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Daniel Hay, Direktor I.M.U. Service aktuell

Interview mit I.M.U.-Direktor Daniel Hay: „Mitbestimmung ist ein zentrales Zukunftsthema in Deutschland und Europa“

Daniel Hay fängt Anfang August als neuer Direktor bei unserem Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) an. Er folgt damit auf Norbert Kluge, der Ende März 2020 als Gründungsdirektor des Institutes ausgeschieden ist.

 

Kannst du kurz deinen bisherigen Werdegang skizzieren?

Zuletzt habe ich seit 2012 beim Vorstand der IG Metall gearbeitet, davor in einer bundesweit operierenden Rechtsanwaltskanzlei. Mein Spezialgebiet ist deutsches und europäisches Unternehmensrecht. Promoviert habe ich zu einem arbeitsschutzrechtlichen Thema im deutschen und europäischen Kontext unter besonderer Betrachtung der Partizipationsrechte von Arbeitnehmerinteressenvertretungen.

Bisher war ich stark operativ in der unternehmensrechtlichen Beratung von Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern auf der Arbeitnehmerseite tätig. Die praktische Bedeutung der Mitbestimmung als wesentlicher Bestandteil guter Unternehmensführung ist mir bestens vertraut. Gleichzeitig kenne ich aber auch die Optimierungsbedarfe, um die Mitbestimmung auch für die Zukunft wetterfest zu machen.

Was macht die neue Aufgabe für dich so reizvoll?

Die zielorientierte Mitbestimmungsberatung des Instituts mit Blick auf die transformationsbedingten Veränderungen der Arbeitswelt anzupassen, ist eine spannende gestalterische Aufgabe. Das Klima rund um die Mitbestimmung wurde in den letzten Jahren deutlich rauer. Mitbestimmungsflucht findet nicht mehr heimlich statt, sondern ist vielerorts ein Modetrend. Gerade bei kleinen und mittelständischen familiengeführten Unternehmen. Und das, obwohl die meisten von ihnen eine paritätische Beteiligung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern im Aufsichtsrat selbst nie direkt kennengelernt haben.

Den Mehrwert der Mitbestimmung gemeinsam mit meinem neuen Team im I.M.U. herausstellen zu können und dies immer wieder in der öffentlichen Debatte darzulegen, das ist für mich besonders interessant und ein Ansporn. Wohl wissend, dass dies eine große Herausforderung ist. Da ich mich nunmehr aus dem operativen Geschäft zurückziehe, möchte ich in meiner neuen Aufgabe künftig die Chance ergreifen, die Mitbestimmung noch stärker von der wissenschaftlichen Seite her voranzutreiben.

Was sind für dich die großen Themen der nächsten Zeit?

Das I.M.U. ist eine Denkfabrik für gute Unternehmensführung und Mitbestimmung. Die Hauptaufgabe liegt in meinen Augen darin, dass das Institut weiterhin als starke Stimme der Mitbestimmung wahrgenommen wird. Wichtig erscheint mir, das System der Mitbestimmung in seiner Gesamtheit in den Fokus unserer Arbeit zu setzen, um so Mitbestimmung weiterzuentwickeln. Aus der Vielfalt der Mitbestimmung, genauer gesagt aus den Zusammenhängen zwischen betrieblicher und unternehmerischer Arbeitnehmerbeteiligung, kann eine zielorientierte Mitbestimmungspolitik entstehen.

Mitbestimmung verstehe ich als einen Gestaltungsauftrag an die Arbeitnehmerseite. Sie ist eine Komponente moderner Corporate Governance. Gerade in den strategischen Transformationsprozessen ist die Beteiligung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit eigenen Ideen und eigenen kreativen Lösungsansätzen kein Hindernis, sondern ein wertbildender Faktor für die Unternehmen. Dort wo sich die paritätische Mitbestimmung im Aufsichtsrat über viele Jahre hinweg etabliert hat, wird sie geschätzt und ist nicht mehr wegzudenken. Den Unternehmenseignern, die sich teilweise mit juristischen Tricksereien um die Mitbestimmung drücken und damit vielen Tausenden von Beschäftigten ihre demokratischen Rechte vorenthalten, muss der Gesetzgeber auf die Sprünge helfen, indem endlich das löchrige deutsche Mitbestimmungsrecht nachgebessert wird. Ein gewinnbringendes Verständnis von Partizipation der Beschäftigten ist der Leitgedanke.

Was ist dir noch wichtig bei deiner neuen Aufgabe?

Unser Ziel ist klar definiert: Mit der Mitbestimmung nach vorne gehen, kein Stillstand und erst recht keine weiteren Rückschritte dulden. Auch wenn die Bundesregierung das Thema Unternehmensmitbestimmung nicht auf die Agenda der deutschen Ratspräsidentschaft gesetzt hat, ist und bleibt die Mitbestimmung ein zentrales Zukunftsthema, in Deutschland und in Europa. Mitbestimmung ist ein Erfolgsmodell – hier hat das I.M.U. einen Gestaltungsauftrag im Sinne aller Mitbestimmungsakteure.

Gerade vor dem Hintergrund der Digitalisierung und des technologischen Fortschritts erachte ich es weiterhin als wesentlich, die Qualifizierung von Aufsichtsräten voranzutreiben, damit für Unternehmensstrategien die beste Richtung eingeschlagen wird.

  • Norbert Kluge und Daniel Hay
    Norbert Kluge und Daniel Hay

Weitere Informationen

Daniel Hay war seit 2012 als Gewerkschaftssekretär beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt am Main tätig und davor als Rechtsanwalt in einer bundesweit operierenden Kanzlei. Ursprünglich absolvierte er eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei der MAN Ferrostaal AG und studierte von 2003 bis 2007 an der Ruhr-Universität Bochum Rechtswissenschaften. Später promovierte er zu einem arbeitsschutzrechtlichen Thema unter besonderer Betrachtung der Partizipationsrechte von Arbeitnehmerinteressenvertretungen und Beschäftigten in Deutschland und in Europa.

Hays Vorgänger Norbert Kluge ist Ende März 2020 als Gründungsdirektor des Institutes ausgeschieden. Er kam 1988 zur Stiftung und war bis 2002 Referatsleiter Studienförderung und Forschungsförderung, um anschließend bis 2011 als Forschungsleiter am Europäischen Gewerkschaftsinstitut (ETUI) in Brüssel zu arbeiten. Danach war er zwei Jahre lang Referent des Europäischen Betriebsrates der ThyssenKrupp AG und Koordinator der Betriebsräte der Outokumpu Nirosta Deutschland GmbH und kehrte 2013 als Leiter der Abteilung Mitbestimmungsförderung zur Stiftung zurück. Kluge begleitet bis zum Eintritt in den Ruhestand für die Hans-Böckler-Stiftung den Zeitraum der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, insbesondere um eine bessere gesetzliche Verankerung der Mitbestimmung im europäischen Gesellschaftsrecht voranzubringen.

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