kulturen - jeweils bestimmte Entwicklungspfade von Innovationsprozessen möglich machen oder verhindern. Innovationsprozesse sind also pfadabhängig, und die Institutionen, die diese relativen Vorteile der jeweiligen Produktionssysteme möglich machen, sind leicht zu verlieren, aber schwer wiederherzustellen.

Der US-Erfolg als Folie

Wenn nun in der Lissabon-Strategie den IKT-Sektoren und den Biotechnologien in Verbindung mit der Freisetzung der Marktkräfte ein so hoher Stellenwert zugewiesen wird, dann beruht dies offensichtlich auf der Einschätzung, man könne Spitzentechnologien durch entsprechende staatliche und private Investitionen in Forschung und Entwicklung und durch Technologiepolitik von oben durchsetzen und so als Wachstumsmotor benutzen. Doch dies ist eine Illusion, weil die gesellschaftlichen Bedingungen der Entwicklung von Innovationsprozessen nicht berücksichtigt werden. Es ist dies aber auch deshalb eine Illusion, weil zugleich die eigenen Stärken vernachlässigt werden. Und der Anspruch, die Europäische Union als soziales Referenzmodell global zu entwickeln, bleibt auf der Strecke.

Der Erfolg der US-Ökonomie im IKT-Sektor seit 1995, der in der Lissabon-Strategie als Folie für eine europäische Antwort begriffen wird, beruht vorwiegend auf zwei Faktoren: Einmal auf der Einführung von nicht-hierarchischen, teilautonomen und damit motivierenden und marktgetriebenen Arbeitsverhältnissen im Ingenieurs- und Angestelltenbereich und zum anderen auf der radikalen Ausnutzung von ethnisch und geschlechtlich diskriminierten und gewerkschaftsfreien, hochgradig taylorisierten Teilarbeitsmärkten im Produktionsbereich - bei gleichzeitiger Umstrukturierung des Sektors der Klein- und Mittelunternehmen in Richtung Vernetzung über horizontales "Contracting". (Die Industriesoziologie spricht hier von "Wintelismus" = Windows plus Intel.) Ein solches Innovationsmodell, das auf der radikalen Ausnutzung von Niedriglohnmärkten, von ethnischer und geschlechtlicher Diskriminierung beruht, in der EU umzusetzen hieße aber, auf das "Europäische Sozialmodell" (siehe dazu Kasten auf Seite 24) zu verzichten, dessen Stärkung ja auch Teil der Lissabon-Strategie ist.

Eine europäische Antwort kann daher nur darin bestehen, das eigene, weltweit erfolgreiche und gesellschaftspolitisch überlegene Modell der koordinierten Marktökonomien in Kontinentaleuropa zu stärken und das Europäische Sozialmodell als Teil der Innovationspolitik zu entwickeln. Beispiele dafür gibt es auch im Hochtechnologiesektor unter anderem in Schweden, wo die Kreativität von Internetarbeiter/-innen im Unterschied zu US-Beispielen gerade deshalb so kontinuierlich hoch und damit nachhaltig ist, weil sie sozial breit abgesichert sind, während der "Hire and fire"-Typus der US-Arbeitsmärkte zu einem hohen personellen Verschleiß und zu wenig Nachhaltigkeit in der Entwicklung geführt hat, wie US-Wissenschaftler/-innen auf Basis empirischer Untersuchungen immer wieder betonen. In dieser Perspektive erweisen sich eine gesellschaftlich garantierte soziale Sicherung und die Mitbestimmung als höchst produktive Faktoren eines gesellschaftlich und ökonomisch nachhaltigen Innovationsprozesses.

Dabei sagt die sicherlich unabdingbare Erhöhung der staatlichen und privaten Ausgaben für FuE auf über drei Prozent des BIP genauso wenig über das Innovationspotenzial eines Landes aus wie die Höhe der Ausgaben für Bildung über das Ranking in einer PISA-Studie. Entscheidend ist, in welche Sektoren mit welchen Strukturen das Geld fließt.

Insofern stellt sich nicht nur die Frage, welche Innovationen in Zukunft überhaupt marktfähig sind und welche davon den Menschen nützen, sondern es stellt sich auch die Frage nach der gesellschaftlichen Organisation des Innovationsprozesses selbst. In "liberal market economies" gibt die Antwort der Markt, in den kontinentaleuropäischen Gesellschaften aber immer auch ein kooperativer gesellschaftlicher Prozess zwischen Staat, gesellschaftlichen Verbänden und Unternehmen.

Mehr als der kleinste gemeinsame Nenner

Genau da liegt für Europa aber auch ein Problem, das nicht heruntergespielt werden darf: Die Länder der EU verfügen über höchst unterschiedliche Formen der gesellschaftlichen Organisation ihrer Produktionssysteme: Mit Großbritannien ist in der EU ein prominenter Vertreter der radikal-marktmäßigen Koordinierung im Sinne der "liberal market economies" existent, in den Ländern der "co-ordinated market economies" wird die gesellschaftliche Organisation mal über den Staat (wie in Frankreich) oder über die sozialdemokratische Politik wie in Schweden, mal über korporatistische Netzwerke unter Einschluss des Staates wie in Deutschland geleistet. Und die ehemals staatssozialistischen Beitrittsländer können auf wenig institutionelle Formen zurückgreifen, in die sie das gerade übernommene marktwirtschaftliche System hätten einbetten können.

Entsprechend unterschiedlich sind die wohlfahrtsstaatlichen Systeme und die Systeme der industriellen Beziehungen. Eine europäische Koordinierung gerät deshalb leicht in die Versuchung, über den kleinsten gemeinsamen Nenner, die Öffnung der Märkte, eine Angleichung zu erzwingen (die so genannte negative Integration), was dem liberalen Modell Großbritanniens zustatten kommt. Zusätzlich geraten die kontinentaleuropäischen Länder durch die Veränderung in der weltweiten Finanzarchitektur unter Druck; Shareholder-Value-Systeme der Unternehmensführung untergraben die Position von Stakeholdern in den kontinentaleuropäischen Modellen.

Dient unter diesen Umständen die von der Kommission geforderte Öffnung der Märkte als ein Hebel, die Potenziale der Koordination und der sozialen Abfederung von Innovationsprozessen in den kontinentalen Marktwirtschaften und deren Nachhaltigkeit zu untergraben? Auch nicht zuletzt darum wird in der aktuellen Diskussion um die Dienstleistungsrichtlinie heftig gerungen, denn eine sichtlich naive Liberalisierung, wie sie in der Lissabon-Strategie als Teil der Innovationspolitik gefordert wird, legt eine solche Schwächung nahe. Europa muss sich neben der Offenen Methode der Koordinierung wieder stärker auf das Instrument der Mindeststandards sozialer Absicherung besinnen, will es eine soziale Abwärtsspirale, ein "race to the bottom" verhindern. Die Innovationskraft der skandinavischen Staaten und ihre Wirtschafts- und Arbeitsmarktbilanzen zeigen, dass dies nicht ins ökonomische Abseits führen muss, sondern an die Spitze führen kann!

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