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Wissenschaftskonferenz von Hans-Böckler-Stiftung und WZB: Neue Impulse für Forschung zu Mitbestimmung und nachhaltiger Corporate Governance

12.05.2016

Seitdem Deutschland die Wirtschafts- und Finanzkrise im internationalen Vergleich sehr erfolgreich bewältigt hat, ist das Interesse an wissenschaftlicher Expertise zur Mitbestimmung gewachsen. Schließlich zeigen Analysen etwa, dass ein wesentlicher Faktor bei der Überwindung der Krise die drastische Arbeitszeitreduzierung im Konsens mit der Belegschaft war, die insbesondere in mitbestimmten Industriebetrieben gelang. Wie aktuelle Forschung die Leistungen der Mitbestimmung für Unternehmen und ihre Beschäftigten, aber auch für Konsumenten und Ökologie einschätzen, und wo Wissenschaftler die Herausforderungen in einer sich wandelnden Arbeitswelt sehen, loten die Hans-Böckler-Stiftung und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) heute auf einer gemeinsamen Tagung aus.

Auf der Konferenz wird auch ein neues wissenschaftliches Instrument vorgestellt: Der Mitbestimmungsindex MB-ix. Entwickelt wurde der Index am WZB in einem Projekt mit Förderung der Hans-Böckler-Stiftung. Künftig wird er ganz konkret Zusammenhänge zwischen Mitbestimmungsintensität und Arbeitsbedingungen, Innovationsfähigkeit, Investitionstätigkeit oder Managervergütung in den 160 Unternehmen durchleuchten, die in den deutschen Börsenindizes von DAX bis TECDAX notiert sind. Sigurt Vitols, Ph.D., der das neue Instrument am WZB konzipiert hat, ordnet Index und Konferenz in die Diskussion um eine nachhaltige Unternehmensführung ein, die zu mehr wirtschaftlicher Stabilität beitragen kann: „Die Wissenschaft sieht die Mitbestimmung als Schlüsselelement der deutschen Sozial- und Wirtschaftsordnung und des ‚Stakeholder‘-Modells der Corporate Governance. Wir wollen wissen, was die Mitbestimmung im Einzelnen geleistet hat.“

Die Präsidentin des WZB, Prof. Jutta Allmendinger, Ph.D., zählt die Mitbestimmung zu den Faktoren, die gesellschaftlichen Wandel voranbringen und gestaltbar machen: „Für Mitbestimmung ist eine Stimme nötig, die man erheben muss, um sich Gehör zu verschaffen. Eine Stimme verleiht Macht und führt zu Veränderungen", sagt die Soziologin. Dass der Anspruch auf Mitsprache im Arbeitsleben von einer deutlichen Mehrheit in der Gesellschaft erhoben wird, zeigen aktuelle Ergebnisse, über die Prof. Dr. Werner Nienhüser, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, auf der Konferenz berichtet: Unter 1.900 repräsentativ Befragten sind 65 Prozent der Meinung, dass Arbeitnehmer mindestens so viel Einfluss haben sollten wie Arbeitgeber. Noch deutlicher fällt die Gegenprobe aus: Der Aussage, dass Mitbestimmung falsch sei, stimmten nur 13 Prozent der Befragten zu.

Dr. Norbert Kluge, Leiter der Abteilung Mitbestimmungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, hält es für viel versprechend, die Wirkungen der demokratischen Beteiligung in Betrieben und Unternehmen angesichts der aktuellen Umbrüche – Globalisierung und Digitalisierung – zu erforschen: „Die Zukunft von Arbeiten und Wirtschaften ist offen. In Umbruchphasen muss um gemeinsame Antworten und Lösungen gerungen werden. Mitbestimmung stellt dafür Augenhöhe her“, so Kluge.

„Faire, transparente Regeln sind nicht nur im Interesse der Beschäftigten“, betont Michael Guggemos, Sprecher der Geschäftsführung der Hans-Böckler-Stiftung und Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex. „Sie sind Voraussetzung für motivierte, selbstverantwortliche Arbeit, ohne die moderne Unternehmen gar nicht funktionieren können.“

Zu den Zukunftsfragen der Mitbestimmung zählen auch die Auswirkungen europäischer Rechtsetzung und die Rechtsprechung des EuGH. Sie fiel in der Vergangenheit oft nicht im Sinne kollektiver Arbeitnehmerrechte aus – dabei ist Mitbestimmung in vielen EU-Ländern ein Thema: In 18 von 28 Mitgliedsstaaten haben Arbeitnehmervertreter das Recht, im Aufsichts- oder Verwaltungsrat mitzuentscheiden, zeigen Untersuchungen von Aline Conchon und Prof. Dr. Jeremy Waddington von der University of Manchester, die ebenfalls auf der Konferenz diskutiert werden. Gerade in einer schwierigen Phase der europäischen Entwicklung gehöre Mitbestimmung mehr denn je auf die Agenda, sagt Prof. Dr. Anke Hassel von der Hertie School of Governance: „Sie hat sich als Element für den sozialen gesellschaftlichen Interessenausgleich auf nationaler Ebne erwiesen. Dieses Konzept kann auch zur besseren sozialen Integration Europas genutzt werden.“

Weitere Informationen:

Einzelheiten zum Programm der Tagung

Kontakt:

Dr. Norbert Kluge
Leiter Abteilung Mitbestimmungsförderung

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

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