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Systemrelevant Podcast: Vom BIP zum magischen Viereck? Wie wir Wohlstand messen können

Das Bruttoinlandsprodukt ist der am häufigsten verwendete Wohlstandsindikator. Aber misst es wirklich, was es messen soll? Sebastian Dullien und Marco Herack diskutieren über alternative Wohlstandsmaße.

[19.08.2020] Gerade in Krisenzeiten haben grundlegende Fragen Hochkonjunktur: Ist die Art und Weise unseres Wirtschaftens die richtige? Spiegeln uns vertraute Indikatoren und Maßzahlen wirklich das wider, was sie sollen? Es daher kein Wunder, dass in der Klima- und Coronakrise die Kritik am Bruttoinlandsprodukt (BIP) lauter wird, wie der Direktor unseres Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien, und Moderator Marco Herack zu Beginn feststellen.

Das BIP misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Land innerhalb eines Jahres hergestellt werden. In Politik und Öffentlichkeit wird der Indikator nicht selten als Synonym für den wirtschaftlichen Wohlstand eines Landes verwendet, was für Dullien zu kurz greift. Aus Sicht des BIP würden nämlich negative Ereignisse wie Verkehrsunfälle eine positive Wohlstandswirkung zeitigen, während zum Beispiel familiäre und freundschaftliche Sorgeleistungen sich nicht auf das BIP auswirkten.

Das IMK hat die immer wieder aufkeimende Kritik am BIP zum Anlass genommen, alternative Wohlstandsmaße zu entwickeln und bei der Beurteilung des Zustandes einer Gesellschaft zu Rate ziehen. Hierzu gehört der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI). Der NWI berücksichtigt sowohl die positiven als auch die negativen Effekte wirtschaftlichen Handelns und zeichnet als Indikator ein deutlich breiteres Bild. Die Höhe des Konsums fließt hier ebenso ein wie der Wert von Hausarbeit oder Ehrenamt, und es werden negative Folgen wie das Pendeln zur Arbeit, Kriminalität und Verkehrsunfälle, die Boden- und Luftverschmutzung oder die Einkommensverteilung bei der Bewertung des Wohlstandes berücksichtigt.

Zwischen 2013 und 2018 hat der bis ins Jahr 1991 zurückberechnete NWI ebenso wie das BIP zugenommen, wenn auch nicht in gleichem Maße. Es finden sich jedoch auch Phasen, in denen die beiden Indikatoren in unterschiedliche Richtungen tendieren – etwa zwischen 1999/2000 und 2005 als das BIP um 5,5 Prozent zugelegt, der NWI hingegen um 9,5 Prozent verloren hatte.

Das magische Viereck verfolgt im Gegensatz zu NWI und BIP keinen Ansatz, der auf einen einzigen Zahlenwert zugeschnitten ist, sondern einen „Dashboard Approach“. Dieser funktioniert ähnlich wie das Armaturenbrett eines Autos. Berücksichtigt werden hierbei messbare wirtschaftspolitische Ziele aus vier Dimensionen gesellschaftlichen Wohlstandes: Materieller Wohlstand und ökonomische Stabilität, soziale Nachhaltigkeit, nachhaltige Staatstätigkeit und Staatsfinanzen und ökologische Nachhaltigkeit.

Dieses Konzept ermöglicht es zuvor festgelegte Zielwerte der einzelnen Dimensionen auf ihr Erreichen zu überprüfen und damit ein differenziertes Bild positiver und negativer Effekte zu zeichnen. Für die Zeit der Coronakrise rechnet Dullien beispielsweise für eine eher negative Entwicklung im Bereich des materiellen Wohlstandes aber auch der sozialen Nachhaltigkeit, da vor allem untere Einkommensgruppen von Kurzarbeit und Jobverlusten betroffen seien. Bei der ökologischen Nachhaltigkeit könne es hingegen aufgrund des verringerten Verkehrsaufkommens durchaus zu positiven Effekten kommen.

Welches nun das „bessere“ oder „richtige“ Maß zur Messung des Wohlstandes ist, will Dullien noch nicht final bewerten. Klar ist für ihn aber: Wenn man nur auf das Bruttoinlandsprodukt schaue, sehe man unter Umständen nicht, dass es einer Gesellschaft trotz eines steigender Indikatorenwerte am Ende schlechter gehe.

Alle Informationen zum Podcast

In Systemrelevant analysieren führende Wissenschaftler:innen der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit Moderator Marco Herack, was Politik und Wirtschaft bewegt: makroökonomische Zusammenhänge, ökologische und soziale Herausforderungen und die Bedingungen einer gerechten und mitbestimmten Arbeitswelt – klar verständlich und immer am Puls der politischen Debatten.

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