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Böckler Impuls

Betriebliche Mitbestimmung: Erfolgsfaktor Betriebsrat

Ausgabe 04/2006

Betriebe mit Betriebsrat sind oft produktiver, flexibler und innovativer. Das zeigt ein Gutachten zum Stand der aktuellen Mitbestimmungsforschung.

Betriebliche Mitbestimmung tut Unternehmen gut. Zu diesem Schluss kommt Uwe Jirjahn vom Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Hannover, der den aktuellen Stand der Mitbestimmungsforschung im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung analysiert hat. Die Existenz von Betriebsräten wirkt oft positiv auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Betrieben, ergeben die Studien. Betriebe mit Betriebsrat sind häufig

=> produktiver,
=> flexibler,
=> innovativer.

Empirische Untersuchungen zu den wirtschaftlichen Konsequenzen der Mitbestimmung unterscheiden sich zum Teil erheblich in ihrem "Versuchsaufbau": Sie stützen sich auf unterschiedliche Ausgangsdaten, messen den Unternehmenserfolg mit anderen Kennzahlen - vom Umsatz je Mitarbeiter bis zur Entwicklung des Aktienkurses - und verwenden verschiedene Methoden, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse nicht durch andere Faktoren wie Unterschiede bei den Betriebsgrößen verzerrt werden. Dennoch ergibt sich insgesamt ein klares Bild:
 
=> Unternehmen mit Betriebsrat arbeiten oft überdurchschnittlich produktiv. Einigen Untersuchungen zufolge ist ein Produktivitätseffekt besonders dann festzustellen, wenn die Unternehmen der Tarifbindung unterliegen. Jirjahn hat dafür eine einfache Erklärung: Je weniger Verteilungskämpfe auf Unternehmensebene auszufechten sind, desto besser gelingt die Zusammenarbeit zwischen Arbeitnehmervertretern und Management, wenn es darum geht, Produkte oder Produktionsabläufe zu verbessern oder Marktanteile zu erobern. Bildlich gesprochen: Je weniger Energie die Verteilung des Kuchens beansprucht, desto mehr Kräfte sind zur Vergrößerung des Kuchens da.

=> Unter Betrieben, die nicht der Tarifbindung unterliegen, zeichnen sich solche mit Betriebsrat oft durch ein überdurchschnittliches Lohnniveau aus (Hübler und Jirjahn, 2003).

Weitere Aussagen gelten besonders für tarifgebundene Betriebe: 

=> In mitbestimmten Betrieben ist die Personalfluktuation geringer. Das bestätigt beispielsweise die Studie von Bernd Frick und Iris Möller (2003) auf der Basis des IAB-Betriebspanels. Ein Grund könnte sein, dass Unternehmen mit Betriebsrat ihre Personalpolitik stärker an den Interessen der Beschäftigten ausrichten. Der Vorteil aus betriebswirtschaftlicher Sicht: Zum einen sind die Mitarbeiter besser motiviert, zum anderen spart es Einarbeitungskosten, wenn Stellen nicht ständig neu besetzt werden müssen.
 
=> Leistungsorientierte Entlohnungsmodelle sind öfter in Betrieben mit Betriebsrat anzutreffen als in solchen ohne betriebliche Mitbestimmung. Offenbar sind Arbeitnehmer eher bereit, einer variablen Vergütung zuzustimmen, wenn ein Betriebsrat sicherstellt, dass sie dabei nicht von der Firmenleitung übervorteilt werden. Das ist das Ergebnis der Untersuchungen von John Heywood und Jirjahn (2002).

Unabhängig von der Frage nach der Tarifbindung zeigen Studien zur betrieblichen Mitbestimmung:

=> Betriebe mit Betriebsrat weisen eine geringere Lohnspreizung auf. Die Verdienstunterschiede zwischen gering und höher Qualifizierten fallen kleiner aus als in Betrieben ohne Mitbestimmung, wie eine Auswertung des hannoverschen Firmenpanels von Olaf Hübler und Wolfgang Meyer (Universität Hannover, 2001) ergibt.

=> Geschlechtsspezifische Lohnunterschiede sind geringer, wenn es einen Betriebsrat gibt. Zu diesem Schluss kommen Hermann Gartner und Gesine Stephan vom IAB (2004).
 
=> Ein positiver Zusammenhang besteht auch zwischen betrieblich finanzierter Weiterbildung und Betriebsräten. Mitbestimmte Betriebe wenden mehr Geld für die Fortbildung ihrer Mitarbeiter auf. Olaf Hübler (2003) weist nach, dass von Betriebsräten besonders dann ein positiver Einfluss auf Weiterbildungsaktivitäten ausgeht, wenn es um den Umgang mit neuen Technologien geht.

=> Wo es einen Betriebsrat gibt, wird eher mit flexiblen Zeiten gearbeitet. Die Möglichkeit zur Mitbestimmung erhöht offenbar die Bereitschaft von Arbeitnehmern zur Schichtarbeit oder in Zeiten starker Nachfrage mehr zu arbeiten und die Arbeitszeit bei schwächelnder Auftragslage zu reduzieren. Verschiedene Studien - beispielsweise des IAB oder von Alexander Dilger (2002) vom Institut für ökonomische Bildung der Universität Münster - zeigen, dass Arbeitszeitkonten in Betrieben mit Betriebsrat überdurchschnittlich verbreitet sind.

=> Produktinnovationen sind in mitbestimmten Betrieben häufiger, wie eine Auswertung des hannoverschen Firmenpanels ergab (Askildsen u.a., 2006).

Jirjahn resümiert mit Blick auf Mitbestimmungskritiker: "Eine undifferenzierte Deregulierung des Arbeitsmarktes, die vermeintlich der Erhöhung von Flexibilität dient, könnte genau das Gegenteil bewirken."

  • Kaum Konflikte mit der Geschäftsführung
    Nicht selten behindern Geschäftsführer die Arbeit der Mitbestimmer. Zur Grafik
  • Was Betriebsräte seit 2003 beschäftigte
    Das große Thema der betrieblichen Mitbestimmer in diesen Jahren: Personalabbau und wie er eingedämmt werden kann. Zur Grafik
  • Vertretung in größeren Betrieben fast flächendeckend
    Ein klares Muster: Je größer der Betrieb, umso eher ist er mitbestimmt. Zur Grafik

Uwe Jirjahn, Ökonomische Wirkungen der Mitbestimmung in Deutschland, Gutachten für die Hans-Böckler-Stiftung 2005.

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