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Pharmafabrik in der chinesischen Stadt Linhai Magazin Mitbestimmung Magazin Mitbestimmung

Welthandel: Hätte, hätte, Lieferkette

Ausgabe 04/2020

Die deutsche Pharmaindustrie ist abhängig von billigen Zulieferungen aus Fernost. Kürzere Lieferketten könnten die Abhängigkeit verringern und neue Arbeitsplätze schaffen. Der Weg dorthin führt über Europa. Von Andreas Schulte

Mitte März war Stephan Spaniel mit seiner Geduld am Ende. Vor seiner Apotheke in Feuchtwangen standen die Kunden seit Tagen Schlange. Die besorgten Menschen verlangten nach Masken, Desinfektionsmitteln und allerhand Medikamenten, um sich für die Corona-Krise zu rüsten. Doch Spaniel war längst bei vielen Artikeln ausverkauft – so wie viele Apotheker in Deutschland. Also schlug er Alarm. In einem offenen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn monierte er, selbst Antibiotika und das Schmerzmittel Ibuprofen würden knapp. Seine Warnung: Die Lage werde sich im Herbst noch verschlimmern, wenn die Corona-bedingten Produktionsausfälle in China in Deutschland durchschlagen.

Ob bei Schmerztabletten, Antibiotika oder Desinfektionsmitteln: Die Lieferengpässe in Corona-Zeiten zeigen, wie groß die Abhängigkeit Deutschlands von der Wirkstoffproduktion in Ländern wie China oder Indien ist. Die Produktion einfacher Wirkstoffe ist in Niedriglohnländer und an internationale Lieferanten ausgelagert worden. Lange schien dies kaum jemanden zu beunruhigen. Doch allmählich setzt ein Umdenken ein. „Wir müssen zentrale Schwachstellen in den Wertschöpfungsketten identifizieren und die Produktion in Deutschland und Europa nachhaltig stärken“, sagt der IG BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis.

Nicht nur die Gewerkschaft, auch der Gesundheitsminister sowie Teile der Politik und der Wirtschaft wollen Lieferketten nun sicherer gestalten. Erste Ansätze werden diskutiert. In einem aktuellen Positionspapier dringen in der IG BCE organisierte Pharma-Betriebsräte auf ein Gesamtkonzept der Bundesregierung für eine verlässliche Gesundheitsversorgung. Eine zentrale Forderung darin: kürzere Lieferketten durch eine Stärkung der heimischen Produktion von versorgungskritischen Arzneien.

Die Betriebsräte wollen eine finanzielle Förderung. Denn ohne Regulierung – und zuweilen höhere Preise – geht es nicht. Laut der Unternehmensberatung Roland Berger erhält ein Hersteller für eine Tagesdosis Antibiotikum heute höchstens bis zu 16 Cent auf dem Weltmarkt. Um in Deutschland kostendeckend produzieren zu können, wären aber 46 Cent nötig. Die große Differenz zwingt bei dem Versuch, Produktionskapazitäten nach Deutschland zurückzuholen, zu kleinen Schritten.

Der Weg zurück ist schwierig

„Aus wirtschaftlichen Gründen ist es für die Pharmabranche strategisch sinnvoll, zunächst bestimmte kritische Medikamente mittelfristig wieder in Europa herzustellen“, sagt Thilo Kaltenbach, Strategieexperte für die Pharmabranche bei Roland Berger. Auch er schlägt Förderungen für Unternehmen vor, um in Europa mehr zu forschen und Produktionsstätten aufzubauen. Ein Studie der Unternehmensberatung sieht dafür drei Szenarien vor: Subventionen in Form einer gesetzlichen Erhöhung der Endpreise für Medikamente, als Investitionszuschuss oder als staatliche Zahlungen für die Bereitstellungen von Produktionskapazitäten. Angenehmer Nebeneffekt aller drei Strategien: „Sie schaffen nachhaltige Beschäftigung“, sagt Kaltenbach, ohne dafür eine Größenordnung zu benennen. Eine nationale Lösung sollte nicht die erste Wahl sein, findet Barbara Fulda, die in der Hans-Böckler-Stiftung den Forschungsverbund „Die Ökonomie der Zukunft“ betreut. Denn auch eine autarke Produktion in Deutschland sei schließlich eine regional konzentrierte Produktion – und damit anfällig für Störungen. Bestes Beispiel: die Konzentration von Pharmaherstellern in Chinas Provinz Hubei. Firmen in der von der Corona-Krise besonders betroffenen Region liefern 136 Arzneimittel in die Welt, von denen 48 als versorgungsrelevant gelten. Wochenlang lag die Produktion still, weil die Pandemie dort besonders stark wütete. Fulda schlägt vor, gleiche Produkte an unterschiedlichen Standorten herzustellen. Dies würde vor Lieferausfällen schützen. Unabhängig von der Branche sollten Lieferketten zudem störungsanfällige Transportwege vermeiden.

Auch Sabine Stephan hält nichts von einer nationalstaatlichen Lösung. „Eine Neuausrichtung von Wertschöpfungsstrukturen sollte in eine europäische Industriestrategie eingebettet sein. Deutschland ist für sich als Absatzmarkt zu klein“, sagt die Leiterin das Referats Ökonometrie beim Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Doch die große Lösung könnte auf sich warten lassen, denn eine Voraussetzung wäre die Einigkeit der EU-Staaten. Erst Mitte Juni hat Handelskommissar Phil Hogan eine grundsätzliche Überprüfung der europäischen Handelspolitik angekündigt. „Bislang hat die EU-Kommission alle Initiativen abgeschmettert, die Globalisierung einschränken“, sagt Stephan. „Man muss abwarten, ob sie eine echte Neuausrichtung ihrer Handelspolitik vornimmt.“ Thilo Kaltenbach von Roland Berger weist drauf hin, dass strategische Maßnahmen für eine Reduzierung der Abhängigkeiten Augenmaß verlangen. Er warnt vor Protektionismus: „Mit einer Einschränkung von Handelsbeziehungen schneiden wir uns ins eigene Fleisch.“

Evonik ist schon vorgeprescht

Unterdessen haben Pharmahersteller schon begonnen, die Kapazitäten auch ohne staatliche Förderung auszubauen, etwa das Chemieunternehmen Evonik. 25 Millionen Euro steckt der Geschäftsbereich Medical Health in die Erweiterung von Anlagen in Dossenheim und Hanau, wo Wirkstoffe für Krebsmedikamente und antivirale Medikamente entstehen. Die hohen Produktionskosten in Deutschland müssten „kein K.-o.-Kriterium bei der Standortwahl sein“, erklärt Unternehmenssprecherin Julia Born. Thomas Riermeier, Leiter des Geschäftsbereiches Health Care, begründet die neue Vorliebe für den Ausbau der regionalen Anlagen so: „Die Covid-19-Pandemie hat vielen Unternehmen in der Pharmaindustrie vor Augen geführt, wie wichtig es ist, auf europäische Produktionsstandorte zurückgreifen zu können, die schnell und sicher lebensrettende Wirkstoffe herstellen und an regionale Märkte liefern.“

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