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Internationales: Kooperation in Krisenzeiten

Ausgabe 03/2020

Die Zusammenarbeit zwischen deutschen und italienischen Metallgewerkschaftern hat die Corona-Probe bestanden. Von Volker Telljohann

Vermutlich halten die Beschäftigten in der Metallindustrie der Emilia-Romagna seit Kurzem einen Weltrekord: Bis zu 95 Prozent von ihnen befanden sich auf dem Höhepunkt der Corona-Krise in Kurzarbeit. Ende Mai, nachdem die Anti-Corona-Maßnahmen auch in dieser von der Epidemie stark getroffenen Region Norditaliens gelockert worden waren, lag der Kurzarbeiteranteil immer noch bei rund 50 Prozent. Allein in Bologna, der Hauptstadt der Region, wurden 2500 betriebliche Vereinbarungen zur Regelung von Kurzarbeit abgeschlossen.
Wie stark die Ansteckungen – nicht nur in Norditalien – in den Betrieben des Landes verbreitet waren, zeigen die Zahlen der italienischen Arbeitsunfallversicherungsanstalt. Für den Zeitraum zwischen Ende Februar und Mitte Mai 2020 meldete die Behörde mehr als 43 000 arbeitsbedingte Ansteckungsfälle und 171 Todesfälle. 

Besonders in der Lombardei, der am stärksten von der Epidemie betroffenen Region des Landes, kam es zu harten Auseinandersetzungen zwischen Unternehmen und Gewerkschaften über die Maßnahmen zum Gesundheitsschutz der Beschäftigten. Der regionale Arbeitgeberverband Confindustria wollte die Produktion so weit wie möglich weiterlaufen lassen. Die Beschäftigten mussten weiter ihrer Arbeit nachgehen, ohne dass die überwiegende Mehrheit der Unternehmen die notwendigen Schutzvorkehrungen getroffen hatte. Gleichzeitig wurde den Menschen in ihrer Freizeit eine nahezu totale Ausgangssperre auferlegt. Nachdem per Gesetzesdekret bis auf Betriebe zur Herstellung lebensnotwendiger Güter sämtliche Produktionsstätten geschlossen werden sollten, wurden auf Druck der Confindustria zunächst selbst Rüstungsgüter in diese Kategorie eingeordnet. Als dann auf Druck der Gewerkschaften die Definition lebensnotwendiger Güter deutlich enger gefasst wurde, versuchten viele Unternehmen, über die örtlichen Verwaltungen Sondergenehmigungen zu erhalten. Die Vielzahl von Streiks in der Lombardei war letztlich eine Reaktion auf den verantwortungslosen Kurs der Arbeitgeber.

In der Emilia-Romagna waren Streiks deutlich weniger verbreitet, nicht zuletzt weil die betrieblichen Gewerkschaftsvertretungen gegenüber den Unternehmen ihre Forderungen nach einem Stopp der Produktion und adäquaten Schutz- und Hygienemaßnahmen mit Nachdruck vertraten. „Man kann sagen, dass die Gründe für das im Vergleich zur Lombardei niedrigere Konfliktniveau im ‚modello emiliano‘ zu suchen sind“, so Michele Bulgarelli, Generalsekretär der Metallgewerkschaft FIOM Bologna. Zu diesem Modell zählt nicht nur die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der Region, sondern auch eine nach wie vor starke Position der Gewerkschaften.

Hilfreicher Austausch

Als hilfreich während der Krise erwies sich der seit Jahren lebhafte Austausch zwischen deutschen und italienischen Gewerkschaften. Die Emilia-Romagna zählt zu den wichtigsten Zielregionen deutscher Investitionen in Norditalien. Angesichts der industriellen Verflechtungen hat sich seit 2013 eine Kooperation zwischen der FIOM in Bologna und der Emilia-Romagna sowie der IG Metall Wolfsburg, Ingolstadt und Esslingen entwickelt. Die von der Hans-Böckler-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützte Zusammenarbeit war von Beginn von dem Gedanken geleitet, dass in einer globalisierten Arbeitswelt die internationale Solidarität zu den wichtigsten Säulen der Gewerkschaften zählt. 

Auch während der Corona-Krise tauschten sich norditalienische und deutsche Metaller intensiv aus. Die Kooperation hat bewirkt, dass die italienische Gewerkschaft Instrumente wie etwa internationale Rahmenvereinbarungen und Informationen aus Deutschland weit offensiver nutzt als in der Vergangenheit. Außerdem wissen die Kollegen der FIOM in der Emilia-Romagna, dass sie bei Bedarf auf die Unterstützung der IG Metall zählen können. Insofern überrascht es nicht, dass viele der weitreichendsten betrieblichen Vereinbarungen zur Kurzarbeit in Betrieben der Emilia-Romagna abgeschlossen wurden – etwa die Absprachen bei Lamborghini und Ducati, die eine Aufstockung des Kurzarbeitergelds, hygienegerechte Änderungen des Schichtbetriebs, Weiterbildungsmöglichkeiten und Absicherungen für Leihbeschäftigte enthalten.

Die Partner der deutsch-italienischen Gewerkschaftskooperation haben bereits Überlegungen für die Zeit nach Corona angestellt. Die Fortführung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit halten sie für unverzichtbar, da die Gewerkschaften nach der Corona-Krise mit Herausforderungen konfrontiert sein werden, die allein auf nationaler Ebene kaum zu meistern sind. Hierzu zählen die absehbare Neuorganisierung der Lieferketten sowie eine weitere Welle von Unternehmensaufkäufen und Fusionen. 

In der jetzigen Phase hat das Projekt aber auch noch eine ganz andere Signalwirkung: Gerade in Zeiten der Corona-Krise, in denen das deutsch-italienische Verhältnis zuweilen sehr spannungsgeladen wirkte, liefern Projekte wie die Kooperation zwischen Gewerkschaften beider Länder einen wichtigen Ansatz, um das gegenseitige Vertrauen zwischen deutschen und italienischen Beschäftigten zu fördern. 

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