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Krisenpolitik: Im Spagat

Ausgabe 03/2020

Arbeitsdirektoren und Personalvorstände müssen in der Corona-Krise für die Sicherheit der Beschäftigten sorgen – und zugleich das Geschäft am Laufen halten. Von Susanne Kailitz

Stillstand? Sofort? „Unmöglich!“ Als die Corona-Pandemie ausbrach, war Oliver Burkhard schnell klar, dass die Arbeit nicht normal weiterlaufen würde. Burkhard ist Arbeitsdirektor bei Thyssenkrupp, dem größten Stahlhersteller Deutschlands mit rund 162 000 Mitarbeitern auf der ganzen Welt. „Die Menschen und ihre Gesundheit stehen an erster Stelle, da gab es keine Diskussionen“, sagt der 48-Jährige, „aber einen Hochofen fahren Sie nicht mal eben runter; dann backt darin alles so fest, dass Sie das Ding nie wieder in Betrieb nehmen können.“ Auch eine Kokerei müsse 24/7 arbeiten, „da können wir nicht einfach auf null gehen“. Innerhalb kürzester Zeit wurden 37 000 Mitarbeiter weltweit ins Homeoffice geschickt, rund 27 000 Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit gehen. Als es um die Verteilung der finanziellen Lasten ging, wollten die Führungskräfte nicht abseits stehen. „Sie haben sich auf einen Gehaltsverzicht von zehn Prozent ihres Fixums verständigt“, berichtet Burkhard. „Der variable Teil des Gehalts, der im Schnitt etwa 30 Prozent ausmacht, ist in diesem Geschäftsjahr wegen der Umsatzeinbußen ohnehin weg.“ Weil Thyssenkrupp Niederlassungen in China, Spanien, Frankreich, den USA und Brasilien hat, kann Burkhard seit dem Ausbruch von Corona den Verlauf der Krankheit quer über den Globus „in Echtzeit verfolgen“. Bis Ende Mai waren etwa 120 Mitarbeiter erkrankt und zwei Todesfälle zu beklagen.

Arbeiten im Corona-Modus

Auch für Burkhard hat sich die Arbeit deutlich verändert: Sein Tag besteht jetzt hauptsächlich aus Videocalls. Reisen und direkte Meetings sind vorerst gestrichen. Um die Zukunft des Unternehmens macht er sich ernsthaft Sorgen. Die Pandemie treffe Thyssenkrupp „bis ins Mark“, die Bedrohung sei existenziell. 
Zwar hatte noch im Februar der Verkauf der Aufzugssparte 17 Milliarden Euro in die Unternehmenskasse gespült, die für Investitionen und den Abbau von Schulden dringend gebraucht werden. Doch seit Corona ist der in Essen beheimatete Konzern tief in die Verlustzone gerutscht. Vor allem die Automobilindustrie fiel als Kunde wochenlang komplett aus. Kürzlich teilte das Unternehmen mit, dass für die Monate April bis Juni ein Verlust von bis zu einer Milliarde Euro „nicht auszuschließen“ sei. Weiterhin im Gespräch ist ein Verkauf der Stahlsparte oder eine Fusion mit einem anderen Hersteller; mit der IG Metall hat sich die Unternehmensführung bereits auf den Wegfall von 3000 Stellen geeinigt. Wie es weitergeht nach der Krise? In der aktuellen Situation helfe „die Möglichkeit der Kurzarbeit sehr“, sagt Burkhard, „aber wenn wir perspektivisch das alte Niveau nicht mehr erreichen, kommt das Thema Beschäftigung zwangsläufig unter Druck“.

Burkhard ist in einer schwierigen Situation – wie viele seiner Kollegen, die als Arbeitsdirektoren und Personalvorstände einerseits für den Schutz der Beschäftigten verantwortlich sind, gleichzeitig aber das Unternehmen am Laufen halten müssen. Seinen Job sieht Burkhard derzeit als „Spagat zwischen dem Geschäft und den Menschen im Geschäft. Bei Corona müssen wir beides absichern.“ Im Zweifelsfall entscheide er „immer pro Mensch“, sagt Burkhard, der auf eine Gewerkschaftskarriere als Funktionsbereichsleiter Tarifpolitik im Bundesvorstand der IG Metall und Bezirksleiter der IG Metall in Nordrhein-Westfalen zurückblicken kann.

Allerdings berge die Krise auch die Chance, „ein paar Dinge anders zu denken als zuvor“, sagt Burkhard. „Wir haben festgestellt, dass sich viel mehr in Videocalls besprechen lässt, als wir erwartet hatten, und dass unsere Kolleginnen und Kollegen sehr gut im Homeoffice arbeiten. Es wäre doch verrückt, wenn wir das alles zurückdrehen würden.“ Inlandsflüge etwa hält er künftig kaum noch für nötig.

Auch bei den Berliner Wasserbetrieben hat Corona vieles verändert. Kerstin Oster, im Vorstand verantwortlich für Personal, Soziales und IT, ist hörbar stolz, dass es gelungen ist, „innerhalb kürzester Zeit rund 3800 Kollegen aus ihrer gewohnten Umgebung zu holen und trotzdem arbeitsfähig zu bleiben“. Das sei immens wichtig gewesen, denn „wir sind Teil der kritischen Infrastruktur und halten Berlin am Laufen“. Im Zuge der Corona-Krise seien alle nicht gewerblichen Bereiche wie das Controlling oder der Kundenservice ins Homeoffice versetzt worden, darunter auch viele Tätigkeiten, bei denen man so etwas früher kaum für möglich gehalten habe.

Ein Kern der Belegschaft muss trotzdem vor Ort arbeiten. Diese Mitarbeiter haben – für den Fall eines Corona-Ausbruchs – stets eine personelle Reserve im Rücken. Innerhalb von nur einer Woche wurden zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern eine Dienstvereinbarung zur Pandemie und eine zur Telearbeit verhandelt. Während bisher maximal 250 Mitarbeiter gleichzeitig in der Telearbeit waren, können nun bis zu 1300 gleichzeitig von zu Hause aus arbeiten. Selbst die datenschutzrechtlich sensible Entgeltabrechnung sei gewährleistet. „Unsere IT hat extrem schnell durch Hardware, Lizenzen und enormen Support gesichert, dass das Geschäft komplett weiterläuft, nur eben anders.“ Diese Flexibilität könne „ruhig so bleiben“, wünscht sich Oster, „weil wir damit an vielen Stellen effizienter sind. Schön wäre, wenn wir einen guten Mix beibehalten würden.“

70 Prozent weniger Fahrgäste bei der BVG

Nicht überall sind Homeoffice und Videocalls die Lösung. Viele systemrelevante Arbeiten können nur vor Ort erledigt werden. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) etwa konnten zwar einen Großteil ihrer Verwaltungsvorgänge zu den Mitarbeitern nach Hause verlegen, für das „fahrende Personal“ allerdings komme das selbstredend nicht infrage, erklärt Dirk Schulte, Vorstand für Personal und Soziales. „Unsere Busse und Bahnen fahren rund um die Uhr, in den Werkstätten wird gearbeitet und auf unseren Baustellen auch.“ Mit Trennfolien und dem Stopp des Fahrscheinverkaufs bei den Fahrern verringert das Unternehmen das Ansteckungsrisiko. Fahrgäste dürfen nur noch in den hinteren Eingängen zusteigen, außerdem werden sowohl die Fahrzeuge als auch Sanitäranlagen jetzt häufiger gereinigt. Nachdem die BVG den Fahrplan einige Wochen ausgedünnt hatte, fahren Busse und Bahnen mittlerweile wieder im Normalbetrieb.

Die Stimmung im Unternehmen, so Schulte, habe sich nicht verschlechtert, obwohl der dramatische Einbruch der Fahrgastzahlen seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie eine tiefrote Spur in der Bilanz hinterlassen wird. Um rund 70 Prozent sind die Fahrgastzahlen zwischenzeitlich eingebrochen. Nachdem die BVG schon im vergangenen Jahr nach Streiks und einem für die Beschäftigten sehr vorteilhaften Tarifabschluss, für den es vom Berliner Senat keine direkte Gegenfinanzierung gibt, einen Verlust von 58 Millionen Euro eingefahren hat, wird das Unternehmen auch 2020 mit Verlust abschließen. Allerdings hat das Land Berlin seinen Verkehrsbetrieben für die Zeit bis 2025 bereits Anfang Mai finanzielle Hilfen von rund 250 Millionen Euro zugesagt. 

In der Berliner Charité, mit über 3000 Betten eine der größten Unikliniken Europas, ist Jörg Pawlowski sehr gespannt darauf, ob sich aus den warmen Worten, mit denen die Pflegekräfte in den vergangenen Wochen von Politik und Medien eingedeckt wurden, wirklich substanzielle Verbesserungen für seine Klientel ergeben werden. Als Personalratschef für das Klinikpersonal kämpft er seit Jahren gegen den Personalmangel und schlechte Arbeitsbedingungen. Während des Shutdown, als die Kliniken angehalten waren, Kapazitäten vorrangig für die Behandlung von Corona-Patienten vorzuhalten, die dann nicht in der erwarteten Zahl eingeliefert wurden, sei die Arbeitsbelastung sogar gesunken, erzählt er, was sogar dazu geführt habe, dass der Krankenstand auf ein lange nicht erreichtes Maß gesunken sei. 

In der Corona-Ausnahmesituation sei er zu Zugeständnissen bereit gewesen, erzählt Pawlowski. So habe man „fast ad hoc“ den gesamten Verwaltungsbereich papierlos und damit nahezu kontaktlos gestaltet, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren und so vielen Mitarbeitern wie möglich die Telearbeit zu ermöglichen. „Normalerweise hätten wir dafür erst einmal eine Dienstvereinbarung mit einem Schulungskonzept und Infoveranstaltungen gebraucht. Auch in der Krise muss die Mitbestimmung gewahrt sein.“ Dennoch habe der Betriebsrat zugestimmt, weil schnell gehandelt werden musste.

An der Charité hat die Krise auch den Arbeitskampf verändert: Ein für Anfang März geplanter Warnstreik von Beschäftigten einer Tochtergesellschaft musste ausgesetzt werden, weil die Initiatoren keine unkontrollierbare Verbreitung des Virus riskieren wollten. Die Forderung nach einem Pandemie-Risikozuschlag und einem „Berliner Corona-Krankenhauspakt“, die Verdi erhebt, bleibt, doch Jörg Pawlowski ist skeptisch. Er glaubt „den Versprechungen von Politikern schon lange nicht mehr“. Trotz aller neuen Flexibilität: „Wir müssen einfach laut bleiben, um etwas zu verbessern.“

  • Kerstin Oster

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