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Corona: Gleichstellung in der Krise

Ausgabe 04/2021

Die Coronakrise könnte die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bei Löhnen, Arbeitszeiten und familiären Verpflichtungen teilweise verschärfen.

Gesundheitlich, ökonomisch, politisch, kulturell – die Corona-Pandemie wirkt sich in vielerlei Hinsicht aus. Was sie für die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern bedeutet, haben die WSI-Forscherinnen Aline Zucco und Yvonne Lott untersucht. Ihrer Analyse zufolge dürften sich ambivalente Muster ergeben: Scheinbare kurzfristige Fortschritte bei der Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, dem Gender Pay Gap, treffen auf möglicherweise dauerhafte Verschlechterungen der Arbeitszeitsituation von erwerbstätigen Frauen. In einigen Familien verfestigt sich die traditionelle Verteilung der unbezahlten Kinderbetreuung, in anderen eröffnen sich aber auch neue Chancen für eine fairere Aufteilung. Da zu Einkommen oder Arbeitszeiten noch keine aktuellen Daten der amtlichen Statistik vorliegen, haben die Gender-Expertinnen für ihre Untersuchung auch die Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung ausgewertet.

„In der Gesamtschau spricht vieles dafür, dass sich die bereits vor der Krise existierenden Ungleichheitsstrukturen in der Krise verschärfen und damit auch langfristig zu einer wachsenden Ungleichheit zwischen den Geschlechtern führen könnten, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird“, fasst Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI, die aktuellen Trends zusammen. „Gleichzeitig können wir durch die Erfahrungen der Krise lernen, welche Faktoren eine egalitäre Verteilung der Sorgearbeit ermöglichen: Mehr Arbeit im Homeoffice und ein geringeres Arbeitszeitvolumen sind wichtige Säulen einer gerechteren Geschlechterordnung“, so Kohlrausch.

Mehr Arbeitslose und Kurzarbeiter,weniger Minijobberinnen

Der Rückstand von Frauen beim durchschnittlichen Bruttostundenverdienst ist zwischen 2009 und 2019 zwar leicht zurückgegangen, schreiben Lott und Zucco. Mit 19 Prozent 2019 sei der Gender Pay Gap in Deutschland aber weiterhin groß gewesen, auch im europäischen Vergleich. Die Forscherinnen halten es für wahrscheinlich, dass sich die Schere in der Coronakrise zunächst wieder etwas schließen könnte. Denn zwischen Frühjahr und Herbst 2020 stieg die Arbeitslosigkeit bei Männern deutlich stärker an als bei Frauen, gleichzeitig waren mehr männliche Beschäftigte in Kurzarbeit. Obwohl der Wegfall von Minijobs vor allem Frauen getroffen hat, dürften unter dem Strich die durchschnittlichen Stundenlöhne von Männern stärker gesunken sein. 

Der Effekt könnte sich zum Jahreswechsel aber wieder gedreht haben, weil sich im zweiten Lockdown die Beschäftigung bei den Frauen ungünstiger entwickelte als bei den Männern, heißt es in der Studie. Außerdem stünden Frauen bei Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit finanziell oft schlechter da als Männer. Denn die Höhe des Kurzarbeitsgeldes leite sich, wie auch die des Arbeitslosengeldes, vom Nettoeinkommen ab. Und viele verheiratete Frauen hätten im Rahmen des Ehegattensplittings eine ungünstige Steuerklasse, was zu geringeren Einkommensersatzleistungen führt. Zudem erhielten Frauen weniger oft eine Aufstockung des Kurzarbeitsgeldes. Das liege unter anderem daran, dass sie seltener in tarifgebundenen Betrieben arbeiten, für die Gewerkschaften häufig eine Aufstockung durch den Arbeitgeber vereinbaren konnten.

Vor allem Mütter müssen Arbeitszeit reduzieren 

Insbesondere während der ersten Lockdown-Phase schlug die Pandemie sowohl auf die Erwerbsarbeitszeiten von Frauen als auch die von Männern durch. Allerdings mit signifikanten Unterschieden, wie Lott und Zucco herausarbeiten: „Frauen reduzierten ihre Arbeitszeiten häufiger wegen Kinderbetreuung, während Männer aufgrund von Kurzarbeit oder anderen betrieblichen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus kürzer arbeiteten.“ So gaben zur Zeit der weitgehenden Schul- und Kitaschließungen im April rund 24 Prozent der erwerbstätigen Mütter an, ihre Arbeitszeit wegen der Kinder reduziert zu haben, unter den Vätern waren es etwa 16 Prozent. Bis zum November sank der Anteil zwar bei beiden Geschlechtern, er war mit fast zehn Prozent unter den Müttern aber weiterhin deutlich höher als unter den Vätern mit knapp sechs Prozent.

Zwar ging auch die durchschnittliche Erwerbsarbeitszeit von Frauen ohne Kinder stärker zurück als die der Männer, die Arbeitszeitreduzierung zur Kindebetreuung ist nach Analyse der Forscherinnen aber ein wichtiger Grund dafür, dass der Gender Time Gap gewachsen ist: Vor Ausbruch der Pandemie arbeiteten erwerbstätige Mütter im Schnitt zehn Stunden pro Woche weniger als Väter in einem bezahlten Job. Im Frühjahr 2020 betrug die Differenz zwölf Stunden, im November noch elf Stunden.

Die WSI-Expertinnen sehen das Risiko langfristiger Auswirkungen. Denn anders als bei der Kurzarbeit, bei der der Wechsel zurück zur vorherigen Arbeitszeit durch die Beteiligung der Bundesagentur faktisch „automatisch“ geschehe, sei der Einfluss der Arbeitgeber nach familienbedingten Reduzierungen größer. Im schlimmsten Fall könnte sich „ungewünschte Teilzeit“ verstetigen. Außerdem signalisierten kürzere Erwerbsarbeitszeiten aus familiären Gründen aus Arbeitgebersicht „oftmals ein geringeres Arbeitsengagement, was negative Folgen für den weiteren beruflichen Werdegang wie geringere Löhne, weniger Weiterbildungschancen und Aufstiegsmöglichkeiten haben kann“, schreiben Lott und Zucco.

Wenig Änderung beim Gender Care Gap

In Deutschland seien nach wie vor in erster Linie die Mütter mit der Kinderbetreuung beschäftigt, und zwar auch dann, wenn sie berufstätig sind, so die Wissenschaftlerinnen. Im Zuge der Coronakrise habe sich daran in der großen Mehrheit der Familien nicht viel geändert. Rund 75 Prozent der Befragten mit Job und Kindern gaben an, die Verteilung der Betreuungszeit sei gleich geblieben. In gut sieben Prozent der Partnerschaften zeigte sich ein Wechsel zu einer traditionellen Arbeitsteilung: Die Frauen übernahmen den größten Anteil der anfallenden zusätzlichen Sorgearbeit, obwohl diese vor der Krise einigermaßen gleich verteilt war. Auf der anderen Seite berichteten fast zwölf Prozent der Befragten, in ihrem Haushalt sei die Kinderbetreuung ausgeglichener verteilt. Bei weiteren knapp fünf Prozent ist es während der Pandemie dazu gekommen, dass sich vor allem der Mann um die Kinder kümmert. Diese Veränderungen seien zwar im Zeitverlauf etwas weniger stabil gewesen als der in anderen Familien beobachtete Wechsel zur traditionellen Arbeitsteilung. Dass die Väter mehr Sorgearbeit übernahmen, scheine also „in erster Linie eine kurzfristige Anpassung an die Notsituation zu sein“, schreiben Lott und Zucco. Gleichwohl machen sie ein gewisses „Modernisierungspotenzial bei der partnerschaftlichen Arbeitsteilung“ aus, das sich oft ergeben habe, wenn Väter durch Kurzarbeit oder Homeoffice mehr Zeit zu Hause verbrachten.

Um negative gleichstellungspolitische Folgen der Krise abzufedern, empfehlen die Wissenschaftlerinnen unter anderem, die institutionelle Kinderbetreuung auszubauen und betriebliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Zudem gelte es, soziale Dienstleistungsberufe aufzuwerten, das Ehegattensplitting zu reformieren und mehr Partnermonate beim Elterngeld einzuführen.

Aline Zucco, Yvonne Lott: Stand der Gleichstellung – Ein Jahr mit Corona, WSI-Report Nr. 64, Februar 2021

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