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Berufliche Ausbildung: Coaching für Azubis

Ausgabe 10/2014

Unternehmen suchen händeringend nach Auszubildenden. Zugleich suchen Jugendliche mit Handicaps verzweifelt eine Lehrstelle. „Assistierte Ausbildung“ heißt das Modellprojekt, das beide Seiten unterstützt. Von Christian Sywottek

Es ist ein unscheinbarer Schreibtisch aus hellem Holzfurnier, doch für Ama Atapattu ist er nichts weniger als die Zukunft. Die 26-Jährige sitzt dort vor ihrem Computer, konfiguriert Programme zur Datenverwaltung von Unternehmen, wickelt den täglichen Support der Kunden ab. „Meine Mitschüler in der Berufsschule installieren Drucker oder kaufen Hardware ein“, sagt die Auszubildende zur IT-Systemkauffrau beim Freiburger IT-Dienstleister iXenso, „bei uns geht es um andere Sachen.“ Und für  geht es ums Ganze. Sie lernt einen Beruf, den sie wirklich lernen will, in einem Unternehmen, das sie nach der Ausbildung auf jeden Fall übernehmen möchte. Obwohl sie eigentlich zu den Kandidatinnen gehört, die diesen Weg gemeinhin nicht schaffen. „Ohne die assistierte Ausbildung wäre ich längst nicht mehr da“, gibt Ama Atapattu unumwunden zu.

IMMENSER DRUCK_ Assistierte Ausbildung? „Heißt das, dass meine Auszubildende jede Woche zum Psychologen muss?“ Andrea Sailer, bei iXenso verantwortlich für die Auszubildenden, erinnert sich gut an ihre erste Reaktion vor zwei Jahren, als ihr Amas Betreuerin von der Arbeitsfördergesellschaft Ortenau GmbH (Afög) dieses ungewöhnliche Förderinstrument vorschlug. Attapattu hatte zuvor eine Krankenpflegeausbildung und das Wirtschaftsgymnasium abgebrochen, vor allem aber hatte sie ihr vom immensen psychischen Druck vonseiten ihrer Eltern erzählt, die, fest verwurzelt in der sri-lankischen Tradition, jeden Versuch ihrer Tochter torpedierten, ein eigenständiges Leben zu führen. „Ich war wie ein Kind, unsicher und unselbstständig“, sagt Ama Atapattu, „und wenn ich den Druck nicht mehr aushielt, wurde ich krank.“ 

Fehltage, mangelnde Konzentration bei der Arbeit – „so etwas geht bei uns einfach nicht“, das wusste Andrea Sailer schon damals. iXenso beschäftigt nur 22 Mitarbeiter, jeder Azubi ist dort eine Investition in die eigene Zukunft. „Es war klar, dass es nicht einfach würde mit ihr“, sagt Sailer, „wir hatten Angst, dass sie dem familiären Druck weiterhin nicht standhält und auch bei uns abbricht.“ Und doch ließ sie sich darauf ein. Heute ist die Ausbilderin sehr angetan von ihrer Auszubildenden: „Wenn alles gut klappt, wird sie später Kundenprojekte selbstständig betreuen.“

Was für eine Entwicklung – dank der assistierten Ausbildung, die seit 2008 in Baden-Württemberg im Modellprojekt „carpo“ vom Diakonischen Werk und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband erprobt wird. Das Besondere daran: Es handelt sich um eine reguläre duale Ausbildung, nur dass – wie hier – als dritte Partei ein Bildungsträger hinzukommt, der sowohl Lehrlinge als auch die Betriebe über den gesamten Ausbildungszeitraum unterstützt.

Damit schließt die assistierte Ausbildung eine entscheidende Lücke im Förderdschungel. Berufsvorbereitungsjahre enden naturgemäß vor der Ausbildung – danach bleiben Azubi und Betrieb sich selbst überlassen. Ausbildungsbegleitende Hilfen sehen zwar auch soziale Unterstützung vor, in der Praxis beschränken sie sich meist auf Nachhilfeunterricht für die Berufsschule. Und Absolventen außerbetrieblicher Ausbildungen sind oft nicht sonderlich attraktiv auf dem Arbeitsmarkt.

Die Folgen lassen sich in Zahlen fassen. „Wir haben allein 84 000 Jugendliche, die von der Bundesagentur für Arbeit als ausbildungsreif eingestuft wurden und die noch eine Lehrstelle suchen, zugleich aber 33 000 unbesetzte Plätze“, sagt Matthias Anbuhl, Abteilungsleiter Bildungspolitik beim DGB-Bundesvorstand. „Zudem bilden 53 000 Betriebe weniger aus als noch 1999.“ Im Schnitt wird fast jede vierte Ausbildung vorzeitig abgebrochen, in weniger attraktiven Berufen wie etwa Koch oder Gebäudereiniger liegt die Quote bei über 40 Prozent. Auch für die Betriebe ist das ein Desaster – gerade die Branchen, die besonders dringend Nachwuchs suchen, stehen am Ende ohne da. Auch deshalb fordert Anbuhl, die assistierte Ausbildung als Regelmaßnahme im Sozialgesetzbuch zu verankern: „Weil sie als einziges Instrument beide Seiten – die Azubis und die Betriebe – im Ausbildungsverhältnis unterstützt, und zwar dauerhaft. Eine Stabilisierung der Ausbildungssituation wird ohne assistierte Ausbildung nicht möglich sein.“

Die Zahlen sprechen für sich: Seit sechs Jahren starteten beim Modellprojekt carpo 1300 junge Menschen in eine assistierte Ausbildung. Zwei Drittel von ihnen nahmen eine reguläre Ausbildung auf, wobei nur jedes fünfte Ausbildungsverhältnis vorzeitig beendet wurde. Und dies, obwohl die Jugendlichen mit ihren fast durchweg negativen Schulerfahrungen und mitunter jahrelanger Arbeitslosigkeit zu den eher harten Fällen gehören. Von den Azubis bestanden über 90 Prozent die Abschlussprüfung mit Erfolg. Von ihnen wurde über die Hälfte von ihren Betrieben direkt übernommen, ein Viertel wechselte in ein anderes Unternehmen. 

UNTERSTÜTZER UND VERMITTLER

Was also ist das Geheimnis? „Wir arbeiten bedarfsgerecht, wir sind keine klassische Maßnahme mit einem festen Regelangebot“, sagt carpo-Projektleiter Berndt Korten. Die Vorbereitungsphase mit Kompetenzanalyse, Bewerbertraining und Praktika ist zwar nichts Neues, aber die anschließende Assistenz während der Ausbildung ist so vielfältig wie die Probleme, die auftreten können. 

Carpo-Betreuer organisieren Nachhilfeunterricht für die Azubis, leisten psychologische Unterstützung auch bei privaten Sorgen, die ansonsten die Kraft für die Ausbildung rauben. Bei Konflikten werden sie zu Vermittlern zwischen Azubi und Ausbildungsleiter. Auch die meist kleineren Betriebe finden Hilfe, etwa wenn es in der Berufsschule hakt oder sie nicht wissen, wie sie einen Lehrplan aufstellen und ihren Azubi auf eine Prüfung vorbereiten sollen. Oder wenn auch der Chef jemanden braucht, der ihm Mut macht, weil der Azubi wiederholt zu spät kommt und er weder Zeit noch Lust hat, ihm Beine zu machen.

Genau das nimmt auch Bildungsforscher für dieses Konzept ein. „Dass es nicht nur auf die Jugendlichen und ihre möglichen Schwächen fokussiert, sondern beide Seiten – die Auszubildenden und den Betrieb – anschaut und unterstützt“, sagt Petra Lippegaus vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB), „das ist wirklich neu. Und es ist eine normale Ausbildung mit ganz normaler Vergütung. Die Hilfen sind zudem individuell, mit entsprechender Wirkung. Demografiebedingt haben wir derzeit ein historisches Fenster, in dem Unternehmen die Bereitschaft entwickeln können, sich auf benachteiligte Jugendliche einzulassen – assistierte Ausbildung fördert diese Entwicklung stärker als jedes andere Instrument.“

Auch Ama Atapattu hätte ohne die Assistenz wohl weitere Runden im Maßnahmenkarussell gedreht. „Gerade zu Beginn ihrer Ausbildung meldete sie sich immer wieder krank, weil sie sich aus Unsicherheit und von familiären Problemen belastet nicht in den Betrieb traute“, erzählt die Sozialpädagogin Ursula Firnkes, Amas Betreuerin beim carpo-Projektpartner Afög. Normalerweise fliegt so jemand umgehend raus. Sozialpädagogin Firnkes aber besuchte ihren Schützling sofort zu Hause und sprach die folgenden Wochen regelmäßig mit Ama, hörte zu. „Sprechen ist das Ding überhaupt“, sagt Firnkes, die sich später auch um Amas Finanzen kümmerte, ihr in Rollenspielen ein selbstbewussteres Auftreten vermittelte. Die ihr den Kopf freimachte für das, worum es eigentlich ging – ihre Ausbildung. 

Heute fällt Ama nur noch selten aus, und sie ist konzentriert bei der Sache. Aber noch immer telefoniert Firnkes alle 14 Tage mit ihr, hält den Kontakt. Sie ist da, wenn man sie braucht – und füllt damit die entscheidende Leerstelle im Leben ihrer Auszubildenden. „Ich brauche keine Kurse“, sagt  Ama Atapattu, „sondern einen Menschen, dem ich vertrauen kann.“ 

Reden, vertrauen – das reicht? „In den meisten Fällen geht es wirklich darum, den Jugendlichen Selbstvertrauen zu geben“, sagt Ursula Firnkes. Und ihnen notfalls auch in den Hintern zu treten. „Sich einfach auf die Seite der Jugendlichen stellen und sie betüddeln – das geht gar nicht.“ Dranbleiben, wöchentlich im Gespräch bleiben über drei Jahre, nicht aus der Verantwortung entlassen werden – das aber ist eine Erfahrung, die viele Jugendliche zuvor nicht machten. Und die sie sowohl fordert als auch beflügelt. „Unsere Teilnehmer sind maßnahmeerfahren“, sagt Berndt Korten, „sie sind es gewohnt, dass man ihnen feste Angebote macht, und sie sind trainiert darin, sich diesen Angeboten zu entziehen. Die assistierte Ausbildung aber bedient dieses Muster nicht. Hier gibt es keine Programmbausteine, sondern Beziehungen und Selbstverantwortung – und wenn einer nicht will, dann kann er auch gehen.“

ERMUTIGUNG FÜR ALLE BETEILIGTEN

Es ist durchaus eine gewisse Härte, die die assistierte Ausbildung durchzieht. „Wir verstehen uns als Dienstleister“, sagt Berndt Korten, „den Betrieben ist es wichtig, dass ihre Auszubildenden funktionieren.“ Auch Sozialpädagogin Ursula Firnkes hat die Betriebe gebeten, genau hinzuschauen und selbst vermeintliche Kleinigkeiten zu erzählen, damit das Frühwarnsystem zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen greift. „Man macht sich nicht immer beliebt als Assistentin.“ Doch nur so entsteht am Ende ein Verhältnis auf Augenhöhe, bei dem alle Beteiligten zu ihrem Recht kommen – als Grundvoraussetzung für eine beständige Ausbildung.

So wie bei iXenso. Die betriebliche Ausbildungsbeauftragte Andrea Sailer hat mit der Sozialpädagogin Ursula Firnkes deshalb eine Arbeitsteilung beschlossen. Firnkes mischt sich nicht ein ins Tagesgeschäft, aber sie fragt allmonatlich nach, ob es Probleme gibt, und legt Wert auf ein anständig geführtes Berichtsheft. Sailer wiederum erteilt Ama Atapattu jede Woche eine Stunde Deutschunterricht, spricht bei Bedarf mit den Berufsschullehrern. Gemeinsam beraten sie sich vor Prüfungen und schauen, ob es einer besonderen Vorbereitung bedarf. Und wenn Atapattu mal wieder der Mut verlässt, kümmert sich ganz klar die Sozialpädagogin. „Allein würde ich all das auf keinen Fall schaffen, zumal die Psychologie nun wirklich nicht unsere Kompetenz ist“, sagt Andrea Sailer. 

Sie sagt auch: Ohne die Unterstützung der Arbeitsförderungsgesellschaft und das Instrument der assistierten Ausbildung „hätten wir das erste Jahr nicht überstanden“. Ein Jahr liegt noch vor ihnen. „Das Private und die Arbeit voneinander zu trennen“, sagt Ama Atapattu, „das fällt immer noch schwer.“ Doch den größten Teil der Strecke hat sie schon geschafft.

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