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Migration: #ankommen

Ausgabe 06/2020

Roudy Ali, Talat Khonsor und Hamid Zatari stammen aus Syrien und suchten im Herbst 2015 in Deutschland Zuflucht. Die Hans-Böckler-Stiftung fördert ihr Studium mit einem Stipendium der Böckler-Aktion Bildung. Ein Gedankenaustausch über ihren Neustart, deutsche Hochschulen und den Bau von Brücken. Aufgezeichnet von Jeannette Goddar

#neustart

Hamid Zatari: Erst einmal konnte ich nicht weit vorausdenken: Ständige Umzüge in einem Land, über das man nichts weiß und in dem alles anders ist. Das Einzige, was ich sicher wusste: Bevor ich etwas machen kann, muss ich Deutsch, Deutsch, Deutsch lernen.

Roudy Ali: Im Nordirak habe ich Agraringenieurwesen studiert, heute stehe ich kurz vor meinem Bachelor in Sozialarbeit. Ich habe zu Beginn andere Geflüchtete zu ihren Behördenterminen begleitet und übersetzt, so etwas wollte ich dann auch beruflich machen. Einfach war es allerdings nicht: Ich musste noch für meinen kleinen Sohn und zwei jüngere Schwestern mitdenken. Und wir fingen nicht bei null an, sondern an einem Punkt auf der Minusskala.

Talat Khonsor: Das mit dem Minusbereich gefällt mir. Zu allem, was organisiert werden musste, kommt hinzu, dass wir alle in Syrien schwierige Situationen erlebt haben. Und anders als internationale Studierende haben wir uns Deutschland nicht ausgesucht, sondern uns hier sozusagen wiedergefunden. Trotzdem stand für mich fest: Ich mache hier meinen Master. In Homs stand ich kurz vor dem Abschluss nach fast acht Jahren Studium. Ich hatte einen guten Job an der Uni. An so einen Punkt wollte ich so schnell wie möglich wieder.

#hochschule

Talat Khonsor: Ich hörte in meiner zweiten Unterkunft von einem Orientierungsjahr für Geflüchtete an der Uni Oldenburg. Es verband Deutschunterricht mit der Vorbereitung darauf, wie an einer deutschen Universität gelernt wird, und mit Gasthörerangeboten. Mir hat das sehr geholfen. Am Ende habe ich die beste Sprachprüfung abgelegt und durfte unter anderem vor der Vizepräsidentin eine Rede halten.

Hamid Zatari: Strukturell lief die Studienvorbereitung an der OTH Regensburg gut. Es gab Kurse, Informationen über BAföG, meine Zeugnisse wurden anerkannt. Vieles andere lief nicht gut. Ich habe mich wirklich ins Zeug gelegt und nach eineinhalb Jahren ein Tutorium mit 40 Studierenden geleitet. Dennoch hat man mich immer wieder spüren lassen, dass ich in meine „Heimat“ zurückgehen soll – vor allem in der Stadt, es waren aber auch Studierende daran beteiligt. Ich habe dann die Universität gewechselt und bin nach Köln gezogen. Die Stadt erlebe ich als viel toleranter, freundlicher und chilliger als Regensburg.

Roudy Ali: Ich habe auch Rassismus erlebt, nicht nur von Deutschen, auch von anderen Nationalitäten. Als jemand, der sich für Menschen- und Minderheitenrechte einsetzt, macht mich das sehr traurig. Ich bin allerdings willens, mich da durchzukämpfen: Ich engagiere mich im Studierendenparlament, und seit Neuestem bin ich stellvertretendes Mitglied im Integrationsrat der Stadt Münster. Insgesamt fühle ich mich durchaus wohl und heimisch in Deutschland.

  • Hamid Zatari
    Hamid Zatari, 25, studierte in Aleppo Bauingenieurwesen, bevor er nach Deutschland kam. Nach zwei Jahren an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg wechselte er 2019 an die TH Köln. Dort absolviert er ein Bachelorstudium für angehende Bauingenieure und ist zurzeit im siebten Semester.

#stipendium

Hamid Zatari: Seit ich Stipendiat bin, kann ich mich noch einmal ganz anders auf mein Studium konzentrieren. Nicht nur wegen des Geldes, sondern weil ich weiß: Die Hans-Böckler-Stiftung ist da. Es gibt eine Stelle, die sich wirklich dafür inte­ressiert, dass ich weiterkomme. Auch die monatlichen Stipendiatentreffen waren eine super Gelegenheit, sich zu vernetzen. Jetzt ist das leider erst einmal alles weg – wegen Corona.

Talat Khonsor: Ich habe mich super gefreut, dass das geklappt hat. Vieles wäre sonst schwieriger. BAföG zu beantragen wäre eine hohe Hürde gewesen, immer die Frage vor Augen: Kann ich das zurückzahlen – und bis wann?

Roudy Ali: Ich nutze viele Seminare der Hans-Böckler-Stiftung, unter anderem war ich zum Thema Journalismus beim Handelsblatt in Düsseldorf und zu Zukunftsorientierung bei Siemens in Berlin. Dort habe ich auch interessante Kontakte zu ehemaligen Stipendiaten geknüpft.

#brücken bauen

Roudy Ali: Wir engagieren uns in Deutschland, sind aktiv, haben die Sprache gelernt. Wir bauen Brücken. Ich frage mich: Wie lange wird die deutsche Gesellschaft benötigen, um mich nicht mehr als Ausländer und Flüchtling zu sehen? Für mich hat das auch mit Identität zu tun. Wenn ich Deutschland als Heimat betrachte, erwarte ich, dass das akzeptiert wird und ich nicht als „die andere“ ­gelte.

Hamid Zatari: Identifiziere ich mich mit dem Stereotyp Flüchtling mit all den Bildern, die dazugehören? Nein. Ich bin geflüchtet, nun geht das Leben weiter. Deutschland hat mir ein Angebot gemacht – ich nutze es. Damit tue ich etwas für die Gesellschaft, für meine Familie und für mich. Wenn ich etwas erreiche, geht es auch mir besser.

Talat Khonsor: Die deutsche Sprache treibt mich auch in meinem Engagement um: Ich habe eine Zeit lang in einem Projekt mitgearbeitet, das Oldenburger Schülerinnen und Schüler, unabhängig von ihrer Herkunft, an technische Fachsprache heranführt.

  • Talat Khonsor
    Talat Khonsor, 34, stand in Homs kurz vor seinem Master in Maschinenbau, als er mit seinem minder­jährigen Bruder nach Deutschland floh. Nun studiert er im vierten Semester Engineering Physics (Masterstudiengang) mit dem Schwerpunkt erneuerbare Energien an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg.

#freiheit

Roudy Ali: In Deutschland können wir uns wohl und sicher fühlen, obwohl wir kritisch sind und ohne dass jemand dafür verhaftet wird. Sicherheit und Meinungsfreiheit, überhaupt Freiheit, sind wichtig dafür, dass ich mich hier heimisch fühle.

Talat Khonsor: Sicherheit und Freiheit helfen einem sehr, sich weiterzuentwickeln. Die Atmosphäre spielt eine große Rolle dabei, was man aus sich machen kann.

#arbeit

Hamid Zatari: Ich habe im International Office der OTH Regensburg gearbeitet, als Verkäufer und Barkeeper, als Werkstudent in einem Ingenieurbüro. Es ist wichtig, Menschen etwas zuzutrauen. Wenn ich nichts machen darf, mache ich vielleicht alles richtig. Aber ich lerne nichts hinzu.

Roudy Ali: Bei meinem ersten Praktikum im Sozial­amt habe ich am Anfang regelrecht gezittert, als ich amtliche Briefe schreiben sollte. Ich habe dann mit meiner Leiterin darüber gesprochen. Sie hat mich bestärkt und angeboten, die Briefe erst einmal ihr zu schicken. Nach ein paar Wochen sagte sie dann: „Trau dich, du kannst das alleine.“ Wenn man ein Ziel hat, muss man erst einmal an sich glauben.

#ziele

Hamid Zatari: Anfangs war mein Plan, als Bauingenieur beim Wiederaufbau von Syrien zu helfen. Inzwischen würde ich nicht ausschließen, dass ich in Deutschland mehr für Syrien tun kann als vor Ort. Doch ich hoffe, dass wir alle eines Tages eine freie Entscheidung treffen können, wo wir Verantwortung für unser Land übernehmen.

Talat Khonsor: Auch wenn die Lage in Syrien ungeheuer schwierig ist: Mein Ziel ist im Grunde immer noch, in Homs zu arbeiten und das, was ich in Deutschland über die Energiewende und erneuerbare Energien gelernt habe, in Syrien weiterzugeben und am besten auch umzusetzen. Unser Land blutet, und ich habe das Gefühl, ich werde dort gebraucht.

Roudy Ali: Keiner von uns kann dort etwas machen, weil es keine demokratischen Strukturen gibt. Ich habe zweimal neu angefangen – zuerst im kurdischen Nordirak, nun hier. Ich möchte nicht noch einmal von „minus x“ anfangen, weder für mich noch für meinen inzwischen siebenjährigen Sohn. Wir haben uns in Deutschland etwas aufgebaut. Und ich bin überzeugt, ich kann auch in meiner neuen Heimat Deutschland Gutes tun.

 

Die Studien- und Promotionsförderung der Hans-Böckler-Stiftung unterstützt jährlich

2400 Studierende in grundständigen Studiengängen

450 Promovierende aller Fachrichtungen

50 Teilnehmende des zweiten Bildungsweges

Die Stiftung fördert vorrangig Menschen, die in ihrer Familie als Erste einen akademischen Bildungsweg eingeschlagen und/oder ihren Hochschulzugang auf dem zweiten Bildungsweg erworben haben.

Seit 2015 hatten 37 Prozent der Geförderten eine Zu­wanderungsgeschichte und 6 Prozent Erfahrung mit Flucht.

boeckler-stipendium.de

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