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Bildung: Die feinen Unterschiede wachsen

Ausgabe 20/2015

Studierende aus höheren Bildungsschichten zieht es an Unis und Fachhochschulen, die in Rankings gut abschneiden. Die soziale Ungleichheit im Bildungssystem nimmt durch den Wettbewerb der Hochschulen eher zu.

Rankings könnten gerade jungen Menschen ohne bildungsbürgerlichen Hintergrund helfen, sich in der akademischen Welt zurechtzufinden. Die regelmäßig veröffentlichten Tabellen vesprechen Hilfe bei der Auswahl einer voraussichtlich besonders ertragreichen Ausbildungsstätte. Arbeiterkinder sind, so wäre zu vermuten, dank Hochschulranking nicht mehr im Nachteil gegenüber Gleichaltrigen aus akademischem Elternhaus, die bei der Wahl von Studienfach und Universität ihre Eltern zurate ziehen können. Der Wissensvorsprung der Eliten würde schrumpfen, die Startbedingungen würden sich angleichen.

Ob die seit den 1990er-Jahren regelmäßig veröffentlichten Ranglisten tatsächlich solche Wirkungen entfalten, haben Felix Weiss vom Forschungsinstitut Gesis sowie Steffen Schindler und Maria Gerth von den Universitäten Bamberg und Köln untersucht. Sie stützen sich auf Befragungen von Studienanfängern der Wirtschafts- oder Ingenieurwissenschaften unterschiedlicher Jahrgänge von 1993 bis 2005, durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Insgesamt gingen Angaben von knapp 7.000 Studierenden in die Untersuchung ein.

Keine Demokratisierung durch Rankings

Kernergebnis: Offenbar wirken die Rankings ganz anders. Hochschulen, die in Rankings des Centrums für Hochschulentwicklung gut abschneiden, erfreuen sich einer größeren Beleibtheit bei höheren Gesellschaftsschichten, während junge Leute, deren Eltern kein Abitur haben, seltener dort studieren. Auch wenn der Einfluss von Schulnoten, Schulform, Geschlecht, geografischen und vielen weiteren Faktoren berücksichtigt wird, ist das Resultat eindeutig.
Damit sei zwar nicht bewiesen, dass Hochschulranglisten die Ursache für zunehmende Ungleichheit im Bildungssystem seien, schreiben die Wissenschaftler. Mit Sicherheit verworfen werden könne jedoch die gegenteilige These – dass Rankings durch die „Demokratisierung“ von Informationen über Hochschulen die Chancengleichheit vergrößern.

Aber wie ist das zu erklären? Offenbar reagieren die ohnehin privilegierten Schichten stärker auf die Signale, die von Rankings ausgehen. Wegen ihrer häufig überdurchschnittlichen finanziellen Ausstattung fällt ihnen das auch leichter. Junge Leute aus bürgerlichen Schichten wechseln eher den Wohnort, um an einer „guten“ Hochschule zu studieren. „Die Kosten hierfür wiegen für Kinder aus ökonomisch schlechter gestellten Familien schwerer als für Kinder aus besser gestellten Familien“, so die Studie. Arbeiterkinder könnten zudem grundsätzlich weniger auf wissenschaftliche „Exzellenz“ versessen sein, weil schon das Studieren an sich für sie einen erheblichen Statusgewinn darstellt. Vermutlich wirkt auch gerade das elitäre Image von Hochschulen mit Bestnoten abschreckend: Statt besondere Anziehungskraft auszuüben, könnte die Vorstellung, an der „besten“ Uni oder FH zu studieren, Versagens­ängste auslösen.

Ob solche Überlegungen von Studienanfängern sachlich gerechtfertigt sind – und ob Hochschulrankings überhaupt Aussagekraft besitzen –, ist nach Auffassung der Forscher allerdings unsicher: „Qualität im Bildungssektor“ sei ein „vages und aufgrund der Vielschichtigkeit schwer objektivierbares Konstrukt“.

  • Unis: Spitzenrankings ziehen die Oberschicht an
    Uni-Rankings tragen keineswegs zum Abbau der Ungleichheit im Bildungssystem bei. Grafik herunterladen

Felix Weiss, Steffen Schindler, Maria Gerth: Hochschulrankings als Kriterium für neue soziale Ungleichheit im tertiären Bildungssystem?, in: Zeitschrift für Soziologie 5/2015

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