Projektbeschreibung
Kontext
Unternehmen mit digitalen, plattformbasierten Geschäftsmodellen sind erfolgreich darin, bestehende Rahmenbedingungen ihrer jeweiligen Branchen zu verändern. Auch in der Logistikbranche breiten sich zunehmend digitale Plattformen aus, die durch die vereinfachte Vermittlung von Logistikdienstleistungen eine Umgehung oder Verschiebung etablierter – mehr oder weniger fest in das duale System der Interessenvertretung eingebundener – Logistikunternehmen begünstigen. Es wird angenommen, dass neue Logistikplattformen zur Neugestaltung von Lieferketten, Abhängigkeiten, Kooperationen und Konkurrenz zwischen den verschiedenen alten und neuen Akteuren der Logistik ebenso wie zu veränderten Arbeitsbedingungen und Möglichkeiten der Mitbestimmung beitragen. Empirische Ergebnisse fehlen jedoch bislang.
Fragestellung
Im Forschungsprojekt wurden die Folgen der Ausbreitung digitaler Plattformen für Märkte, Machtverhältnisse und Wertketten und daraus resultierende Auswirkungen für Arbeitsbedingungen sowie Möglichkeiten der Mitbestimmung am Beispiel der deutschen Logistikbranche untersucht. Folgende Fragen standen im Fokus:
● Wie verändern sich Marktstrukturen, Wertketten und Machtrelationen durch digitale, plattformbasierte Geschäftsmodelle?
● Inwieweit führt die Reorganisation von Wertketten zur Verlagerung von Dienstleistungen ins EU-Ausland und in Drittstaaten?
● Welche Auswirkungen hat die Reorganisation von Wertketten auf die Wertaneignung, Arbeitsbedingungen sowie Mitbestimmung in der Logistikbranche?
● Welche Handlungs- und Gestaltungsspielräume haben Mitbestimmungsakteure und Unternehmensleitungen in den Transformationsprozessen, um gute Arbeit zu realisieren und die Mitbestimmung zu institutionalisieren?
Untersuchungsmethoden
Basierend auf einer anfänglichen Literatur- und Desktoprecherche wurde der Untersuchungsfokus auf digitale Plattformen im Straßengütertransport gesetzt, in dem die Vielzahl der Logistikplattformen in Deutschland tätig ist. Um einen möglichst umfassenden Blick auf die Plattformisierung in der Logistik zu erhalten, wurden 42 qualitative Interviews mit folgenden Akteursgruppen durchgeführt: Vertreter*innen digitaler Logistikplattformen, Vertreter*innen unterschiedlicher Logistikunternehmen, die in Teilen selbst digitale Logistikplattformen nutzen, Arbeitnehmende und Vertreter*innen sowie anderweitige Expert*innen. Zum Zweck der Triangulation erfolgten zudem ergänzende Dokumentenanalysen und teilnehmende Beobachtungen. Die Datenauswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalysen. Zwischenergebnisse, in Form von Szenarien und potentiellen Gestaltungsoptionen, wurden während des Forschungsprozesses in Form zweier Workshops mit Arbeitnehmenden- und Unternehmensvertreter*innen diskutiert.
Darstellung der Ergebnisse
Die Projektergebnisse verdeutlichen, dass die zunehmende Verbreitung digitaler Plattformen in zwischenbetrieblichen Bereichen wie der Logistik sowohl neue Abhängigkeiten schaffen und eine Reorganisation bestehender Wertschöpfungs- und Arbeitsprozesse bewirken als auch bestehende Machtdynamiken reproduzieren kann. In der plattformbasierten Transportlogistik zeigt sich in Folge der Plattformisierung insbesondere eine Verstärkung des bestehenden Unterbietungswettlaufs. Damit verbunden ist eine Beschleunigung der Arbeitsauslagerung ins EU-Ausland und in Drittstaaten, die tendenziell mit sinkenden Arbeits- und Sozialstandards einhergeht.
Die Ergebnisse zeigen zudem, dass Arbeitnehmende in Plattformzusammenhängen nicht nur auf struktureller, sondern auch auf individueller Ebene vor neuen Herausforderungen stehen. Diese hängen oftmals damit zusammen, dass datengesteuerte Organisations- und Arbeitsprozesse nicht transparent gestaltet sind und Mitbestimmungsakteur*innen unzureichend involviert werden. Gleichzeitig bieten digitale Anwendungen wie Plattformen und die damit verbundenen technischen Infrastrukturen auch Potenziale, die Umsetzung von Arbeitsstandards zu unterstützen.