Arbeitsmarkt

"Wir werden nicht alle Programmierer"

Beschäftigte dürfen sich nicht erst weiterbilden, wenn ihr Arbeitsplatz bedroht ist, sagt Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Dann ist es zu spät. Das Gespräch führte Fabienne Melzer


Ökonomen sehen Anzeichen dafür, dass die Konjunktur abflauen könnte. Wirkt sich das auf den Arbeitsmarkt aus?
Ich rechne nicht mit einem Einbruch. Zum einen hängen Boombranchen wie Pflege oder Erziehung nicht von der Konjunktur ab. Zum anderen sind Arbeitskräfte für Arbeitgeber wertvoller geworden. Sie entlassen nicht mehr so schnell, wenn die Konjunktur abflaut. Insgesamt erwarte ich, dass der Arbeitsmarkt weiter gut läuft. Ende der 2020er Jahre ist Vollbeschäftigung möglich.

Wie könnte diese Vollbeschäftigung aussehen? Wird sich der Arbeitsmarkt spalten, bricht die Mitte weg? 
Die Qualifikationsanforderungen werden insgesamt steigen. Das kommt aber auch der zunehmenden Studierneigung entgegen. Die Digitalisierung wird wesentliche Auswirkungen gerade auch in der Mitte des Qualifikationsspektrums haben. Wenn wir unsere berufliche Bildung darauf einstellen, glaube ich aber nicht, dass uns die Mitte wegbrechen wird.

Welche Fähigkeiten werden zukünftig gebraucht?
Mit der Digitalisierung ist es naheliegend, dass mehr IT-Kenntnisse gefragt sind. Wir werden aber keineswegs alle zu Programmierern. Allgemeinere Kompetenzen werden deutlich wichtiger, zum Beispiel kommunikative Fähigkeiten, Abstraktionsvermögen, Denken in Prozessen und teilweise auch Kreativität.

In der Pflege und der Kinderbetreuung aber auch in einigen technischen Berufen fehlen bereits Fachkräfte. Was passiert, wenn weniger Menschen auf den Arbeitsmarkt kommen? 
Niemand sagt, dass die heutige Zahl von Arbeitskräften die einzige mögliche ist. Eine Wirtschaft kann sich an Änderungen anpassen. Die Schrumpfung wird allerdings sehr schnell ablaufen, das wird wehtun. Wenn ein Betrieb keine Leute mehr findet, wird er zumachen. Deshalb muss die Politik den Prozess flankieren.

Aber Menschen müssen gepflegt und Kinder betreut werden, auch wenn der Arbeitsmarkt schrumpft.
Diese Branchen werden weiter wachsen, und das bedeutet, dass die Löhne steigen. Das tun sie ja auch. Allerdings wurden die Berufe so lange vernachlässigt, dass die Einkommen hier immer noch auf einem niedrigen Niveau liegen. Die Löhne von Erzieherinnen und Pflegekräften müssen steigen, nicht nur weil es wirtschaftlich notwendig ist. Es geht auch darum, ihre Arbeit wertzuschätzen.

Sie sagten, der Schrumpfungsprozess wird wehtun, wenn die Politik ihn nicht flankiert. Wie muss sie ihn flankieren?
Potenzial gibt es noch bei der Arbeitszeit. Die starre Trennung zwischen Teilzeit und Vollzeit muss weg. Frauen sitzen immer noch zu oft in der Teilzeitfalle, damit verschenken wir Kompetenzen. Das Gesetz zur Brückenteilzeit ist ein Anfang, aber es muss praktisch noch viel passieren.
Wir müssen auch darüber nachdenken, wie Ältere länger arbeiten können. Wenn Dachdecker ihr Handwerk betreiben wie heute, schaffen sie es kaum, bis zur Rente zu arbeiten. Da muss sich etwas ändern, damit Menschen länger im Arbeitsleben bleiben können.

Noch suchen viele Menschen Arbeit. Profitieren sie vom Boom?
Es gibt immer noch mehr als zwei Millionen Arbeitslose. Aber der starke Sog des Arbeitsmarkts wirkt. Die Langzeitarbeitslosigkeit geht seit Jahren zurück.

Was geschieht, wenn Angebot und Nachfrage nicht zusammenpassen? Ein Dachdecker wird kaum als Pfleger anfangen.
Es ist natürlich illusorisch, Menschen in großem Umfang von einem Beruf in den anderen zu bringen. Es geht um naheliegende Tätigkeiten. Wer in der Autobranche Metall bearbeitet hat, braucht vielleicht nur eine kurze Qualifizierung, um im Maschinenbau das gleiche zu tun. Aber vor allem dürfen wir uns nicht erst weiterbilden, wenn es kritisch wird. Zurzeit wird eine Weiterbildung erst finanziert, wenn der Arbeitsplatz vom Strukturwandel betroffen ist. Dann ist es zu spät. Beschäftigte haben gesetzlich zurzeit nur alle vier Jahre einen Anspruch, sich weiterzubilden. Das wäre so, als hätte ich vier Kinder und nur eins darf zur Schule gehen. Wir müssen Qualifizierung kontinuierlich organisieren. Das ist auch eine politische Aufgabe.

Ist es nicht Aufgabe der Betriebe?
Arbeitgeber müssen Beschäftigte für Anforderungen in ihrem Betrieb qualifizieren. Aber Betriebe sind keine Bildungseinrichtungen. Wir brauchen ein Weiterbildungssystem mit demselben Stellenwert wie das Erstausbildungssystem. Damit ist Finanzierung gemeint, aber auch Beratung, Transparenz, Qualitätssicherung und Zertifizierung der Abschlüsse. 

Warum sollten Menschen sich qualifizieren, wenn ihr Arbeitsplatz nicht bedroht ist? 
Bei der Weiterbildung spielen finanzielle Faktoren zwar eine wesentliche Rolle, aber es geht um viel mehr. Oft sind Menschen das Lernen nicht mehr gewohnt, finden sich bei den Bildungsangeboten nicht zurecht oder haben zeitliche Einschränkungen. Neben der finanziellen Unterstützung geht es also darum, den individuellen Fällen in einer professionellen Beratung gerecht zu werden.

Brauchen wir mehr Zuwanderung?
Es müssten jährlich 400 000 Menschen im Saldo zuwandern, um den Rückgang an Arbeitskräften auszugleichen. Die hohen Zuwanderungszahlen der vergangenen Jahre waren einmalige Effekte ausgelöst durch die EU-Osterweiterung, die Eurokrise und Flucht. Wir werden diese 400 000 jährlich nicht schaffen. Zumal jedes Jahr zehn Prozent der ausländischen Bevölkerung abwandern. Nimmt die ausländische Bevölkerung durch Zuwanderung zu, erhöht sich auch die Zahl derer, die abwandern. Wenn man das hochrechnet, müssten jährlich sogar drei Millionen zuwandern, um mittelfristig einen Saldo von 400 000 zu erreichen. Das ist unmöglich. Deshalb sollten wir uns darum kümmern, wie wir Zuwanderer besser hier halten und integrieren können. 

Zur Person

Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg fordert ein Weiterbildungssystem mit demselben Stellenwert wie das Erstausbildungssystem.


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