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Studien: Eine bessere Gesellschaft möglich machen

Ausgabe 09/2014

Wohin soll es gehen mit den Gewerkschaften?, fragen Industriesoziologen. Ihre Antwort: Jüngste Erfolge liegen auffallend oft jenseits der traditionellen Tarifpolitik, unterlegt von einer kollektiven Idee, die den Gewerkschaften „moral power“ verleiht. Von Gunnar Hinck

Die wichtigste Botschaft vorab: Gewerkschaftsforscher wie Richard Hyman, Peter Birke und Kollegen halten das Organizing für das richtige und vielversprechende Mittel für die europäischen Gewerkschaften, um aus der Defensive zu kommen. Das Organizing-Modell, das ursprünglich aus den USA stammt, bedeutet, dass Gewerkschaften gezielt die Unternehmen oder Branchen, in denen es „brennt“, in den Blick nehmen und gemeinsam mit den Beschäftigten Kampagnen gegen konkrete Missstände und Konflikte initiieren. Die Belegschaft erfährt, dass man sich um sie kümmert und konkrete Verbesserungen durchgesetzt werden können – was im Idealfall in einer Welle von Gewerkschaftsbeitritten mündet. Organizing heißt somit, die Spielräume gewerkschaftlicher Arbeit zu erweitern.

Die (digital vernetzte) Öffentlichkeit scheint es zu honorieren, wenn eine Kampagne einen gesellschaftlichen Nerv trifft, professionell und langfristig angelegt ist und Betroffene intensiv einbindet. Öffentlichkeitswirksame Kampagnen der jüngsten Vergangenheit – etwa bei Amazon oder bei Burger King – haben, lässt sich anmerken, sicherlich auch damit zu tun, dass die Gesellschaft nach dem Ende des neoliberalen Großtrends (wieder) sensibilisiert ist für die Realitäten in prekären Arbeitswelten. „Sicher ist, dass eine stärker konfliktorientierte Politik in den vergangenen Jahren lokal zu einer größeren Attraktivität und Sichtbarkeit der Gewerkschaften beitragen konnte“, schreiben der WSI-Forscher Heiner Dribbusch und der Göttinger Soziologe Peter Birke in ihrer Studie – auch als Rat für die Zukunft. Damit ziehen sie ähnliche Schlüsse­ wie der renommierte britische Industriesoziologe Richard Hyman von der London School of Economics und seine Kolleginnen Magdalena Bernaciak vom Europäischen Gewerkschaftsinstitut (EGI) und Rebecca Gumbrell-McCormick von der Universität London. Kann doch eine konfliktorientierte Gewerkschaftspolitik ein Mittel sein, um ebenjene gesellschaftliche Mission und damit die angemahnte „moral power“ zu verkörpern.

MANGELNDE VERANKERUNG

Europas Gewerkschaften müssen sich mit zwei Hauptproblemen auseinandersetzen: zum einen mit dem – wenngleich teilweise inzwischen gestoppten – Mitgliederrückgang und zum anderen mit der mangelnden Verankerung unter prekär Beschäftigten und sozialen Minderheiten. „Gewerkschaften sind mit dem ähnlichen Dilemma konfrontiert, dass Arbeitnehmer, die kollektive Vertretung und Solidarität am nötigsten haben, am schwersten zu organisieren sind“, bringen Hyman und Kolleginnen die Schwierigkeit auf den Punkt. Ihre Studie zeigt, wie die europäischen Gewerkschaften auf unterschiedliche Weise, aber allesamt mit Maßnahmen reagieren, die dem Organizing entsprechen: Spanische und portugiesische Gewerkschaften haben eigene Fachbereiche geschaffen für junge Arbeitnehmer, Frauen und Einwanderer, da diese überdurchschnittlich häufig prekär beschäftigt sind. In Italien haben die Gewerkschaftsverbände eigene Gewerkschaften für Leiharbeiter gegründet. 

Es sei einfacher, atypisch Beschäftigte an eigens für sie gegründete Organisationen zu binden als an etablierte Gewerkschaften, analysieren die Autoren. In Großbritannien bieten die Gewerkschaften inzwischen Sprachkurse für Arbeitsmigranten aus den neuen EU-Staaten an und haben Personal eingestellt, das die Sprachen der Einwanderer spricht. Eine weitere Strategie ist, die innergewerkschaftliche Demokratie durch Mitgliederbefragungen und -abstimmungen zu verbessern. Ihre Webauftritte benutzen die meisten Gewerkschaften inzwischen nicht nur als Informationsplattform, sondern auch als Bindeglied zu Mitgliedern, die entweder als Freiberufler oder Leiharbeiter über keinen dauerhaften Arbeitsplatz verfügen oder aus zeitlichen Gründen nicht zu traditionellen Mitgliedertreffen erscheinen können.

FINANZKRISE HAUT REIN

Die Folgen der Finanzkrise schätzen die Autoren für die europäischen Gewerkschaften (u.a. mit Ausnahme Deutschlands) als gravierend ein. In Griechenland und Portugal, aber auch in Ostmittel­europa hat die Bedeutung der Tarifbindung teils drastisch abgenommen, außerdem hat sich das Lohnniveau merklich nach unten bewegt. Daneben hat die Krise, so die Autoren, aber auch Widersprüche gewerkschaftlicher Politik zutage gefördert: So gehörte es einerseits zum gewerkschaftlichen Grundkonsens, dass man nicht zu einem „business as usual“ zurückkehren dürfe und die Rahmenbedingungen des Finanzkapitalismus grundsätzlich reformiert werden müssten. Andererseits ging es ihnen verständlicherweise zunächst um Standortrettungen und den Erhalt von Arbeitsplätzen – was das erste Ziel in den Hintergrund treten ließ. 

Zum anderen hätten die internationalen Gewerkschaftsverbände zwar nach der Krise „beeindruckende Analysen und fortschrittliche Forderungen“ aufgestellt, in der gewerkschaftlichen Praxis sei es jedoch eher um gewöhnliche Standortkonkurrenz gegangen – zwischen den Nationen und selbst innerhalb der Länder. Dies, so warnen die Autoren, verstärke den Standortwettbewerb über möglichst niedrige Löhne. In der Tat sind gesamt­europäische gewerkschaftliche Strategien, die auf eine grenzüberschreitende Solidarität abzielen und sich gegen Versuche wirksam wehren, die nationalen Arbeitnehmerschaften gegeneinander auszuspielen, bislang wenig entwickelt: Die westeuropäischen Gewerkschaften beklagen den Wegfall der Arbeitsplätze, während ihre Kollegen in den neuen EU-Ländern die zweischneidige Tatsache hinnehmen, dass sie die neuen Arbeitsplätze aufgrund ihres niedrigeren Lohnniveaus gewonnen haben.

Die ostmitteleuropäischen Gewerkschaften, die unter einer geringen Mitgliederdichte und mangelnden „öffentlichen Legitimität“ (Hyman et al.) leiden, sind mit historisch bedingten Nachteilen konfrontiert. Die Gewerkschaften, die einst mit den kommunistischen Staatsparteien verbunden waren, tragen bis heute den Makel der Vergangenheit. Bis 2008 hatten sie zwei Drittel ihrer Mitglieder verloren. Die neu gegründeten Gewerkschaften wurden wiederum weniger als Streiter für soziale Rechte, sondern als Mitverantwortliche des schmerzhaften Strukturwandels seit 1990 wahrgenommen.

Allerdings finden sich beträchtliche Unterschiede: In Slowenien sind die Gewerkschaften sowohl in Bezug auf die Tarifbindung als auch auf die Mitgliederdichte relativ stark; am schwächsten sind die Gewerkschaften in den baltischen Ländern. Warum aber ausgerechnet in Rumänien immerhin 33 Prozent der Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglieder sind (Slowenien: 26 Prozent, beide Zahlen für 2010), erläutert die Studie nicht näher. 

ANLASS ZU HOFFNUNG

Allerdings gibt es in Ostmitteleuropa Anlass für Hoffnung. Gerade wegen ihrer institutionellen Schwäche nutzen die Gewerkschaften vermehrt öffentliche Kampagnen (auf der Straße und über die verschiedenen medialen Kanäle), um aus der Defensive zu gelangen. Ihre Proteste­ gegen die Austeritätspolitik haben, so die Autoren, geholfen, die Skepsis der Arbeitnehmer gegenüber den Gewerkschaften abzubauen.

Für die europäischen Gewerkschaften insgesamt hält die Studie im Wesentlichen zwei Wege für sinnvoll: erstens „innovative Verhandlungsstrategien“, wie zum Beispiel das Projekt „Gute Arbeit“ und die Kampagne „Kurswechsel für ein gutes Leben“ der IG Metall, sowie die Thematisierung der „Work-Life Balance“ etwa durch schwedische und österreichische Gewerkschaften oder etwa auch Tarifabschlüsse in Dänemark, die es den Beschäftigten überlassen, ob sie Tarifbestandteile als Lohn, als Rentenbeitrag oder als Extraurlaub verwerten möchten. Im Alltagsgeschäft gingen derartige Ideen leicht unter, in „harten Zeiten“ seien innovative Ansätze aber unabdingbar, um „effektive Organisationen und die Mobilisierungsfähigkeit wiederaufzubauen“, analysiert das Autorentrio.

Zweitens ist es aus ihrer Sicht notwendig, dass Gewerkschaften „moral power“ verkörpern. Der gewerkschaftliche Apparat mit seiner Organisationsroutine sei wichtig, um die Interessen der Mitglieder zu vertreten und professionelle Abläufe zu gewährleisten. Allerdings bedürfe es eines Gegengewichts innerhalb der Gewerkschaften, da Apparate zu einer gewissen Trägheit neigten, denn strategische Wandlungen bedrohen immer auch interne Machtverteilungen: „Sie [die Gewerkschaften, d. A.] sind keine bloßen Versicherungsunternehmen, und sie können nur überleben, wenn sie für eine gesellschaftliche Idee und eine gesellschaftliche Mission stehen.“ Nötig sei eine normative Vision, eine kollektive Identität – zur deren Bildung die Mittel des Organizing helfen können: „Eine ernsthafte Wendung zum Organizing heißt, die Ziele gewerkschaftlicher Arbeit, die Klientel, die man zu repräsentieren sucht, die Formen der Aktivitäten und die internen demokratischen Prozesse zu überdenken.“

Strategische Innovationen sollten nicht auf dem Reißbrett entstehen, sondern müssen zusammen mit den Mitgliedern entwickelt werden. Das größte Problem allerdings sei, so das ernüchternde Urteil der Autoren, dass viele Gewerkschaften den Glauben an ihre Fähigkeit verloren hätten, eine bessere Gesellschaft zu erreichen. Ihre Mahnung ist deutlich: „Nötig ist eine neue, einfallsreiche Gegenoffensive.“

Auch die DGB-Gewerkschaften erlitten seit 1990 bekanntlich starke Mitgliederverluste. Die Hauptursache liegt im Strukturwandel der Wirtschaft, wie Heiner Dribbusch und Peter Birke in ihrer Studie ausführen. Traditionelle Branchen mit hohem Organisationsgrad sind geschrumpft, während die Gewerkschaften in den neuen privaten Dienstleistungsbereichen einen schweren Stand haben. Geschwächt wurden die Gewerkschaften außerdem durch die Verschiebung der Machtbalance zwischen Arbeit und Kapital. Die jahrlange, hohe Arbeitslosigkeit und die Tendenz zu Ausgliederungen und Produktionsverlagerungen ins Ausland boten den Unternehmen die Hebel, um ihre Ziele leichter durchzusetzen. Der zurückgegangene Grad an Tarifbindung ist ein Zeichen dieses aus dem Lot geratenen Kräfteverhältnisses.

2008 markiert die Trendwende: Dass die Finanz- und Wirtschaftskrise die Rolle der deutschen Gewerkschaften wieder gestärkt hat, mag auf den ersten Blick erstaunen, weil Gewerkschaften in Zeiten von Rezession und hoher Staatsverschuldung in der Regel mit dem Druck zur Mäßigung und Lohnzurückhaltung konfrontiert sind. Der „Krisenkorporatismus“ mitsamt der Konjunkturpakete und der Kurzarbeitsregeln hat dafür gesorgt, dass die Gewerkschaften unter Arbeitnehmern Zustimmung gewannen wie auch von Arbeitgebern und Regierung als „betriebliche und tarifpolitische Ordnungsmacht“, so Birke/Dribbusch, geschätzt wurden. 

Bereits in den 90er Jahren hatten betriebliche Bündnisse­ für Arbeit, an denen Gewerkschaften wesentlich beteiligt waren (ein prominentes Beispiel ist die 1993 eingeführte Viertagewoche bei VW), für den Erhalt der im europäischen Vergleich nach wie vor vorzeigbaren industriellen Substanz gesorgt. Die heutige gute wirtschaftliche Lage resultiert auch aus dieser vorausschauenden gewerkschaftlichen Beschäftigungspolitik. Auf diese spezifisch deutsche Vorgeschichte gehen die Studien nicht ein.

Auffallend ist, dass jüngste, spektakuläre Erfolge gewerkschaftlicher Arbeit jenseits der traditionellen Tarifpolitik liegen und dem Organizing-Prinzip ähneln. Die IG Metall hat mit ihrer Leiharbeitskampagne „Gleiche Arbeit – gleiches Geld“ auf die Probleme der Leiharbeit aufmerksam gemacht und zur Verbesserung der Bedingungen beigetragen. Der Mindestlohn, der ab 2015 Gesetz sein wird, wurde ursprünglich von der NGG gefordert und ab 2006 auch von ver.di und dem DGB mittels groß angelegter Kampagnen. Das Mindestlohn-Beispiel zeigt zudem, dass es einer Organisation nicht schaden muss, wenn sie im Lauf der Jahre ihre Meinung ändert – die meisten Gewerkschaften standen einem Mindestlohn bekanntlich zunächst skeptisch gegenüber, weil sie die Tarifautonomie berührt sahen. 

Mehr Informationen

Der Industrial-Relations-Forscher Richard Hyman von der London School of Economics nimmt zusammen mit Magdalena Bernaciak vom Europäischen Gewerkschaftsinstitut in Brüssel (EGI) und Rebecca Gumbrell-McCormick von der Universität London die Gewerkschaften in Europa insgesamt in den Blick.

Magdalena Bernaciak/Rebecca Gumbrell-McCormick/Richard Hyman: Trade Unions in Europe. Innovative Responses to Hard Times. April 2014.

Mit der Situation der DGB-Gewerkschaften insbesondere nach der Finanz- und Wirtschaftskrise befassen sich Heiner Dribbusch vom WSI in der Hans-Böckler-Stiftung und Peter Birke, Soziologe an der Universität Göttingen.

Heiner Dribbusch/Peter Birke: Die DGB-Gewerkschaften seit der Krise. Entwicklungen, Herausforderungen, Strategien. April 2014.

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