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: 'Die langfristige Linie halten'

Ausgabe 04/2010

AUFSICHTSRATSPRAXIS Ralf Hermann stemmt sich als Vorsitzender des Konzernbetriebsrats und Aufsichtsratsmitglied gegen die schnelle Verwertung des Konzerns Evonik Industries. Von Dirk Schäfer

DIRK SCHÄFER ist Journalist in Dortmund/Foto: Jens Sundheim

Die Wendung "Linie halten" fällt oft, wenn man mit Ralf Hermann spricht. Ginge es nach den Vorstellungen einiger Politiker und Wirtschaftsgrößen, wäre die Linie des Aufsichtsrats der Arbeitnehmerseite beim Essener Konzern Evonik Industries längst durchbrochen. Seit 2007 steht Ralf Hermann für den Erhalt des Konglomerats ein und kämpft beharrlich dagegen, den Konzern mit seinen rund 40 ?00 Beschäftigten zur Handelsware zu machen. "Es ist oft schwierig", sagt Ralf Hermann. Bislang konnte er die Linie halten. Doch die Begehrlichkeiten sind immens. Erklärtermaßen soll das Ende 2006 aus Firmen und Beteiligungen der Ruhrkohle AG entstandene Konstrukt vor allem eines: Geld für die sogenannten Ewigkeitskosten erwirtschaften, die Folgekosten des Bergbaus. Noch vor der Gründung hatten die Arbeitnehmervertreter und die IG BCE ihre Linie definiert: langfristige Arbeitsplatzsicherung unter dem Dach der neuen Gesellschaft.

Einvernehmlich schufen Politik, Anteilseigner und IG BCE das Konglomerat Evonik mit den drei Geschäftsfeldern Chemie, Energie und Immobilien und einem Umsatz von damals 16 Milliarden Euro. Bis zum Schließen aller Zechen im Jahr 2018 soll Evonik für die RAG-Stiftung, die 74,99 Prozent am Konzern hält, sieben Milliarden Euro einfahren. Liegt das jährliche Ergebnis nicht im Soll, gerät der Kohlekonsens in Gefahr. Ein enormer Druck, doch Ralf Hermann wirkt gelassen. "Wir haben klare Positionen", sagt er. Der mehrheitliche Verkauf von Geschäftsfeldern, wie er derzeit wieder in der Öffentlichkeit diskutiert wird, gehört nicht dazu. Dass im Jahr 2008 25,01 Prozent von Evonik an den Finanzinvestor CVC Capital Partners gingen, macht das Halten der Position nicht leichter. Im Aufsichtsrat sitzen Ralf Hermann seitdem zwei Vertreter des Finanzinvestors gegenüber. Die langfristigen Interessen der Arbeitnehmerseite prallen auf die Anlageziele des Investors. Insgesamt gebe es im Aufsichtsrat und im Umgang mit dem Betriebsrat eine vernünftige Basis, betont Ralf Hermann. Dafür stehe auch die RAG-Stiftung mit ihrem Vorsitzenden Wilhelm Bonse-Geuking, der zugleich Aufsichtsratschef bei Evonik ist.

Mit der Krise kam die Belastungsprobe. Lag das Ergebnis Mitte 2008 auf Rekordniveau, musste Ralf Hermann wenige Monate später über Kurzarbeit verhandeln. Im Verlauf des Abschwungs forderte der Vorstand 300 Millionen Euro Einsparungen, 100 Millionen davon sollten die Arbeitnehmer beisteuern. Tägliche Diskussionen mit dem Vorstandsvorsitzenden Klaus Engel, mit dem Arbeitsdirektor Ralf Blauth, mit Betriebsräten oder den Anteilseignern folgten, und auch in Sitzungen des Aufsichtsrates und anderer Gremien hatte das Thema Priorität. "Gerade in solchen Situationen profitiere ich als Aufsichtsrat von meiner Funktion als Vorsitzender des Konzernbetriebsrats", sagt Hermann. Das Aufsichtsratsmandat ist für ihn ein verlängerter Hebel. Die Gespräche auf den verschiedenen Ebenen der Mitbestimmung mache die Ergebnisse umso belastbarer. So auch dieses: Unter der Prämisse der Arbeitsplatz- und Lohnsicherung verzichteten die Mitarbeiter auf die Hälfte der jährlichen Bonuszahlungen. Inzwischen ist ein Teil dieser Kürzungen zurückgenommen und die Verhandlungsmasse wieder gewachsen, so Hermann. Anderes verläuft weniger glimpflich. Was dem Vorstand nicht genügend renditeträchtig erscheint, geht weg. Evonik trennte sich im vergangenen Jahr von der Tochter AlzChem und ihren 1400 Beschäftigten, weitere 100 Mitarbeiter waren von der Teilstilllegung eines Werks im bayerischen Münchsmünster betroffen. "Wenn wir unsere langfristige Linie halten wollen, kommen wir immer wieder auch zu Entscheidungen, die sehr wehtun." Für Hermann ist das Wichtigste, "glaubwürdig zu bleiben".

Zuletzt war das Ende vergangenen Jahres gefragt. Die schlechte wirtschaftliche Lage gab Stimmen, die auf eine schnelle Verwertung drängten, wieder Auftrieb. Nach wochenlangem Hin und Her richtet sich der Mischkonzern jetzt neu aus: Die Chemiesparte, die rund 70 Prozent der Umsätze trägt, fokussiert auf die Spezialchemie samt Investitionen und Zukäufen, aber auch mit Veräußerungen; für das Geschäftsfeld Energie sucht der Vorstand derzeit Partner, um es weiterzuentwickeln; und im Immobiliensektor wird eine Fusion mit einer Gesellschaft diskutiert, die zur Hälfte der IG BCE gehört. Auf all dem lastet der Druck, den Wert des Konzerns zu verdoppeln und ihn in Teilen am Kapitalmarkt zu platzieren. Doch die Arbeitnehmerseite hat ihre Linie erneut durchgebracht. "Der klare Beschluss des Aufsichtsrates vom vergangenen Dezember ist der mehrheitliche Verbleib der drei Geschäftsfelder unter dem Dach des Konzerns." Nicht mehr als 50 Prozent werde man abgeben, so Hermann. Wie lange lässt sich das durchhalten? "Wenn Sie mich fragten, wo Evonik Industries in fünf Jahren steht, könnte ich das nicht beantworten", sagt er offen. "Aber Rückzieher sind nicht meine Sache".
Dirk Schäfer

ZUR PERSON

Ralf Hermann, 52, begann 1974 eine Ausbildung als Chemielaborant bei der damaligen Hüls AG in Marl, heute Teil von Evonik Degussa. Über 25 Jahre ist er dort Betriebsrat. Seit 2002 sitzt er für die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat der Degussa GmbH, seit 2007 auch im Aufsichtsrat von Evonik Industries. Zugleich ist er Vorsitzender des Konzernbetriebsrats.

 

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