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Gesellschaft: "Epidemien testen unsere Kultur"

Ausgabe 03/2020

Der Medizinhistoriker Alfons Labisch erklärt, warum Deutschland in der Corona-Krise relativ gut dasteht, was wir in Zukunft ändern müssen – und welche positiven Effekte vom Krisenmanagement bleiben könnten. Das Gespräch führten Kay Meiners und Andreas Molitor

Wenn man einmal die Seuchen der Vergangenheit betrachtet: Welche sozialen Gruppen waren am stärksten betroffen?

Die Armen! Das ist eine Grunderfahrung aus der Geschichte der Medizin, und sie gilt bis in die Gegenwart: Arme waren und sind medizinisch zu allen Zeiten unzureichend versorgt, ihr Gesundheitszustand war und ist schlechter, und ihre Lebenserwartung war und ist deutlich niedriger. Die mehrfach wiederkehrenden Pestepidemien im späten Mittelalter trafen besonders die Armenviertel, und im 19. Jahrhundert wütete die Cholera besonders schlimm in den Vierteln mit schlechten Hygienebedingungen und mangelhafter Wasserversorgung. 

Und jetzt, in Zeiten von Corona?

Bislang gibt es meines Wissens keine validen Studien zur Verteilung der Corona-Todesfälle über die sozialen Schichten. Allerdings existieren einige Untersuchungen über die maßgeblichen klinischen Risikofaktoren. Es fällt auf, dass Fettleibigkeit bei Corona nahezu die gleiche Risikowertigkeit hat wie Bluthochdruck, Herz- oder Lungenerkrankungen. Und Fettleibigkeit ist nun einmal sozial ungleich verteilt. Menschen aus den niedrigen Einkommensgruppen leiden bis zu dreimal so häufig unter starkem Übergewicht wie Angehörige höherer sozialer Schichten. Es spricht also viel dafür, dass auch bei der Sterblichkeit an Corona soziale Faktoren von Relevanz sind. 

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass Epidemien Gesellschaften auf den Prüfstand stellen und dass insbesondere die Werte einer Gesellschaft auf Belastbarkeit getestet werden. Was beobachten Sie in der Corona-Krise?

Epidemien stellen die Art des Zusammenlebens und letztlich unsere Kultur infrage. Sie sind gewissermaßen soziale Krankheiten. Darum werden in Krisenzeiten immer Diskussionen über die Grundwerte einer Gesellschaft geführt. Aus Gesprächen weiß ich, dass Wirtschaftsvertreter sagen: Sollten wir nicht die „paar Toten“ in Kauf nehmen, um den verheerenden wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen? Meine Gegenfrage wäre: Sollen wir nicht die Corona-Krise für eine überfällige Bereinigung des Marktes nutzen, um so viele Menschen wie möglich zu retten?

Wolfgang Schäuble hat sich nicht ganz so drastisch, aber letztlich mit einer ähnlichen Stoßrichtung geäußert. Er sagte, es habe nicht alles andere „vor dem Schutz von Leben zurückzutreten“. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert im Grundgesetz gebe, sei das die Würde des Menschen. Teilen Sie diese Einschätzung? 

In der jetzigen Situation wirkt so ein Satz wie ein Hammerschlag. Aber rechtlich trifft er zu, denken Sie an Notwehr oder an das Polizeirecht. In Grenzbereichen muss zwischen den Grundrechten abgewogen werden. Dazu haben sich Verfassungsrechtler klar geäußert. Die Tatsache, dass das Leben ein hohes Gut ist, aber der Schutz nicht absolut sein kann, ist die Basis eines jeden Abwägungsprozesses. Schäubles Satz war in dieser Zeit vielleicht etwas unglücklich, aber er zielt auf den Kern der Öffnungsdiskussion. Wer das wirtschaftliche und soziale Leben nicht ersticken will, nimmt implizit immer Schwerkranke und Tote in Kauf.

Wir brauchen also immer eine Wertediskussion?

Ja, aber die Diskussion wird ja auch geführt. Ich streite mich etwa mit meinem Freund und Kollegen, dem Sozial- und Wirtschaftshistoriker Reinhard Spree. Er kritisiert, dass die harten Entscheidungen der Politik auf invaliden Daten beruhen.

Und was entgegnen Sie?

Dass Politiker und Ärzte ihre Entscheidungen unter Bedingungen der Unsicherheit fällen müssen, dass sie dabei möglicherweise Fehler machen. Aber bevor ich aus langfristigen Studien weiß, was richtig und angemessen ist, schreitet die Epidemie weiter fort. Und es sind dann möglicherweise viele Menschen gestorben, deren Tod vermeidbar gewesen wäre.

Wenn Sie sich die Gesellschaft als Ganzes oder das Verhalten großer Teile der Bevölkerung anschauen, was fällt Ihnen auf?

Die Menschen in Deutschland haben sich von heute auf morgen sehr vernünftig verhalten – das hat sich ja auch bald in den Ansteckungszahlen niedergeschlagen. Man kann das durchaus „solidarisch“ nennen. So, wie sich in einer schweren Krankheit der Charakter eines Menschen zeigt – fängt er an, zu jammern, oder nimmt er sein Schicksal in die Hand? –, so offenbart sich in einer schweren Seuche der Charakter einer Gesellschaft, derjenigen, die diese Gesellschaft bilden, und derjenigen, die sie regieren. Hierzu fallen uns sicherlich einige Beispiele ein.

Sehen Sie langfristige Effekte des Umgangs mit der Corona-Krise für das Wertegerüst unserer Gesellschaft?

Ich hoffe, dass diese Krise zu einer gewissen Besinnung führt und dass die Menschen auf Dauer etwas mehr aufeinander achtgeben, dass sie nicht wieder völlig in die alten Gewohnheiten verfallen, in die Rast- und Ruhelosigkeit.

In den Jahren 1957 bis 1959 forderte die Asiatische Grippe in Deutschland geschätzt rund 29 000 Tote. Das wurde recht klaglos hingenommen. Die Corona-Epidemie verzeichnete bis Ende Mai rund 8400 Todesfälle. Was hat sich in der Wahrnehmung geändert?

Damals regte sich in der Tat kaum jemand auf. Nur die Arbeitgeber beschwerten sich über die vielen Krankschreibungen – es war ja gerade die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall eingeführt worden. Aber auch in den Jahren 2014 bis 2018 hatten wir eine Übersterblichkeit bei der Grippe, also eine Erhöhung der statistischen Sterbezahlen von 20 000 bis 25 000 Menschen pro Jahr. Manche Krankheiten werden skandalisiert, so wie im 19. Jahrhundert die Cholera, andere nicht. Im Vergleich zu früheren Grippe- oder Corona-Epidemien ist jetzt ein ganz anderer Angstlevel zu beobachten.

Warum? Ist Corona so viel gefährlicher?

Die SARS-Epidemie von 2003, die erste große Corona-Pandemie, hatte zunächst eine hohe Letalität, die sich dann bei rund zehn Prozent einpendelte. Die Sterblichkeit der MERS-Epidemie von 2012 liegt bei 35 Prozent. Die Entscheidungsträger haben angenommen, dass etwas Ähnliches auf uns zukommen kann. Das galt besonders, als die klassischen Containment-Strategien, also die Verfolgung und Eingrenzung der Einzelfälle, versagten und es sich abzeichnete, dass das Gesundheitssystem zusammenbrechen könnte. Man muss aber immer schauen, wie groß der Schaden ist, der durch die Gegenmaßnahmen entsteht. Wie bei Medikamenten gibt es auch bei öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen Nebenwirkungen – etwa weil andere Operationen verschoben werden oder Menschen sich nicht mehr ins Krankenhaus trauen oder weil schließlich große Bereiche des gesellschaftlichen Lebens stillgelegt werden.

Sie schreiben, es brauche ein Grundvertrauen in den Staat und seine Institutionen, um mit einer Pandemie zurechtzukommen. Sehen Sie dieses Vertrauen in der Corona-Krise vielleicht sogar gestärkt?

Ja, das Vertrauen ist enorm gestärkt worden, insbesondere mit Blick auf unseren Föderalismus. Für Deutschland wurde bereits 2012 ein Katastrophenszenario mit einem Virus Modi-SARS durchgespielt, in dem ziemlich genau das vorgedacht wird, was jetzt passiert – allerdings in weit schrecklicheren Ausmaßen. Wir waren also nicht unvorbereitet. Der Flickenteppich von Einzelentscheidungen ist im Alltag sehr widersprüchlich. Aber in der Rückschau wird man feststellen, dass vieles richtig war: Bayern ist nicht Nordrhein-Westfalen, Bayern und Nordrhein-Westfalen sind nicht Mecklenburg-Vorpommern. 

In welchen Bereichen müssen wir uns für künftige Epidemien besser aufstellen?

Wir müssen generelle Vorsorgeinstrumente für Epidemien aufbauen. Dazu muss man Infrastruktur und Personal vorhalten. Es gibt genügend Vorschläge, sei es von den Centers for Disease Control and Prevention in den USA, sei es von der Leopoldina. Wir haben jetzt die dritte SARS-Epidemie innerhalb von 20 Jahren – und die nächste SARS-Epidemie kommt bestimmt. 

In den vergangenen Wochen erhielten insbesondere die Pflegekräfte viel Applaus aus Fenstern und von Balkonen. Steuerfreie Zulagen gab es auch. Ist es damit getan?

Eindeutig nein. Die Sparrunden im Krankenhauswesen gingen zu großen Teilen zulasten des Personals, insbesondere in der Pflege. Die Intensivierung der Krankenhauspflege hat die Arbeitsbelastung massiv erhöht. Die Krankenpflege muss grundsätzlich in neuer Weise wertgeschätzt werden. Und Wertschätzung drückt sich keineswegs nur im Lohn aus. Die Ausbildung in der Pflege, die Tätigkeiten, die Verantwortlichkeiten, die Kooperationen mit anderen Berufen, in Sonderheit mit den Ärzten, müssen neu gestaltet werden. Hierzu gibt es viele Vorschläge, die nach der Corona-Krise bedacht werden sollten. 

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