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Porträt: Berliner Typen

Ausgabe 02/2016

Menschen, die sich gegen den Lauf einer kapitalkranken Gesellschaft stemmen, haben Wilhelm Pauli fasziniert – wie alles Eigensinnige, Mutige, Widerständige. Von seinen Streifzügen durch Berlin hat er uns zuletzt fünf einfühlsame Porträts von Existenzgründern mitgebracht. Am 1. März ist Wilhelm Pauli in Berlin gestorben. Er wird uns fehlen. Von Wilhelm Pauli

Es soll 160 000 kleine und kleinste Unternehmen allein in Berlin geben. Nichts Genaues weiß man nicht. Auch die IHK nicht. Wo schiebt sich eine neue Solo-Selbstständigkeit aus der Frustration eines ungeliebten Verwaltungsjobs? Wer tarnt die roten Zahlen mit einer nebenher abgerungenen Halbtagsbeschäftigung? Wie viele schmelzen ihr Angespartes ab in der Hoffnung auf den Durchbruch? Wie viele strapazieren den guten Willen und die Börsen der Angehörigen bis zum traurigen Finale? 

So unterschiedlich die Anlässe der Frauen und Männer sind, sich ins Haifischbecken des kapitalistischen Marktes zu stürzen, sie alle sind gut gebildet und von mancherlei Begabungen getrieben. Vor allem aber haben sie eine große Liebe zu dem, was ihnen vorschwebt. Die sie anspornt, auch die größten Hürden zu überwinden. Oder wenigstens zu übersehen. Doch ganz lässt sich, wie im richtigen Leben, keiner in die Karten schauen. Aber fragt man sie ein bisschen hartnäckiger zum Stande ihrer sozialen Versicherungen, bekommt man ein Gespür für die Fragilität des Eises, auf dem die Entrepreneure sich bewegen. Wenige bluten sich in unglaublicher Disziplin aus. Aber vielen bleibt doch nichts, als in unerschütterlichem Optimismus an eine erträgliche Zukunft der eigenen Spitzenidee zu glauben. Oder gar keine Zeit, sich „auch noch mit dem Kram zu beschäftigen“.

Das ist auch ein Problem für eine gewerkschaftliche Politik gegenüber der zunehmenden Zahl prekärer Existenzen. Die zu organisieren ist schwieriger, als den berühmten Sack Flöhe zu hüten. Denn unumstößlich ist in ihnen der Wille gewachsen, „selbst etwas zu machen“. Mit eigenen Händen. „Unabhängig.“ Den Lebensgenuss aus der geschäftsförmigen Gestaltung der Individualität zu ziehen. 

Die Verführerin

Die Eltern von Naciye Kilic, 41, kamen aus Anatolien. Sie ist Berlinerin. Genauer: Kreuzbergerin. Das ist ihr wichtig. Sie ist seit über 20 Jahren selbstständig. Dafür hat sie sich entschieden, wollte ihr Leben nicht in einem Amt „vergeuden“. Zuerst hat sie Secondhand-Klamotten verkauft. Vor fünf Jahren ist sie ins Genussfach gewechselt. Da gehört sie fraglos auch hin. Sie hat ihren Laden feiner Schokoladen „Sünde“ genannt. Aus gutem Grund: Immer wieder belauschte sie Damen, die Kuchen und Schokoladen hemmungslos in sich hineinstopften, um hinterher in das Wehklagen „Ich habe wieder gesündigt“ auszubrechen. Dem musste positiv entgegengetreten werden. Sündigen macht Spaß, so sollte es sein. Aber gibt es nicht schon überreich Schokolade am Markt, und was ist das Besondere ihrer Ware? Es kommt auf das ganze Ensemble an. „Du kannst die beste Schokolade der Welt haben, den besten Kakao, alles Bio. Aber wenn da ein unglücklicher Mensch im Laden steht, kannst du alles vergessen.“ Die Liebe, die du zu deinem Leben hast, zu deinem Laden, zu deiner Selbstständigkeit, zu deiner Ware, die muss durch dich hindurch auf der Kundenzunge schmelzen. Fasse ich zusammen. 

Naciye Kilic ist in die Schokolade gezogen wie andere in den Krieg. Einen Hygiene-Kurs hat sie gemacht, das war’s. Moneten vom Staat hatte sie nie. Ihr Lädchen ist hergerichtet, so wie es der Berliner mag: ein Wohnzimmer, schräg und urgemütlich, hart am Kitsch. Also Kunst. Von hier ging der nette, wenn auch völlig logikfreie Spruch „Schokolade ist die Antwort Gottes auf Brokkoli“ in die Welt hinaus. Hier wird den ganzen Tag heiße Schokolade geschlotzt, von erwachsenen Menschen! Und das in SO36, dem Schauder- und Horrorviertel für die Provinz und den bürgerlichen Berliner Westen. Gleich neben dem Punk-Schuppen SO36, wo auch die Toten Hosen mit „Ficken, Bumsen, Blasen/alles auf dem Rasen“ ihre Karriere befeuerten. 

Symbolisiert „Sünde“ ein neues Kreuzberg? Quatsch, Quatsch, Quatsch, das ist das gute alte Kreuzberg, wie es immer war. Es ist mit Vorurteilen behängt. Es gibt hier eine „totale Vielfalt, Kreativität und Menschlichkeit“, und „Sünde“ ist ein Teil davon. Gerade ist Naciye mit dem Durchbruch einer neuen Idee beschäftigt. Sie will in ihrem kleinen Laden eine große Talkshow etablieren. Mit Kreuzbergern für Kreuzberger. Nachbarn, die sich kennenlernen sollen. Eingestreute Promis aus der Gegend, die eh schon bei ihr kaufen. Leute aus dem Fernsehen, die man kennt. Aus Buch und Bauer, zum Beispiel. Dann werden Fernsehstationen auf den Knien anrutschen, um ihre Show – von Naciye moderiert – in ihrem Laden übertragen zu dürfen. So wird es sein.

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