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Digitale Vorzeigefabrik: Durchs Tübinger Werk von Siemens kurven vollautomatische Flurförderwagen, die per App programmiert werden können Magazin Mitbestimmung Magazin Mitbestimmung

Qualifizierung: Das 100-Millionen-Ding

Ausgabe 06/2019

Wenn die Arbeitswelt sich rasant verändert, brauchen die Beschäftigten Hilfe, damit sie Schritt halten können. Bei Siemens bekommen sie Unterstützung in Form eines Zukunftsfonds für Qualifizierung. Von Andreas Molitor und Andreas Kraft

Nicht einmal drei Jahre ist es her, da schockte die Konzernleitung von Siemens mit der Ankündigung, dass mehr als die Hälfte der damals 580 Jobs im Tübinger Werk gestrichen werden sollen. Die seit Längerem verlustbringende Montage von Motoren, eine Domäne des Werks, sollte komplett ins tschechische Mohelnice verlagert werden. Für die Beschäftigten war die Ankündigung ein Schock. Bei einer spontanen Kundgebung vor dem Werkstor standen vielen die Tränen in den Augen. 

Heute zählt die Siemens-Fabrik im Tübinger Ortsteil Kilchberg zu den digitalen Vorzeigewerken des Konzerns. Kundengespräche werden mit VR-Brillen geführt, fahrerlose Transportsysteme namens Heinerle oder Yvonne manövrieren durch die Gänge, Roboter beladen vollautomatisiert Werkzeugmaschinen. Von einer drohenden Schließung redet niemand mehr.

Ohne den konsequenten und unermüdlichen Einsatz von Belegschaft und Betriebsrat, nach Kräften unterstützt von der IG Metall, wäre der Turnaround jedoch nicht gelungen. Schon lange vor dem angekündigten Stellenabbau hatten die Arbeitnehmervertreter die Zeichen der Zeit erkannt, nicht auf ein „Weiter so!“ gesetzt, sondern eine konsequente Digitalstrategie für das Werk gefordert. Nach der Ankündigung der Stellenstreichungen rotierte der Betriebsrat erst recht. Monatelang feilte man an Konzepten. Den Argumenten konnte sich schließlich auch die Unternehmensführung nicht verschließen und legte das Ruder um – von Produktionsverlagerung auf Digitalisierungsoffensive. 

Für seinen Kampf um die Rettung des Werks wurde der Betriebsrat im November in Bonn mit dem Deutschen Betriebsräte-Preis in Gold ausgezeichnet. Standort gerettet, Jobs gesichert und eine von der Schließung bedrohte Fabrik zum digitalen Schrittmacher gemacht – damit konnten die Tübinger die Jury auf ihre Seite ziehen.

Allerdings fehlte ihnen noch ein wichtiger Baustein: die Qualifizierung der Beschäftigten für die neuen Tätigkeiten. Sie müssen ja lernen, mit Robotern und anderen digitalen Helfern zu arbeiten. Dazu benötigen sie andere Fertigkeiten als bisher. Frühere Tätigkeiten dagegen, vor allem ständig wiederkehrende Routinejobs, fallen weg. Den Tübingern war klar, dass sie mit der anstehenden Transformation ihres Werks ein weiteres Thema automatisch auf der Tagesordnung hatten: Viele Beschäftigte müssen den Schritt von der Vergangenheit in die Zukunft noch bewältigen. Sie benötigen maßgeschneiderte Qualifizierungspäckchen.

Das Thema Qualifizierung schlägt die Brücke zum zweiten Gewinner des Betriebsräte-Preises in Gold, der sich die Auszeichnung mit den Tübingern teilt und ebenfalls aus dem Hause Siemens kommt – dem Gesamtbetriebsrat. Er und die IG Metall hatten gemeinsam mit der Konzernleitung im Mai 2018 einen 100 Millionen Euro schweren Zukunftsfonds ausgehandelt – exklusiv für die Um- und Weiterqualifizierung der Siemens-Beschäftigten in Deutschland. Einzelne Betriebe oder Einheiten können aus diesem Fonds Geld für ihre Qualifizierungskonzepte beantragen. Betriebsrat, Betriebsleitung und Geschäftsverantwortliche sind aufgerufen, ihre Expertise in gemeinsame Qualifizierungskonzepte zu gießen. Ein paritätisch besetztes Gremium aus Gesamtbetriebsrat und Konzernführung entscheidet dann, welche Projekte wie finanziert werden. „Das sind Investitionen in unsere Kolleginnen und Kollegen“, sagt Gesamtbetriebsrat Tobias Bäumler. Anstelle einer Politik des „Hire and fire“ trete die Idee, die Beschäftigten im Wandel mitzunehmen. Der Zukunftsfonds macht es möglich, dass die dringend benötigten Qualifizierungsprojekte in Tübingen und an anderen Siemens-Standorten nun bald starten können. 

Beide Projekte – die Transformation zum digitalen Vorzeigewerk und der Zukunftsfonds – gelten als Paradebeispiel für eine aktive Gestaltung des strukturellen Wandels und der digitalen Transformation, maßgeblich vorangetrieben durch die Arbeitnehmervertreter. „Die Betriebsräte haben nicht tatenlos zugeschaut“, sagte Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall, in seiner Laudatio bei der Preisverleihung, „sondern den strukturellen Wandel mitgestaltet.“

Der Zukunftsfonds ist übrigens Bestandteil des Zukunftspakts, den Konzernleitung, Gesamtbetriebsrat und IG Metall im Mai 2018 vereinbart haben – nach monatelangen, harten Auseinandersetzungen über die geplante Schließung mehrerer Standorte in Deutschland. Durch massiven Widerstand von Beschäftigten, Betriebsräten und der IG Metall konnte dies abgewendet werden. Nun scheinen bei den anstehenden Veränderungen – Joe Kaesers Agenda hat sich nicht grundlegend gewandelt – Mitbestimmung und Parität zumindest ein größeres Gewicht zu haben.

Die Basis findet Gehör

Bei Siemens, so der Gesamtbetriebsrat, sei ein neues Bewusstsein gewachsen, dass man den Wandel nur bewältigen kann, wenn man auch auf Ideen von der Basis setzt. Dafür sorgt auch der Innovationsfonds „Ideen aus der Belegschaft“, so Gesamtbetriebsrat Tobias Bäumler, „werden an den Organisationsstrukturen vorbei gehört und diskutiert“. Der Fonds finanziert die Weiterentwicklung von Ideen für neue Produkte oder Geschäftsmodelle, die von Beschäftigten eingereicht wurden.

Die erfolgreiche Transformation des Tübinger Werks sowie Innovations- und Zukunftsfonds führen auch zu einer neuen Unternehmenskultur, glaubt der Gesamtbetriebsrat. „Das verändert die Sozialpartnerschaft bei Siemens“, ist Tobias Bäumler überzeugt. „Früher dominierten die alten Feindbilder – hier der Arbeitgeber, dort die Arbeitnehmer. Jetzt sehen wir regelmäßig, wie Betriebsräte und Betriebsleiter gemeinsam für ihren Standort kämpfen.“ 

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