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: Wie sechs Richtige im Lotto

Ausgabe 05/2005

Es gibt viele Gründe, Neuruppin zu besuchen: die Innenstadt aus dem 18. Jahrhundert oder das Geburtshaus Theodor Fontanes. Doch die Journalisten, die seit Monaten aus ganz Deutschland anreisen, kommen wegen eines Supermarktes.

Von Christoph Mulitze.
Der Autor arbeitet als freier Journalist in Düsseldorf.
 
Im Gewerbegebiet Holländer Mühle, auf der grünen Wiese etwas außerhalb vom Zentrum, steht das Objekt medialer Begierde: Ein rot bedachter Flachbau, der seit zwei Jahren neben Schlecker und Fressnapf einen Billig-Discounter der dänischen Supermarktkette Netto beherbergt. Eigentlich nichts Besonderes, hätte nicht Netto dort, wie zuvor bereits im Berliner Stadtteil Lichtenberg, ein im deutschen Einzelhandel einzigartiges Experiment gestartet. In diesem Markt arbeiten nur Mitarbeiter, die älter als 45 Jahre sind.
 
"45+" nennt die Netto Supermarkt GmbH dieses Programm, das so viel Aufmerksamkeit erregt, dass sie ihren Werbeetat für das laufende Jahr eigentlich auf null zurückfahren könnte. Daran hat auch Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur für Arbeit, seinen Anteil. Als er vor ein paar Monaten in einem Interview erklärte, für Arbeitslose über 55 Jahre sei die Lage in den neuen Bundesländern nicht nur trist, sondern aussichtslos, stieg das Interesse der Medien sprunghaft. Super-Illu zum Beispiel hielt in einem großen Artikel über den Netto-Markt in Neuruppin dagegen. Überschrift: "Im Osten geht die Sonne auf".
 
Ingrid Redlich, die einen der raren Arbeitsplätze ergattert hat, äußert sich nicht weniger euphorisch. "Für mich war Netto wie ein Sechser im Lotto", sagt die 53-Jährige. Die gelernte Landwirtschaftskauffrau wurde nach der Wende arbeitslos und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Sie bemalte Spielzeug, gab Daten ein - und war zwischendurch immer wieder arbeitslos. Zuletzt anderthalb Jahre. Dann vermittelte sie das Arbeitsamt an Netto.
 
"Irgendwann verlierst du nicht nur den Mut, sondern auch die Hoffnung, dass du eine Zukunft hast", sagt sie, während sie sich in der Küche des Aufenthaltsraums eine Kohlroulade in die Mikrowelle schiebt. Mittagspause. 25 Stunden arbeitet sie in der Woche, wie alle außer den beiden Marktleiterinnen, die Vollzeitstellen haben. "Teilzeit ist im Einzelhandel keine Besonderheit", sagt Margit Kühn, Geschäftsführerin von Netto Deutschland. Das, erklärt sie, liege einerseits am Schichtdienst und andererseits an einer hohen Frauenquote. In Neuruppin arbeiten acht Frauen und zwei Männer zwischen 48 und 58 Jahren.
 
"Jeder steht für den anderen ein"
 
Einer der beiden Männer ist Gerd Schönwald, 55 Jahre, gelernter Elektriker. Er war zuletzt in einem Elektrogroßhandel beschäftigt, der geschlossen wurde, als die Umsätze zurückgingen. Sieben Monate Arbeitslosigkeit folgten. Dann hörte Schönwald vom damals geplanten Netto-Markt, bei dem ältere Menschen eine Chance bekämen. "Am Tag der Eröffnung bin ich hin und habe mich als Aushilfe angeboten. Schleppen, auspacken, Regale einräumen. Ich habe ja nichts Kaufmännisches gelernt", erzählt er. Ein Freitag war das, das weiß er noch genau. Drei Tage später hatte er bereits den Vertrag und seinen ersten Arbeitstag. So unkonventionell lief das damals.
 
Ausgeschrieben wurden die Stellen nicht. Die Marktleitung hatte bereits Erfahrung in anderen Netto-Märkten gesammelt, alles andere lief über Mundpropaganda oder die Vermittlung des Arbeitsamtes. "Die Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt klappte gut. Wir sind mit den Leuten, die von dort kamen, sehr zufrieden", sagt Margit Kühn. Wie insgesamt das Team bestens zusammenzupassen scheint. Von den Mitarbeitern, die im Mai 2003 angefangen hatten, sind noch alle dabei. "Die Leute sind zuverlässig, jeder steht für den anderen ein, hilft, wenn es eben geht", so die 48 Jahre alte Marktleiterin Monika Giesen.
 
Jeder müsse in dem Markt alles machen - von der Warenannahme über Preisauszeichnung und Kasse bis zum Einräumen der Regale. Der Job sei körperlich sehr anstrengend, gerade für Ältere, und da sei man auf gegenseitige Unterstützung angewiesen. "Der Zusammenhalt ist toll. Wir sind alle aus einer Generation, haben unsere Lebenserfahrung gesammelt. Das vereinfacht vieles", bestätigt auch Schönwald.
 
Ein Markt nur mit Mitarbeitern, die älter als 45 Jahre sind, hat natürlich auch seine Nachteile. "Bei Neuerungen brauchen wir in Neuruppin mehr Geduld. Dort dauert alles etwas länger, geht etwas gemächlicher", sagt Margit Kühn. Das hatten anfangs auch einige Kunden bemerkt. Und deshalb auch schon mal gemeckert. An der Kasse beispielsweise. "Da hieß es dann, warum denn nicht Jüngere kassierten, wenn die Alten das nicht auf die Reihe bekämen. Aber wenn wir denen dann unser Modell erklärten, zeigten sie Verständnis, und manche lobten uns dafür sogar", sagt Monika Giesen.
 
Auch intern gab es anfangs Widerstände. Junge Mitarbeiter aus anderen Filialen taten sich zusammen, als der erste "45+"-Markt in Berlin-Lichtenberg eröffnete, und beschwerten sich mit einem Brief bei der Firmenzentrale in Stavenhagen. Der Aufstand dauerte aber nicht lange, er konnte abgewehrt werden mit dem Versprechen, dass dieses Modell nicht flächendeckend eingeführt werde. "Wir haben eine gesunde Altersmischung und wollen diese behalten. Von den insgesamt rund 3000 Mitarbeitern sind 25 Prozent älter als 45 Jahre. Außerdem bilden wir zurzeit 230 junge Leute aus", sagt Margit Kühn.
 
Die Reaktion der jungen Leute im Osten ist verständlich. Im Gewerbegebiet Holländer Mühle beispielsweise suggeriert ein großes Schild mit der Aufschrift "Hier baut die Fontanestadt Neuruppin" so etwas wie den Aufschwung. Nur einen Steinwurf vom Netto-Discounter entfernt haben Allianz und DAK schicke Firmengebäude gebaut. Auch der große Autoteile-Händler Unger hat sich dort niedergelassen.
 
Trotzdem hat Neuruppin bei etwa 32000 Einwohnern eine Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent. Ausbildungsplätze fehlen, wer jung und flexibel ist, zieht weg, meist in den Westen. Zurück bleiben die Alten. Insofern war ein Markt nach dem "45+"-Modell zwar - noch - nicht notwendig, aber doch eine logische Konsequenz - ein Experiment, das die Zukunft sozusagen schon vorwegnimmt.
 
In Dänemark, dem Netto-Mutterland, war das freilich anders. Dort hat der Konzern das Modell entwickelt - aus der schieren Not heraus, weil einfach keine jungen Arbeitskräfte mehr zu finden waren. So entstand vor rund sechs Jahren im Kopenhagener Stadtteil Tarnby der erste "Senior Store". Die Erfahrungen, die Netto mit diesem Markt machte, waren offenbar so gut, dass die deutsche Tochter das "45+"-Modell schon ein halbes Jahr später übernommen hat.
 
"Die laufen nicht wegen jedem Schnupfen zum Arzt"
 
Zu den aus Arbeitgeberseite positivsten Erfahrungen in Deutschland zählt der geringe Krankenstand. "Die ‚45+‘-Märkte liegen sogar knapp unterhalb des Durchschnitts", sagt Margit Kühn. Ältere Mitarbeiter seien selten krank, aber wenn, dann fielen sie gleich für einen längeren Zeitraum aus. Die jüngeren ließen sich dagegen öfter und dann für einzelne Tage krankschreiben. Ob die Älteren deshalb eingestellt wurden, weil sie "pflegeleichter" sind, dazu will sie sich nicht äußern. Die Neuruppiner Marktleiterin Monika Giesen drückt es so aus: "Unsere Mitarbeiter sind dankbar, dass wir ihnen eine Chance gegeben haben. Die laufen nicht gleich mit jedem Schnupfen zum Arzt."
 
Daraus ergibt sich ein weiterer positiver Aspekt aus Unternehmersicht: Wer dankbar ist, wird mögliche Ansprüche nicht laut geltend machen. "Wir orientieren uns an den Tarifverträgen", sagt Irene Löser, Netto-Bereichsleiterin für die Region Nord-Brandenburg. Das bedeute: 36 Tage Urlaub und Bezahlung nach Tarif. Einen konkreten Grund, daran zu zweifeln, gibt es nicht. Ingo Mrotzek, Gewerkschaftssekretär von ver.di in Potsdam-Nordwestbrandenburg und zuständig für den Einzelhandel, weiß allerdings so gut wie nichts über die Arbeitsbedingungen bei Netto. "Wir bekommen dort keinen Fuß in die Tür", sagt er. Nur einzelne Mitarbeiter des Konzerns seien organisiert, Betriebsratsstrukturen existieren nicht. Beschwerden habe es aber bisher nicht gegeben.
 
Verhältnisse, sie wie ver.di jüngst bei Lidl angeprangert hat? "Mit Sicherheit nicht. Netto ist eher ein normaler Arbeitgeber." Mrotzek vermutet deshalb auch weniger Probleme bei den Urlaubsregelungen oder bei der Bezahlung, sondern bei der Arbeitszeiterfassung. "Erfahrungsgemäß sind in Filialen ohne Mitbestimmung Arbeitsbeginn und Arbeitsende oft falsch, so dass faktisch länger als vereinbart gearbeitet wird." Dem "45+"-Ansatz von Netto stimmt er grundsätzlich zu. "Ich halte das Modell für sehr positiv - sofern es nicht zum Ausschluss von Jüngeren führt. Die Mischung ist entscheidend, das Alter darf weder am oberen noch am unteren Rand einen Nachteil bringen", sagt Mrotzek.
 
Genau diesen Altersmix in den Filialen strebt Netto an. "Auch wir haben früher Fehler gemacht. Anzeigen, in denen wir zum Beispiel ausdrücklich unter 30-Jährige suchen, wird es nicht mehr geben", sagt Margit Kühn. Die "45+"-Filialen in Berlin-Lichtenberg und Neuruppin sollen zwar erhalten bleiben, doch weitere kommen nicht hinzu. Waren sie ein reiner PR-Gag? Mitnichten. Aber der Werbeeffekt wurde gewiss gerne mitgenommen. Auch wenn Margit Kühn jetzt über das Medieninteresse stöhnt. "Allmählich nervt es", sagt sie. Sehr überzeugend wirken solche Statements allerdings nicht, solange Netto auf seiner Internetseite ausdrücklich auf das "45+"-Konzept verweist.

 

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