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Studium: Höhere soziale Hürde nach dem Abitur

Ausgabe 06/2012

In den vergangenen Jahrzehnten haben immer mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten Abitur gemacht. Doch die nächste Hürde im Bildungssystem ist höher, nicht niedriger geworden: Arbeiterkinder mit Hochschulzulassung studieren heute seltener als Mitte der 1970er-Jahre.

Die „soziale Selektivität“ des deutschen Bildungssystems ist hoch. Mehr als die Hälfte der Kinder von höher gebildeten Selbstständigen schafft es an die Uni. Anders verlaufen die Bildungskarrieren von Kindern, deren Eltern Arbeiter mit Hauptschulabschluss sind: Von ihnen studiert nur jeder Zehnte. Das geht aus einer Untersuchung der Bildungsexperten Markus Lörz vom HIS-Institut für Hochschulforschung in Hannover und Steffen Schindler von der Universität Mannheim hervor.

Die Wissenschaftler haben untersucht, wie sich die Ungleichheit im deutschen Bildungssystem zwischen 1976 und 2006 verändert hat. Dabei kristallisieren sich zwei gegenläufige Bewegungen heraus: Wer aus einem bildungsfernen Haushalt kommt, erwirbt heute zwar eher eine Studienberechtigung, löst sie aber seltener ein. Es zeige sich, „dass der Aufholprozess, der für bildungsferne Gruppen beim Zugang zur Hochschulreife zu verzeichnen ist, auf der Etappe vom Abitur zur Hochschule zum Teil wieder verpufft“.
Als Datenbasis dienen den Wissenschaftlern der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes sowie die Ergebnisse regelmäßiger Studentenbefragungen des Instituts für Hochschulforschung. Insgesamt liegen der Untersuchung die Bildungsverläufe von 75.000 Schülern und über 100.000 Studienberechtigten zugrunde.

1976 erwarben etwa 8 Prozent der Kinder von Arbeitern mit Hauptschulabschluss die Berechtigung zum Hochschulzugang, 2006 waren es immerhin 21 Prozent. Die Studierquote dieser Gruppe ging allerdings bis 1992 zurück – von 63 auf 44 Prozent.

In den Folgejahren stieg die Quote zwar wieder auf 54 Prozent. Gemessen an der Gesamtzahl Studierender fielen Kinder aus eher bildungsfernen Haushalten aber trotz des Zuwachses seit den 1990er-Jahren zurück. Denn in höheren Bildungsschichten hat der Studentenanteil fast während des gesamten Untersuchungszeitraums kontinuierlich zugenommen. Entsprechend kommen die Forscher mit unterschiedlichen statistischen Verfahren zum gleichen Ergebnis: Die soziale Selektion an der Schwelle vom Abi zur Uni ist heute ausgeprägter als vor 30 Jahren.

Die Wissenschaftler haben keine eindeutige Erklärung für ihre Beobachtungen, aber sie listen einige Theorien auf, die mit den Ergebnissen kompatibel sind. So passt die Tatsache, dass sich die Abiturientenquoten höherer Bildungsschichten im untersuchten Zeitraum kaum verändert haben, zur „Sättigungsthese“: Weil bereits in den 1970er-Jahren alle hinreichend begabten Kinder höher gebildeter Eltern Abitur machten, profitierten von der weiteren „Bildungsexpansion“ im Schulbereich zwangsläufig die unteren Bildungsschichten. Ebenso plausibel sei die Vermutung, dass die Motivation niedrigerer Bildungsschichten zugenommen hat, weil sie heute höhere Abschlüsse zum Statuserhalt benötigen: „Um einen Ausbildungsplatz zu bekommen, wird mittlerweile oftmals die Hochschulreife vorausgesetzt, während vor 30 Jahren ein Haupt- oder Realschulabschluss ausgereicht hätte.“ Ein dritter Ansatz verbindet beide Teilergebnisse – höhere Studienberechtigtenquoten unter Arbeiterkindern, aber geringere Studierquoten. Demnach würden die höheren Bildungsschichten auf das Schrumpfen ihres Vorsprungs im Schulsystem reagieren, indem sie noch häufiger studieren, um die frühere Distanz zu weniger privilegierten Schichten wieder herzustellen.

Ob junge Erwachsene aus den unteren Bildungsschichten ein Studium antreten oder nicht, hängt den Wissenschaftlern zufolge nicht zuletzt von politisch gesetzten Anreizen ab. So habe nicht nur die Debatte über Akademikerarbeitslosigkeit in den 1980er-Jahren viele junge Frauen aus Arbeiterhaushalten vom Studium abgeschreckt; die ungünstigeren Konditionen beim BAföG könnten sich in dieser Phase ebenso negativ ausgewirkt haben.
Trotz der beobachteten Fortschritte im Schulbereich sehen Lörz und Schindler hier nach wie vor den wichtigsten Ansatzpunkt für mehr soziale Ausgewogenheit im Bildungssystem. Denn Kinder von höher gebildeten Beamten oder Selbstständigen machen auch heute noch mehr als dreimal so häufig Abitur wie Arbeiterkinder.

  • Arbeiterkinder: Beim Abi aufgeholt, an der Uni nicht
    Die Abiturientenquote von Arbeiterkindern ist seit 1976 gestiegen. Von den Arbeiterkindern mit Abitur studiert heute aber ein geringerer Anteil als in den 1970er-Jahren. Grafik herunterladen

Quelle

Markus Lörz, Steffen Schindler: Bildungsexpansion und soziale Ungleichheit: Zunahme, Abnahme oder Persistenz ungleicher Chancenverhältnisse – eine Frage der Perspektive?, in: Zeitschrift für Soziologie 6/2011

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