Kaum Ahnung von Mitbestimmung

LEHRANGEBOT An deutschen Hochschulen lernen künftige Manager alles Mögliche – nur nichts über Sozialpartnerschaft und die Institutionen der Arbeitnehmerbeteiligung.


Von Mario Müller, Journalist in Frankfurt am Main

Was künftige Führungskräfte von Betriebsräten und Gewerkschaften halten? Herzlich wenig. Diese Erfahrung machte jedenfalls Christof Balkenhol neulich bei einem Gastvortrag an einer staatlichen Hochschule. Der Geschäftsführer der Münchner Beratungsgesellschaft MatrixPartner war eingeladen worden, um vor Managementstudenten über die Rolle der Mitbestimmung zu reden. Seine Erkenntnis aus der Begegnung mit dem akademischen Nachwuchs: Die Mitbestimmung hat, erstens, in den Augen der überwiegenden Mehrheit der Studenten ein „schlechtes Image“. Die Ablehnung beruht, zweitens, aber nicht auf einem „kühlen Abwägen von Argumenten“. Vielmehr mangele es den angehenden Betriebswirten „eindeutig an Kenntnissen“ über Funktionen und Funktionsträger der Interessenvertretung.

Balkenhols Eindruck ist zwar nicht repräsentativ, er dürfte aber die hierzulande vorherrschende Situation treffend wiedergeben. Das Thema Mitbestimmung spielt in den üblichen Ausbildungsgängen für künftige Manager so gut wie keine Rolle. Dabei ist das gesetzlich verankerte deutsche Modell der Zusammenarbeit zwischen Geschäftsleitung, Belegschaftsvertretung und Gewerkschaften in der Praxis aktueller denn je. Es trug, etwa über die Regelung der Kurzarbeit, nicht nur entscheidend dazu bei, dass die Bundesrepublik die größte Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit verhältnismäßig glimpflich überstand. Es gilt inzwischen auch im Ausland als Vorbild.

„Wir haben ein tolles System und schlagen daraus kein Kapital“, bedauert Guido Friebel, Professor für Personalwirtschaft an der Frankfurter Goethe-Universität. Doch wie lässt sich das Kapital unter die Leute bringen? Die Hochschulen müssen ihr Lehrangebot um Mitbestimmungsthemen erweitern, lautet einer der Vorschläge. Ein anderer fordert die Gewerkschaften auf, an den Ausbildungsstätten stärker die Werbetrommel zu rühren. In diese Richtung zielt etwa die von IG BCE und Arbeitgeberverband gemeinsam eingerichtete Chemie-Stiftung Sozialpartner-Akademie (CSSA). Den direkten Meinungsaustausch zwischen Betriebsräten und Personalverantwortlichen pflegt auch der Weiterbildungsstudiengang „Management und Partizipation“, den die Technische Universität Dortmund anbietet.

EFFIZIENZDRUCK BESCHÄDIGT PARTNERSCHAFT_ „Da kann einem schon die Kinnlade runterfallen, wenn man mitkriegt, wie Personaler ticken“, sagt ein Betriebsrat, der in Dortmund die Seminarbank drückte. Tatsächlich ist der Umgang in vielen Unternehmen deutlich rauer geworden. Dies hat unter anderem mit den wachsenden Renditeansprüchen zu tun, denen sich selbst einzelne Abteilungen ausgesetzt sehen. Die „starke Effizienzorientierung“ erzeuge in den Betrieben einen „hohen Druck, der sich auch auf die gelebte Sozialpartnerschaft auswirkt“, heißt es in einem Papier der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP). Bei der neuen Managergeneration werde zudem ein anderes Verständnis von Führung und Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat spürbar. Sie orientiere sich an „Fakten und Kennzahlen“ und stelle die „Plan- und Messbarkeit von unternehmerischen Erfolgen“ in den Vordergrund, schreibt die DGFP weiter. Vor allem jüngere Führungskräfte legten häufig ein „deutlich erkennbares Unverständnis für die Mitbestimmung“ an den Tag, weiß auch Berater Balkenhol aus seiner Praxis.

Derartige Befunde können nicht überraschen. Schließlich basiert die Ausbildung von Betriebswirten an deutschen Hochschulen und Business-Schools auf einer Mikroökonomie, die vor allem in den USA entwickelt wurde und inzwischen als internationaler Standard gilt. Die entsprechenden Lehrinhalte, sagt Thomas Breisig, Professor für Betriebswirtschaft an der Universität Oldenburg, seien „vom Konzept des Shareholder-Value geprägt“. Nach diesem Ansatz hat die Unternehmensführung in erster Linie die Interessen der Aktionäre zu verfolgen. Die anderen „Stakeholder“ wie vor allem die Beschäftigten kommen in diesem neoliberalen Weltbild höchstens am Rande vor. Für die Darstellung von Institutionen wie der Mitbestimmung ist kein Platz, nationale Eigenheiten fallen unter den Tisch. „Die Lehre wird ahistorisch“, meint BWL-Professor Wenzel Matiaske von der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr.

Selbst das Fach Personalwirtschaft beschäftigt sich kaum noch mit Themen wie Mitbestimmung oder der kollektiven Interessenvertretung. Die ökonomische Sichtweise hat die früher gängige soziolo¬gische weitgehend verdrängt. Wenn es um industrielle Beziehungen geht, frage die neue Personalökonomie: „Ist das effizient, braucht man das?“, beschreibt BWL-Professor Werner Nienhüser von der Universität Duisburg-Essen die übliche Vorgehensweise. „Arbeitswissenschaften und Personalführung werden nicht mehr behandelt“, ergänzt sein Kollege Matiaske.

Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die neue Studienordnung mit Bachelor- und Masterabschlüssen lässt noch weniger Zeit für die Darstellung nationaler institutioneller Eigenheiten. Und da die entsprechenden Fächer nicht prüfungsrelevant sind, besteht für die angehenden Manager erst recht kein Anreiz, sich auf die Thematik einzulassen. Ohnehin werde das Personalwesen „nicht so ernst genommen“, glaubt Nienhüser. Die Studenten hätten es „nicht auf dem Schirm“, weil es „zu weit weg vom Geld- und Materialfluss“ sei. Diese Sichtweise führt Nienhüser auf das Bild zurück, das Führungskräfte in der Öffentlichkeit abgeben, wenn sie Beschäftigte höchstens als Kostenfaktor erwähnen. Friebel schlägt in dieselbe Kerbe: „Das Topmanagement kümmert sich nicht um Human Resources.“ Diese Vernachlässigung des Personalwesens sei schon wegen der demografischen Entwicklung „extrem gefährlich“.

Was tun? Die Ausbildungsstätten müssen sich von der „einseitigen Ideologie des radikalen Individualismus“ verabschieden und sich „wieder öffnen für unterschiedliche Sichtweisen, für den lebendigen Dialog zwischen den Disziplinen, für Vielfalt, für die Praxis“, fordert Hans Erich Müller, Professor für Organisation und Management an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR). Dabei sieht er auch die Gewerkschaften in der Pflicht: Sie sollten stärker elektronische Kommunikationswege oder soziale Medien wie Webblogs nutzen, um ihre Positionen verbreiten. Balkenhol wünscht sich ebenfalls, dass die Gewerkschaften die Initiative ergreifen und Impulse setzen, um das Thema Mitbestimmung in der Ausbildung von Führungskräften präsenter werden zu lassen. „Sonst bleiben die Studierenden ohne eigenes Verschulden im Tal der Ahnungslosen.“

Er würde gerne einmal einen Gewerkschaftschef oder den Betriebsrat eines großen Unternehmens zu seinen Veranstaltungen einladen, sagt der Frankfurter Ökonom Friebel und bittet: „Kommt doch!“ Mit theoretischen Vorträgen über die Vorteile der Mitbestimmung ist es allerdings nicht getan. Das „lockt keinen Hund hinter dem Ofen hervor“, warnt der inzwischen emeritierte HWR-Professor Ulf Kadritzke. Denn auch wenn Studenten das hiesige System der Arbeitsbeziehungen nicht ablehnen, sind sie meist der Überzeugung, ihre Interessen in einem Unternehmen selbst durchsetzen und auf die Hilfe des Betriebsrats verzichten zu können. Um diese Barriere zu überwinden, müssen sie Kadritzke zufolge mit Themen konfrontiert werden, die sie direkt betreffen und einen engen Bezug zur Praxis haben.

Handlungsbedarf sehen auch die Gewerkschaft IG BCE und der BVAC, der Arbeitgeberverband der Chemie-Branche. „Weite Teile der Gesellschaft“ seien skeptisch gegenüber der Sozialen Marktwirtschaft eingestellt. Um die Vorbehalte abzubauen, gründeten beide die Chemie-Stiftung Sozialpartner-Akademie als „Thinktank für die Erneuerung von Sozialpartnerschaft und Sozialer Marktwirtschaft“. Auf dem Programm der CSSA stehen Kolloquien, in denen sich Vertreter von Arbeitgebern und Gewerkschaft austauschen. Dort kommen die Teilnehmer „aus der Schwerkraft des Alltags heraus“ und können gemeinsame Ansätze entwickeln, sagt CSSA-Geschäftsführer Klaus-W. West.

Das Wiesbadener Institut sieht West vor allem in der Rolle eines Anregers und Initiators von Diskussionsprozessen und Netzwerken. „Wir arbeiten intensiv am Transfer von Konzepten in die Praxis.“ Inzwischen konnte die CSSA eine Gruppe von zwölf Wissenschaftlern gewinnen. Professor Birger Priddat von der Universität Witten-Herdecke arbeitet im Auftrag der CSSA an einer Studie über die Bedeutung von Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft für die Unternehmen und ihren ökonomischen Nutzen.

In Dortmund stehen „Management und Partizipation“ schon länger auf dem Programm der Technischen Universität, die unter diesem Titel einen berufsbegleitenden Weiterbildungsstudiengang anbietet. Seine Besonderheit: „Hier drücken Betriebsräte und Führungskräfte von Unternehmen gemeinsam die Seminarbank – und lernen nicht nur von den Dozenten, sondern auch voneinander“, wie es in der Eigenwerbung heißt. Über drei Semester werden die Teilnehmer nicht nur mit „modernem Managementwissen“ über Unternehmensführung vertraut gemacht. Zu dem Studium gehört auch das Training von Techniken, die bei der Lösung von Konflikten helfen.

Möglicherweise gibt die jüngste Wirtschaftskrise dem deutschen Modell neuen Schub. Die US-Unternehmen müssten umschwenken vom Shareholder- zum Stakeholder-Ansatz „wie in Deutschland“, meinte John Studzinski, Manager des Investmentriesen Blackstone, auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Die rasche Erholung der hiesigen Wirtschaft führt er auch darauf zurück, dass Arbeitnehmer in Aufsichtsräten sitzen und „eine Menge neuer Sichtweisen“ einbringen. Das dürften Professor Matiaske und seine Kollegen Breisig, Nienhüser oder Müller, die zur kleinen Schar von Hochschullehrern gehören, die das Thema Mitbestimmung beackern, gerne hören. Die Bewältigung der Krise sieht Studzinski als Erfolg der hiesigen Sozialpartnerschaft. Matiaske hofft nun, dass dies auch das Interesse von Personalern neu entfacht.

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