zurück
Saisonarbeiter bei der Spargelernte Magazin Mitbestimmung Magazin Mitbestimmung

Saisonarbeit: Hilfe für Erntehelfer

Ausgabe 02/2021

In der deutschen Landwirtschaft arbeiten viele Osteuropäer als Saisonkräfte. Seit Anfang des Jahres versucht ein Kooperationsprojekt in Nordrhein-Westfalen, Betroffene aufzuspüren und zu unterstützten. Von Annette Jensen

Ohne Pässe und Geld standen die zehn Männer am Morgen des 4. Februar auf einer Straße am Niederrhein und waren obdachlos. Seit Januar hatten sie bei einer Baumschule gejobbt, zehn bis zwölf Stunden Pflanzen gestutzt, oft im Regen und bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt. Wer sich zwischendurch neue Klamotten anziehen oder zur Toilette gehen wollte, habe dafür Lohn abgezogen bekommen.  Als sich einige über Wohn-, Arbeits- und Lohnbedingungen beschwerten habe der Chef sie fristlos gekündigt.

Nun standen sie auf der Straße, einer von ihnen googelte und fand das auf Rumänisch geschriebene Hilfsangebot von Arbeit und Leben des DGB und des Vereins VHS NRW. Mit Catalina Guia hatten sie nicht nur eine Frau am Handy, die ihre Sprache sprach, sondern sich auch bestens mit arbeitsrechtlichen Fragen in Deutschland auskennt.

Irgendeinen Job zu finden, ist nicht schwer

Unter den zehn, die Anfang Februar bei Arbeit und Leben anriefen, war auch Andre Stan (Name geändert). Inzwischen arbeitet er wieder in Rumänien auf einer Baustelle. „Irgendeinen Job zu finden ist nicht schwierig“, sagt der 23-Jährige. Doch die Bezahlung in Rumänien ist schlecht: Der gesetzliche Mindestlohn wurde Anfang 2020 auf monatlich umgerechnet 467 Euro hochgesetzt – brutto. Deshalb war Andre Stan schon mehrfach in Westeuropa, hat bei Amazon in England gejobbt, in Deutschland Erdbeeren im Akkord gepflückt und in diesem Januar bei einer Baumschule in Brüggen Pflanzen gestutzt.

Wie bei den allermeisten Einsätzen in der Landwirtschaft musste er zu Arbeitsbeginn seinen Pass abgeben. Er unterschrieb einen Vertrag, den er aufgrund der Sprache nicht lesen konnte. Eine Kopie bekam er auch nicht. Untergebracht waren die etwa 40 Männer in Containern ohne funktionierende Heizung; viele schliefen in ihren Jacken. „In der Küche waren die Rohre verstopft, die Räume dreckig, die Toiletten weit entfernt,“ berichtet Andre Stan.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Nachdem die zehn Catalina Guia von Arbeit und Leben ihre Lage geschildert hatten, schrieb sie eine dringende E-Mail an die Beratungsstelle Arbeit in Mönchengladbach. Dort klemmte sich Karl Sasserath gleich ans Telefon und versuchte, einen Polizeieinsatz zu organisieren. „Das war gar nicht so einfach“, berichtet er. Die zuständige Dienststelle war nicht erreichbar, er erstattete eine online-Anzeige und konnte schließlich veranlassen, dass ein Streifenwagen zu den frierenden Rumänen fuhr. Derweil sprach Guia mehrfach mit dem Baumschul-Betreiber. „Er hat sehr schlecht über die Arbeiter geredet und wollte, dass die Anzeige zurückgenommen wird.“ Mehrere Stunden dauerten die Verhandlungen mit Arbeitgeber und Polizei. Erst als es schon längst dunkel war, bekamen die Männer ihre Pässe ausgehändigt und wurden entsprechend des Mindestlohngesetzes bezahlt. Nun überprüft die Staatsanwaltschaft Krefeld die Anschuldigungen gegen den Arbeitgeber. 

Fast 300.000 Saisonarbeitskräfte kommen jährlich nach Deutschland, um Spargel zu stechen, Wein und Obst zu ernten oder in einer Baumschule zu helfen, so eine Studie des Bundeslandwirtschaftsministeriums. „Es ist sehr schwierig, an die Menschen ranzukommen“, berichtet Pagonis Pagonakis, Koordinator des Projekts Arbeitnehmerfreizügigkeit fair gestalten von DGB und VHS NRW. Die Einsatzorte liegen verstreut, die Beschäftigten werden abgeschottet. Weil kaum jemand hier gewerkschaftlich organisiert ist, bleibt oft nur die Möglichkeit, Flyer in den Muttersprachen am Feldrand loszuwerden. Als im vergangenen Jahr wegen Corona Sonderflüge für Saisonarbeitskräfte stattfanden, nutzten Gewerkschafter die Chance, den Ankommenden an den Flughäfen Informationen in die Hand zu drücken. „Die Vorarbeiter versuchen so etwas aber oft zu unterbinden“, so Pagonakis.

Seit Anfang des Jahres kooperiert sein dreiköpfiges Team mit den über 70 Beratungsstellen Arbeit in NRW. Deren Zielgruppe sind seither nicht mehr allein Erwerbslose, sondern auch Menschen, die unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen schuften. Sprachkenntnisse und Fachexpertise auf der einen Seite und dezentrale Netzwerkstrukturen auf der anderen Seite wirken nun zusammen.  

Nicht ohne Sozialversicherung

Derweil versucht die IG Bauen Agrar Umwelt auf politischer Ebene voran zu kommen. Am selben Tag, an dem die zehn Rumänen vor der Baumschule auf der Straße ausharrten, veranstaltete die Gewerkschaft einen ersten sozialen Dialog mit Vertretern der Arbeitgeberverbände, den zuständigen Ministerien und Bundestagsabgeordneten zu den ausbeuterischen Arbeitsbedingungen auf deutschen Feldern. „Unser Ziel ist eine gesetzliche Regelung, dass auch die Saisonkräfte in der Landwirtschaft von Anfang an sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden müssen“, sagt Jörg Heinel, Leiter des Forst- und Agrarbereichs bei der IG BAU. In der Fleischindustrie ist das seit 1. Januar vorgeschrieben. Dagegen setzte die große Koalition die Frist für eine sozialversicherungsfreie Anstellung bei Landwirtschaftsbeschäftigten im vergangenen Jahr auf Druck der Arbeitgeber sogar von 70 auf 115 Tage hoch – und die wollen eine Verlängerung.

Zugehörige Themen

Weitere Inhalte zum Thema

Newsletter mit Ihren Themen

Bleiben Sie informiert: Neueste Forschungsergebnisse und Infos zu den Themen Mitbestimmung, Arbeit, Soziales, Wirtschaft. Unsere Newsletter können Sie jederzeit abbestellen.

Der Beitrag wurde zu Ihrerm Merkzettel hinzugefügt.

Merkzettel öffnen