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Altstipendiat: Der Risikoforscher

Ausgabe 01/2021

Peter Hocke-Bergler wägt Risiken technischen Fortschritts ab. Wichtig ist ihm, Kritiker ernst zu nehmen. Denn in jeder Kritik steckt ein Quäntchen Wahrheit. Von Fabienne Melzer

Wer sich seit Jahren mit Risiken beschäftigt, nach dem besten Platz für Atommüll sucht und Menschen von der Wahl eines Endlagers vor ihrer Haustür überzeugen will, der muss doch Gefahren gut einschätzen können. Doch Peter Hocke-Bergler hat aus seiner Arbeit am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse in Karlsruhe vor allem eins gelernt: „Ich kann heute besser mit Ungewissheiten leben.“ Denn am Ende geht es bei seiner Arbeit nicht darum, Risiken auszuschließen. Es geht darum, abzuwägen: Welche unerwünschten Nebeneffekte hat eine Technik, und für welches Ziel nehmen wir sie in Kauf? „Darauf hoffen, dass die Versprechen neuer Technologien allein überzeugen und gesellschaftliche Akzeptanz schaffen, greift zu kurz“, sagt der 62-Jährige.

Peter Hocke-Bergler studierte Politik, Philosophie und Soziologie am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung. Als Kind aus einem nichtakademischen Haushalt hatte er anfangs Hemmungen, wissenschaftliche Texte zu schreiben. Seine Professoren machten ihm Mut. Wenn er heute sieht, wie junge Kolleginnen und Kollegen sehr genau überlegen, welcher Weg eine Karriere ermöglicht, staunt er rückblickend über sich selbst. „Wir haben einfach studiert und dann geschaut, wo uns das hinführt.“

Ihn führte es 2001 nach Karlsruhe. Gemeinsam mit Chemikern, Physikern und anderen Expertinnen und Experten sucht er nach soziotechnischen Lösungen. Der beste Standort für Atommüll muss nicht nur geologisch geeignet sein, auch die Anwohner müssen mit dem Müll vor ihrer Haustür leben können. „Wir können nicht beweisen, dass es keine Gefahren gibt. Aber wir können in die Debatte gehen.“ Er geht auf Kritiker ein, nimmt ihre Bedenken ernst. Klingt selbstverständlich. „Ist es aber nicht“, hält Peter Hocke-Bergler entgegen. Anders kann er sich nicht erklären, warum so viele Menschen derart skeptisch gegenüber neuen technischen Errungenschaften sind. „Von ihrer Bildung könnten die meisten es verstehen. Also muss in der gesellschaftlichen Kommunikation etwas gewaltig schieflaufen.“ Einen Grund für diese Skepsis sieht er im Umgang mit früheren Konflikten. Kritische Experten, etwa bei Gorleben oder der Asse, wurden jahrelang nicht ernst genommen. Ein Standardbeispiel für Technikfolgenabschätzung sei Asbest. Noch heute sterben viele Menschen an den Fasern des Materials, das jahrzehntelang als Wunderstoff gefeiert und immer wieder für unbedenklich erklärt wurde. Deshalb ist Hocke-Bergler überzeugt: „In jeder Kritik steckt ein Quäntchen Wahrheit. Wissenschaft kann sich irren.“

Andererseits sieht er auch Defizite in der gesellschaftlichen Debatte, in der sich Menschen gegenseitig Argumente an den Kopf werfen oder Botschaften im Twitter-Format ausrufen. Dennoch ist er grundsätzlich optimistisch. Diese Haltung haben ihm Lehrende am Otto-Suhr-Institut mitgegeben: „Apathie bringt niemanden weiter.“ Es brauche Menschen, die widersprechen und, wenn es sich lohnt, auch streiten.

In seinem ersten Berufsleben war er Journalist bei einer Regionalzeitung in Regensburg. Über einen Streik kam er zur Gewerkschaft, lernte Kollegen anderer Zeitungen kennen und diskutierte mit ihnen über Nachrüstung, Waldsterben und all die anderen Themen der 1980er Jahre. In dieser Zeit sieht er die Anfänge seiner Arbeit: „Umweltzerstörung war immer ein Nebeneffekt technischen Fortschritts.“ Daher passte es gut, als das Karlsruher Institut jemanden suchte, der sich mit gesellschaftlichen Konflikten und Technikfolgen auskennt. Mit Begeisterung liest er heute komplizierte Bücher, um zu forschen und anderen Menschen wissenschaftliche Positionen verständlich machen zu können.

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