zurück
Nachhaltigkeit Windräder Magazin Mitbestimmung Magazin Mitbestimmung

Nachhaltig: Die Guten ins Töpfchen

Ausgabe 06/2020

Mit einheitlichen Kriterien will die Europäische Union auf Finanzmärkten mehr Geld in nachhaltige Anlagen lenken. Sie zielen vor allem auf Klimaschutz. Gewerkschaften ist wichtig, dass das „S“ für „sozial“ nicht auf der Strecke bleibt. Von Fabienne Melzer

Nachhaltig oder nicht nachhaltig? Von der Antwort auf diese Frage hängt für immer mehr Finanzmarktinvestoren die Entscheidung ab: anlegen oder nicht anlegen? Viele wollen ihr Geld nicht mehr in Unternehmen stecken, die Umwelt und Gesellschaft schaden. Vor zwei Jahren fachte Larry Fink, Chef der amerikanischen Fondsgesellschaft BlackRock, die Debatte mit einem Brandbrief an. Er kündigte an, sein Unternehmen werde sich von Anlagen trennen, die ein erhebliches Nachhaltigkeitsrisiko darstellen. Der norwegische Staatsfonds zieht sich schon länger aus Unternehmen zurück, die mehr als 30 Prozent ihres Geschäfts mit Kohle machen. Auch Unternehmen, die Waffen produzieren oder systematisch Rechte von Beschäftigten verletzten, flogen von der Investitionsliste. Der Markt für nachhaltige Geldanlagen wächst laut der Global Sustainable Investment Alliance, einem internationalen Zusammenschluss nachhaltiger Investoren, zwischen 2016 und 2018 auf den fünf großen Finanzmärkten um 34 Prozent.

EU arbeitet an einheitlichen Kriterien

Wer in den Kreis der nachhaltigen Investments aufgenommen werden will, muss sich von einer auf das Thema spezialisierten Ratingagentur wie ISS ESG oder MSCI Emerging Markets seinen sauberen Umgang mit Mensch und Natur bescheinigen lassen. Einen verbindlichen Standard gibt es dafür allerdings nicht. Nach dem Willen der Europäischen Union soll sich das ändern. Mit ihrem Aktionsplan will sie Kapital auf nachhaltige Investitionen umlenken und so eine Investitionslücke von 180 Milliarden Euro schließen, um die Pariser Klimaziele 2030 zu erreichen. Teil des Aktionsplans ist ein Klassifikationssystem, anhand dessen Nachhaltigkeit bewertet werden kann. Allerdings zielt es bislang nur auf den Klimaschutz.

Soziale Dimension fehlt noch

Maxi Leuchters arbeitet am Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung zu Finanzdienstleistungen. Über den Aktionsplan der EU sagt sie: „Die soziale Dimension ist völlig unterbelichtet. Ohne eine soziale Komponente wird es aber keine gesellschaftliche Mehrheit für eine nachhal­tige Transformation geben.“ Soziale Kriterien in der Beurteilung von Nachhaltigkeit sollen laut EU in einem zweiten Schritt folgen.

Die Bundesregierung will Deutschland zum führenden Finanzmarkt in Sachen Nachhaltigkeit machen und hat dazu einen Beirat eingerichtet. Kai Lindemann vom DGB-Bundesvorstand ist in dem 38-köpfigen Gremium die Stimme der Beschäftigten und sieht in der Debatte durchaus eine Chance. „Wir haben uns als Gewerkschaften zu lange allein auf öffentliche Investitionen konzentriert“, sagt Lindemann. „Je mehr Krisen wir erleben, desto wichtiger wird es, auch private Investitionen dorthin zu lenken, wo Beschäftigung erhalten und aufgebaut wird.“

So könne der Staat etwa über die Ausgabe grüner Staatsanleihen privates Geld einsammeln. Sie würden Deutschland geradezu aus den Händen gerissen. 2020 verkaufte der Staat erstmals eine grüne Staatsanleihe und nahm damit 6,5 Milliarden Euro ein. Er hätte fünfmal so viel verkaufen können. Mit grünen Staatsanleihen ließe sich ein Transformationsfonds finanzieren, für den auch Lindemann sich im Beirat einsetzt. „Wir machen uns immer nur Gedanken über den Ist- und den Soll-Zustand, aber nicht über den Weg dazwischen. Wenn wir die sozialen Übergänge nicht gestalten, werden wir das Ziel aber nicht erreichen“, sagt der Gewerkschafter. 

Soziale Aspekte wie Beschäftigung, Arbeitsbedingungen, Tarifbindung und Mitbestimmung dürfen bei nachhaltigen Anlagen nicht hinten runterfallen oder sogar negativ zu Buche schlagen. „Einige Nachhaltigkeitsratings verlangen eine unabhängige Unternehmensführung und damit nach ihrem Verständnis eine ohne Arbeitnehmerbeteiligung“, erklärt Kai Lindemann. „Das kann dazu führen, dass ein mitbestimmtes Unternehmen abgewertet wird. Für uns als Gewerkschafter ist aber nur ein mitbestimmtes Unternehmen ein nachhaltiges.“ Dieser Widerspruch muss ausgeräumt werden. 

Thema für Aufsichtsräte

Eine, die das Nachhaltigkeitsthema im Aufsichtsrat immer wieder vorantreibt, ist Kerstin Jerchel. Sie arbeitet beim Verdi-Bundesvorstand in Berlin und sitzt in den Aufsichtsräten der Commerzbank und der Allianz Deutschland. In größeren Unternehmen müssen sich Aufsichtsräte seit 2017 mit Nachhaltigkeit befassen. Mit der Richtlinie der EU zur sozialen Unternehmensverantwortung erweiterte die Bundesregierung 2017 die Berichterstattungspflicht. Die nichtfinan­zielle Berichterstattung soll transparent machen, wie sich unternehmerisches Handeln auf Umwelt, Gesellschaft, Beschäftigte, Produkte und Zulieferer auswirkt. Aufsichtsräte müssen sie prüfen. Kerstin Jerchel sieht in der Nachhaltigkeitsdebatte eine Chance, wenn sich Aufsichts- und Betriebsräte hier einmischen. „Mitbestimmung muss dafür sorgen, dass das ‚S‘ für ‚sozial‘ nicht hinten runterfällt“, sagt Kerstin Jerchel. 

Während es in der Industrie um nachhaltige Produktion und Produkte geht, müssen sich Banken und Versicherer überlegen, wo sie zukünftig ihr Geld anlegen. „Für Banken spielt es im Risiko­management eine Rolle“, sagt I.M.U.-Expertin Maxi Leuchters. „Wenn sie viele Unternehmen finanzieren, die nicht nachhaltig sind, müssen sie mehr Eigenkapital vorhalten.“ Doch auch das Image spielt eine Rolle. Vor allem junge Menschen wollen ihr Geld nicht mit Luftverschmutzung, Landschaftszerstörung oder Kinder­arbeit vermehren. Vor allem in der Altersgruppe der 16- bis 25-Jährigen legen immer mehr Menschen wert darauf, ihr Geld nachhaltig anzulegen. Laut Umfragen sind es unter jungen Menschen mehr als doppelt so viele wie in höheren Altersgruppen. 

Gefahr von Green und Social Washing

Viele Unternehmen reagieren bereits. So will Daimler in zwei Jahren weltweit CO₂-neutral produzieren. Energiekonzerne müssen nach dem beschlossenen Kohleausstieg auf erneuerbare Energien umsteigen. Nachhaltige Produktion bedeutet teilweise aber auch weniger Arbeit. 

Klaus Mertens, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Betriebsrats von ZF Friedrichshafen in Schweinfurt, vermisst bei der Diskussion einen Blick auf die Nachhaltigkeit der Gesamtwirtschaft und auf die Frage, wie Beschäftigte aus den alten Produktionen den Weg zu neuen Arbeitsplätzen finden. Bei dem Autozulieferer ZF hat der Betriebsrat 2016 dafür gesorgt, dass die E-Mobilität nach Schweinfurt kommt. Dafür sollten in der Produktion von Stoßdämpfern 1500 Arbeitsplätze verlagert werden. Es wurden dann nur 800. Viele von aus der Stoßdämpferproduktion arbeiten inzwischen an der E-Mobilität. Auch die Produktion von Schienendämpfern hat der Betriebsrat am Standort gehalten. Mertens kritisiert: „Wir produzieren heute weltweit 80 Millionen Autos pro Jahr. Das sind im Hinblick auf Nachhaltigkeit entschieden zu viele. Weniger Autos bedeuten aber weniger Schichten, und weniger Schichten heißt weniger Arbeit für weniger Menschen. Da müssen wir über Konversion sprechen. Darüber macht sich aber keiner Gedanken.“

Kai Lindemann vom DGB-Bundesvorstand sieht noch ein anderes Problem. Momentan sei die Gefahr groß, dass Unternehmen in der Finanzwirtschaft Green Washing und Social Washing betreiben und ihre Anlagen einfach als nachhaltig klassifizieren. „Sie drücken ihnen den ILO-Kernarbeitsnormen-Stempel auf, ohne dass es eine staatliche Instanz nachprüft und verifiziert. Die Finanzmärkte bewerten und regeln sich auch in diesem Bereich bisher selbst“, sagt Lindemann. Deshalb brauche es dringend einheitliche Regeln und eine unabhängige Bewertung.

Was heißt Nachhaltigkeit? „Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen.“ Rat für nachhaltige Entwicklung

Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung, I.M.U. - Judith Beile: Akteure und Regulierung. Sustainable Finance. Juli 2020

Mitbestimmungspraxis: Arno Prangenberg/Marius Tritsch: Nichtfinanzielle Berichterstattung – Prüfung durch den Aufsichtsrat (pdf). Arbeitshilfen für Aufsichtsräte Nr. 20, Januar 2019

Zwischenbericht: Die Bedeutung einer nach­haltigen Finanzwirtschaft für die große Transformation

Nachhaltigkeitskompass: Das Institut für Mitbestimmung und Unternehmens­führung hat umfangreiches Material zum Thema Nachhaltigkeit zusammengestellt und unter dem „Nachhaltigkeitskompass“ ins Netz gestellt.

Zugehörige Themen

Weitere Inhalte zum Thema

Newsletter mit Ihren Themen

Bleiben Sie informiert: Neueste Forschungsergebnisse und Infos zu den Themen Mitbestimmung, Arbeit, Soziales, Wirtschaft. Unsere Newsletter können Sie jederzeit abbestellen.

Der Beitrag wurde zu Ihrerm Merkzettel hinzugefügt.

Merkzettel öffnen