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Integration: Erfolg für Migrantenkinder: Was Frankreich und Deutschland tun können

Ausgabe 02/2012

In Frankreich und Deutschland verlaufen Bildungs- und Berufskarrieren von Migranten oft prekär. Eine vergleichende Studie zeigt, dass die Bildungssysteme in beiden Ländern unterschiedliche Schwächen und Stärken haben – und was zu einem erfolgreichen Berufseinstieg beiträgt.

Junge Erwachsene aus Migrantenfamilien arbeiten seltener in akademischen Berufen und häufiger in prekärer Beschäftigung als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. Das belegt eine Untersuchung des Centre Marc Bloch (CMB) und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie zeigt aber auch, dass sich nicht wenige Migrantenkinder erfolgreich ins Berufsleben integrieren können. Die Forscher Ingrid Tucci, Ariane Jossin, Carsten Keller und Olaf Groh-Samberg haben deshalb genauer analysiert, welche institutionellen und sozialen Faktoren den schulischen und beruflichen Erfolg von Migranten der zweiten Generation beeinflussen. Sie verglichen Bildungsverlauf und Berufseinstieg von jungen Erwachsenen türkischer und arabischer Herkunft in Deutschland mit der Situation junger Maghrebiner und Schwarzafrikaner in Frankreich.

Den Einfluss von Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen ermittelten die Wissenschaftler durch quantitative Datenanalysen und eine qualitative Befragung. Anhand der qualitativen Interviews untersuchten sie auch, welche sozialen Faktoren Bildungsverläufe stabilisieren.

Als Basis der quantitativen Analysen dienten Längsschnittdaten des Sozio-oekonomischen Panels und die französischen Daten des Panel des élèves du second degré und der Enquête Génération. Damit lassen sich typische Muster der Bildungs- und Berufsverläufe bei 11- bis 18-Jährigen und bei 18- bis 25-Jährigen identifizieren und die Wirkung von Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen auf die Lebensverläufe von Migrantenkindern bestimmen. Die Forscher fanden in beiden Ländern eine deutliche „ethnische Segregation“, allerdings an unterschiedlichen Stellen. In Deutschland beobachten sie die größten Probleme im Schulsystem. In Frankreich misslinge dagegen oftmals der Einstieg in den Arbeitsmarkt. Unzureichende Aus- und Weiterbildung aber auch Diskriminierung bei der Arbeitssuche seien dort ausschlaggebend.

Deutschland hat die größten Probleme im Schulsystem, Frankreich beim Berufseintritt

Bildungsverläufe: Kinder in Deutschland kommen im Alter von sechs Jahren in die Schule. Im internationalen Vergleich ist das relativ spät. Bereits nach der Grundschule werden die Schüler auf verschiedene Schulzweige verteilt. Viele Bildungsforscher sehen in dieser frühen Trennung einen wesentlichen Grund für die Bildungsungleichheit zwischen Kindern unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Auch die Analyse der DIW-Forscher zeigt: Rund die Hälfte der Kinder mit Migrationshintergrund besucht die Hauptschule und hat anschließend Probleme beim Übergang in den Beruf, während dies auf nur knapp 15 Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund zutrifft. Lediglich gut 11 Prozent der türkischstämmigen Kinder absolvieren den rein gymnasialen Bildungsweg oder wechseln im Laufe ihrer Schulzeit auf das Gymnasium. Unter den Schülern ohne Migrationshintergrund sind es hingegen 34 Prozent.

In Frankreich beginnt die Schullaufbahn im Alter von drei Jahren mit der Vorschule. Bis sie 15 Jahre alt sind, lernen Schüler auf dem Collège gemeinsam. Erst dann erfolgt eine Trennung in einen beruflichen und einen allgemeinbildenden Bildungszweig, der zur Hochschulreife führt. Obwohl Migrantenkinder auch in Frankreich in den prestigearmen beruflichen Bildungszweigen und unter den Schulabbrechern überrepräsentiert sind, offenbart die Studie einen klaren Vorteil gegenüber dem deutschen Bildungssystem: Deutlich mehr Schüler der zweiten Migrantengeneration, nämlich über 40 Prozent, streben direkt die Hochschulreife an. Gut jeder fünfte studiert.

Berufsverläufe: Für Jugendliche mit Migrationshintergrund in Frankreich ist allerdings der Übergang ins Berufsleben oft problematisch: Den Analysen zufolge sind mehr als 50 Prozent der Migranten von wiederholter, längerer Arbeitslosigkeit oder zumindest prekärer Beschäftigung betroffen. Eine Ursache sehen die Wissenschaftler darin, dass die Berufsausbildung ein vergleichsweise niedriges Niveau und ein geringes soziales Prestige hat. Selbst nach längeren Bildungsverläufen ist ohne Abitur häufig nur prekäre Arbeit möglich. Das ist auch für viele Franzosen ohne Migrationshintergrund ein Problem, junge Erwachsene mit Migrationshintergrund sind aber besonders häufig betroffen. Außerdem fehle eine „zweite Chance“ für Schulabbrecher und Jugendliche mit prestigearmen Schulabschlüssen, sich außerschulisch weiterzuqualifizieren.

Auch in Deutschland, so die Wissenschaftler, finden Migrantennachkommen ohne Abitur seltener einen Ausbildungsplatz als Bewerber ohne Migrationshintergrund. Und auch, wer eine Ausbildung absolviert, steckt danach häufiger in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen. Die Forscher beobachten aber seltener als in Frankreich ein durchgängig prekäres Verlaufsmuster, bei dem der Erwerbseinstieg in Arbeitslosigkeit endet. Das berufliche Ausbildungssystem eröffne also im Vergleich zu Frankreich auch vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Berufsperspektive, folgern sie. Allerdings gibt es in Deutschland eine große Gruppe von Nichterwerbstätigen mit kurzem Bildungsverlauf. Ein Viertel hat einen Migrationshintergrund, überwiegend Frauen türkischer Herkunft. Die Wissenschaftler vermuten, dass ein spezifisches Rollenbild die Frauen davon abhält, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen.

Mentoren, ein Umzug oder das Übergangssystem verbessern die Chancen

Den zweiten, qualitativen Teil ihrer Untersuchung bauten die CMB- und DIW-Forscher auf Befunden der internationalen Bildungsforschung auf. Sie zeigen, dass neben den Institutionen im Bildungssystem auch soziale Faktoren für den Bildungs- und Berufserfolg von Migranten entscheidend sein können. Dazu zählt etwa, dass die Familie höhere Bildung für erstrebenswert hält, Disziplin oder ein soziales Netzwerk. Um die sozialen Faktoren auszuleuchten, führte die Forschergruppe ausführliche Interviews mit 175 Nachkommen von Migranten aus benachteiligten Vierteln in Berlin und Paris. Die jungen Erwachsenen wurden nach entscheidenden Wendepunkten und Einflüssen befragt, die ihren Lebensweg positiv oder negativ geprägt haben. Mit einem Alter von 18 bis 35 Jahren gehören die Befragten zur selben Generation, für die zuvor quantitative Daten erhoben wurden.

Als positiven Faktor nennen viele Interviewte mit erfolgreichen Bildungsverläufen den Einfluss von Drittpersonen. Häufig sind das Lehrer, die als Mentoren fungieren. Sie bieten den Jugendlichen Rückhalt, Motivation und Selbstvertrauen während der Schulzeit und in Phasen beruflicher Orientierung. Den Wissenschaftlern zufolge ist auffällig, dass solche Personen meist aus einem anderen sozialen Umfeld kommen und so den Jugendlichen alternative Perspektiven eröffnen können.

Die Befragten stammen überwiegend aus Stadtvierteln mit einem hohen Migrantenanteil sowie erhöhter Arbeitslosigkeit und Armut. Den Wechsel in ein sozial und kulturell heterogenes Viertel, beispielsweise durch Schulwechsel oder Umzug, sehen sie daher rückblickend oft als einschneidende Veränderung, die ihnen neue Sichtweisen und Möglichkeiten eröffnet hat. Dazu haben viele Migranten der zweiten Generation ansonsten kaum Gelegenheit, wie die Forscher herausfanden. Denn die geographische Mobilität der interviewten Jugendlichen sei oft sehr eingeschränkt und Erfahrungen außerhalb des eigenen Milieus seien selten.

Einen dritten Faktor stellt schließlich die Möglichkeit dar, Schul- und Ausbildungsabschlüsse nachzuholen. Eine solche „zweite Chance“, wie sie vom deutschen Übergangssystem geboten wird, wirkt nach Angaben der Befragten in schwierigen Lebensphasen unterstützend und stabilisierend – auch wenn die Interviewten durchaus auf Defizite verweisen: „Es entspricht zwar nicht immer den Präferenzen der Jugendlichen oder vermittelt häufig auch keine klare berufliche Perspektive, jedoch bietet es eine deutlich bessere Alternative zur Straße“, fassen die Forscher zusammen. Das Fehlen eines solchen Systems führe in Frankreich dazu, dass Jugendliche mit schwierigen Bildungs- und Berufsverläufen stärker sich selbst überlassen sind und eine große emotionale Distanz zu staatlichen Institutionen entwickeln, unter anderem auch zur Schule.

Dass Kinder von Migranten über das Ausbildungssystem leichter in den Arbeitsmarkt einsteigen und in schwierigen schulischen oder beruflichen Situationen eine „zweite Chance“ nutzen können und dies zum Teil auch erfolgreich tun, werten die Wissenschaftler als Vorteil des deutschen Systems. Das trage dazu bei, dass viele der jungen Migrantennachkommen den staatlichen Institutionen offener gegenüberstünden als in Frankreich. Diese Offenheit solle stärker genutzt werden, um Jugendliche mit Migrationshintergrund verstärkt in duale Ausbildungen und höhere Bildungswege zu integrieren, empfehlen die Forscher.

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Ingrid Tucci u.a.: Erfolge trotz schlechter Startbedingungen, Was hilft Migrantennachkommen in Frankreich und Deutschland?, in: DIW Wochenbericht 41/2011

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