Böckler Impuls Ausgabe 07/2015

Textilindustrie

Gewerkschaften schützen vor Ausbeutung

Kleidung entsteht häufig in Südostasien, wo von Arbeitsschutz und fairer Entlohnung oft nicht die Rede sein kann. Soziale Selbstverpflichtungen der Auftraggeber reichen nicht aus, um die Lage der Beschäftigten zu verbessern. Es braucht starke Gewerkschaften vor Ort.

Über 1.100 Menschen kamen ums Leben, als das Rana Plaza am 24. April 2013 einstürzte. Obwohl die Risse im Stahlbeton des Hochhauses schon am Vortag unübersehbar waren, hatten die im Gebäude ansässigen Textilfirmen ihre schlecht bezahlten Näherinnen weiterarbeiten lassen. Mit dem Rana-Plaza-Unglück in Bangladesch rückten die miserablen Arbeitsbedingungen in weiten Teilen der asiatischen Textilindustrie in den Blickpunkt der westlichen Öffentlichkeit. Die Forderung, hiesige Modekonzerne sollten ihre Lieferketten besser überwachen, um Ausbeutung und lebensgefährliche Arbeitsbedingungen bei ihren Subunternehmern zu beseitigen, fand viele Unterstützer. Doch auch die Regierung in Bangladesch zog Konsequenzen. Unter anderem erleichterte sie die Gründung und Arbeit von Gewerkschaften. Die Frage ist: Können lokale Gewerkschaften bei der Durchsetzung besserer Arbeitsbedingung mehr ausrichten als die bislang nur bedingt erfolgreichen Kampagnen für „saubere Kleidung“ in den Abnehmerländern?

Chikako Oka von der Royal Holloway University of London hat untersucht, inwieweit Gewerkschaften die Lebensqualität von Textilarbeiterinnen in Südostasien verbessern. Im Mittelpunkt ihrer Studie steht nicht Bangladesch, sondern Kambodscha, ein Land, in dem seit Mitte der 1990er-Jahre mit steigendem Textilexport auch die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder stark zunahm. Etwa 400.000 Textilbeschäftigte erwirtschaften dort rund 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; in über 70 Prozent der Fabriken sind Arbeitnehmerverbände aktiv. Zwar müssen Gewerkschafter in Kambodscha wie in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern häufig mit Drohungen und Einschüchterungsversuchen rechnen. Trotzdem haben sie nach Okas Analyse einiges für die Beschäftigten erreicht. Ihre statistischen Analysen zeigen, dass die Anwesenheit von Gewerkschaften im Betrieb mit deutlich weniger Verstößen gegen Arbeitsstandards einhergeht – insbesondere was Bezahlung, Arbeitszeiten sowie Urlaub, Krankheit oder Mutterschutz angeht.
Okas Studie basiert auf Daten eines umfassenden Monitoring-Programms der Internationalen Arbeitsorganisation, das den gesamten Textilexportsektor in Kambodscha – etwa 580 Fabriken – erfasst. Der Untersuchungszeitraum reicht von 2006 bis 2013.

Etwas weniger als bei Bezahlung und Arbeitszeit erreichten Gewerkschaften den Berechnungen zufolge in Fragen der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes. Auffällig ist zudem: Gibt es mehrere Gewerkschaften in einem Betrieb, so scheint dies den Beschäftigten nichts zu nützen. Die Zahl der Verstöße gegen gültige Regularien fällt höher aus, wenn in einer Fabrik verschiedene Arbeitnehmerorganisationen miteinander konkurrieren. Offenbar gelingt es den Arbeitgebern, die Gewerkschaften gegeneinander auszuspielen. Sie gehen dabei nach dem Motto „teile und herrsche“ vor, wie die Forscherin in rund 60 Interviews mit Managern, Beschäftigten und Gewerkschaftern erfuhr. Übermäßige Vielfalt auf der Gewerkschaftsseite führe außerdem dazu, dass die in Arbeitskämpfen erstrittenen Rechte oder Lohnerhöhungen meist nur einzelne Fabriken betreffen, branchenweite Fortschritte aber selten sind.

Insgesamt zeigten die Interviews aber, dass Beschäftigte – jedenfalls wenn sie an einem Strang ziehen – durchaus beachtlichen Druck auf das Management ausüben können, so Oka. Denn Streiks treffen die ständig unter Termindruck stehenden Arbeitgeber empfindlich. Das liegt an den saisonalen Zyklen der Modeindustrie: Was nicht rechtzeitig fertig wird, muss teuer mit dem Flugzeug statt billig per Schiff transportiert werden. Kann die Sommerkollektion erst im Herbst ausgeliefert werden, ist sie praktisch wertlos.
Daraus zieht die Forscherin allerdings nicht den Schluss, dass die Unterstützung der örtlichen Gewerkschaften wichtiger sei als moralischer Druck auf die Modekonzerne. Auch wenn die Selbstverpflichtungen der Markenanbieter sich häufig als unzulänglich erwiesen hätten, sei es weiterhin nötig, auch von der Abnehmerseite her gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen vorzugehen. Denn beide Herangehensweisen ergänzten sich: Während westliche Initiativen erfahrungsgemäß am ehesten in puncto Gesundheit und Arbeitssicherheit Erfolge zeitigten, erzielten Gewerkschaften vor allem Fortschritte bei Lohn und Arbeitszeit. Diese Doppelstrategie sei auch auf Bangladesch und andere Textilexportländer übertragbar.

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Quellen

Chikako Oka: Improving Working Conditions in Garment Supply Chains: The Role of Unions in Cambodia, in: British Journal of Industrial Relations, online veröffentlicht im Februar 2015


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