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: Der Einbruch

Ausgabe 01+02/2009

UNTERNEHMEN Oliver Polomsky ist Referent des Betriebsrates beim Gabelstaplerbauer Kion. Erst haben Investoren die Schuldenlast erhöht - jetzt drückt die Krise als externer Schock die Nachfrage.

So etwas nennt man wohl eine düstere Vorahnung: "Kommt der nächste Abschwung zu früh", hieß es im September 2007 im Magazin Mitbestimmung, "kann es schnell schlimm stehen um Kion." Der Abschwung traf den Gabelstaplerhersteller früher und heftiger, als selbst notorische Pessimisten es befürchtet hätten. "Das Worst-Case-Szenario ist eingetreten", konstatiert Oliver Polomsky, Referent des Kion-Europabetriebsrats nüchtern. "Die Aufträge sind dramatisch zurückgegangen, der Börsengang wurde verschoben, und wir sitzen auf einem Schuldenberg von 2,5 Milliarden Euro."

Mit einer Nachfragedelle habe die Branche schon seit einiger Zeit gerechnet, sagt Polomsky, der auf dem Weg zu seinem Büro im Aschaffenburger Linde-Werk täglich beobachten kann, wie die Reihen unverkäuflicher Stapler immer länger werden, "aber nicht in dieser Größenordnung und nicht in diesem Tempo". Für das laufende Jahr kalkuliert Kion mit einer Produktion von nur noch 24 000 Gabelstaplern - ein Drittel weniger als die rund 20 000 Beschäftigten eigentlich bauen sollen. Die Hauptkunden - Bauindustrie, Einzelhandel und vor allem die Autoindustrie - haben derzeit kein Geld übrig für neue Geräte.

Noch vor Jahresfrist glaubten die Betriebsräte, die Zeit der Sorgen läge nun fürs Erste hinter ihnen. Alles sah so gut aus. 2006 hatte ein Konsortium aus den Finanzinvestoren Kohlberg, Kravis Roberts (KKR) und Goldman Sachs Capital Partners die Gabelstaplersparte aus dem Linde-Konzern herausgekauft. Die Arbeitnehmervertreter hatten sämtliche Bewerber vorher geprüft, alle "Heuschrecken" einem "Beauty Contest" unterzogen und eine Negativauswahl getroffen - eine Pioniertat in Sachen Mitbestimmung. Mit dem Zuschlag für KKR und Goldman Sachs konnten die Betriebsräte gut leben. Das Konsortium hatte zentrale Forderungen akzeptiert, vor allem eine Beschäftigungs- und Standortgarantie bis August 2011 und die Absage an den Verkauf von Filetstücken.

Unter der Ägide der neuen Investoren standen die Zeichen zunächst klar auf Wachstum. Sie investierten, sie drängten sich nicht ins operative Geschäft, Umsatz und Ergebnis, Beschäftigung und Auftragseingang zeigten deutlich positive Tendenz. Nur wenige glaubten damals an ein jähes Ende der Schönwetterperiode. Wer es dennoch tat, begann zu frösteln. Die Finanzinvestoren hatten den Kauf vor allem über Kredite finanziert und Kion den Schuldenberg aufgebürdet. Was würde passieren, wenn magere Jahre kommen?

Würde das Unternehmen den Schuldendienst, immerhin 180 Millionen Euro jährlich, noch leisten können? Und wenn nicht - wie würden die neuen Herren im Hause Kion dann reagieren? Jetzt ist die Situation da. "Wir haben maximal noch eine Handbreit Wasser unterm Kiel", sagt Oliver Polomsky. Was so viel bedeutet wie: Noch kann der Kapitaldienst geleistet werden, aber viel schlimmer darf es nicht mehr kommen. "Wenn unsere Aufträge noch weiter einbrechen, ist die Situation nicht mehr steuerbar." In den vergangenen Monaten wurde die Produktion heruntergefahren und die Arbeitszeit verkürzt, vor allem über Schließungstage und den Abbau von Arbeitszeitkonten. Nun steht Kurzarbeit an. Nachdem das Kion-Management die Fabriken mit einem Kostensenkungsprogramm schon einmal fit gemacht hat für einen Börsengang, der dann im vergangenen Sommer abgesagt wurde, befürchtet Polomsky jetzt neuen Druck auf die Belegschaft. Droht ein Lohnverzicht? "Wenn die Beschäftigten in der jetzigen Situation tatsächlich auf Geld verzichten sollen", erläutert Polomsky die Position des Betriebsrates, "dann lässt sich das überhaupt nur diskutieren, wenn auch die Eigentümer Kapital nachschießen."

Der Kion-Betriebsrat sieht das Investorenkonsortium klar in der Pflicht. Es ist allerdings eine Pflicht, der Finanzinvestoren in solch schwierigen Zeiten nur schwer nachkommen können. Der Private-Equity-Branche geht es miserabel. Der Strom neuer Deals ist fast komplett versiegt, weil die Banken den Kredithahn zugedreht haben. Wenn ein Investor in einer solchen Situation Geld in seine Portfolio-Unternehmen stecken muss, verschlechtert sich seine Eigenkapitalsituation noch mehr. Viele Buy-out-Unternehmen können die Kredite, mit denen sie ihre Deals gestemmt haben, nicht zurückzahlen - und geben den Druck weiter an ihre Portfolio-Unternehmen. Branchenkenner schätzen, dass jede zweite Firma im Besitz von Heuschrecken in den nächsten drei Jahren Pleite gehen könnte.

Was all dies für Kion konkret bedeutet, kann derzeit noch niemand sagen. Und so sind die Beschäftigten mit reichlich Sorgen ins neue Jahr gestartet: Stehen die Investoren zu der vertraglich zugesicherten Beschäftigungsgarantie? Werden sie der Belegschaft Opfer abverlangen? Oder wollen sie das Unternehmen zum Krisen-Discountpreis abstoßen, um selbst den Kopf aus der Schlinge zu ziehen? So würden Finanzinvestoren im Normalfall wohl reagieren. Aber wer hat in düsteren Zeiten wie diesen schon zwei Milliarden Euro übrig?


KION GROUP
Der Gabelstaplerhersteller Kion beschäftigt weltweit rund 21 000 Mitarbeiter und erzielte 2007 einen Umsetz von 4,3 Milliarden Euro. Kion - der Name kommt aus der Sprache der Massai und bedeutet so viel wie "Führer"; auf Chinesisch steht Kion für "stolz auf den Sieg" - ist 2006 aus der Gabelstaplersparte von Linde hervorgegangen und gehört seither den Finanzinvestoren KKR und Goldman Sachs Capital Partners. Der für Herbst 2008 geplante Börsengang wurde abgesagt - wegen Finanzkrise und Konjunkturabkühlung.

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