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: 'Unabhängiger reagieren können'

Ausgabe 04/2010

AUFSICHTSRATSPRAXIS Bei Tognum-MTU und ZF Friedrichshafen pocht die IG-Metall-Bevollmächtigte Lilo Rademacher als Externe im Aufsichtsrat auf einen transparenten Informationsfluss. Von Stefan Scheytt

Stefan Scheytt ist Journalist in Rottenburg/Neckar. Foto: Cira Moro

Im Konferenzraum "Bodensee" im fünften Stock der Hauptverwaltung des Motorenbauers Tognum-MTU in Friedrichshafen steht eine zierliche Frau in schwarzem Kostüm, knallroten Strümpfen und schwarzen Stiefeletten; an ihren Ohren prangt üppiger Silberschmuck, aus ihrem rot gefärbten Kurzhaarschnitt wächst im Nacken ein hellrotes Strähnchen. Man muss solche Äußerlichkeiten ausnahmsweise erwähnen, weil sie so diametral stehen zu jener Welt, in der sich diese Frau hier bewegt. Denn gleich werden ein Dutzend Männer hereinkommen, alle im mausgrau-blau-schwarzen Business-Einheits-Look, und Lilo Rademacher zur Aufsichtsratssitzung begrüßen.

Als die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Friedrichshafen-Oberschwaben an diesem Morgen den prall gefüllten Leitz-Ordner auf den Platz mit ihrem Namensschild legt, ist Internationaler Frauentag, und ausgerechnet der ehemalige BDI-Chef Hans-Olaf Henkel nutzt ihn zur Klage darüber, dass in deutschen Aufsichtsräten nur zehn Prozent Frauen sitzen. Rademacher sitzt gleich in zwei Gremien - beim Dieselmotoren-Hersteller Tognum-MTU und beim Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen. Ihr schwarz-rotes Outfit ist dabei auch ein Stück weit Programm: "Ein wenig Provokation ist schon dabei", sagt Rademacher selbstironisch. Sie weiß, dass die Provokation nach so vielen Jahren in den Gremien nicht mehr wirkt. Aber ein Signal ist ihr Auftritt allemal: dafür, dass Arbeitnehmer selbstbewusst ihre Interessen vertreten.

Als ein Aufsichtsratsvorsitzender sie immer wieder belehrte: "Aber das ist jetzt vertraulich", antwortete sie knapp: "Danke, aber ich weiß selbst, woran ich mich halten muss." Und als vor einigen Jahren 5000 MTUler gegen den Verkauf der Daimler-Tochter MTU an den US-Finanzinvestor KKR protestierten, stand Lilo Rademacher erst einmal mit einem Megafon unten auf dem Werksgelände, bevor sie in den fünften Stock zur Aufsichtsratssitzung ging, begleitet von einer Arbeitnehmer-Delegation, und dort eine entsprechende Erklärung abgab. "Als externes Mitglied des Aufsichtsrats kann ich in solchen Situationen ein Stück unabhängiger agieren als interne Kollegen", sagt sie.

Es kam dann der schwedische Investor EQT zum Zug, dessen zwei Aufsichtsratsmitglieder auch einen "schärferen Ton" ins Kontrollgremium brachten. "Deren Interesse galt ausschließlich den Shareholdern", sagt Rademacher. Seit EQT mit einem riesigen Profit ausstieg und Daimler als Investor zurückkehrte, sei der Ton wieder deutlich besser. "Die zwei Daimler-Vertreter kennen die Mitbestimmung." Der Umgang sei sehr respektvoll, meint Rademacher, die bei MTU auch im vierköpfigen Präsidium sitzt, gemeinsam mit dem Betriebsratschef von MTU. Dass sich die Vertreter von Arbeitnehmern und Kapital auf Augenhöhe begegnen, macht sie auch daran fest, dass in den sieben Jahren, die sie bei MTU und ZF im Aufsichtsrat sitzt, die Vorsitzenden noch nie von ihrem doppelten Stimmrecht Gebrauch machten. Vielmehr seien sie sehr bemüht, stets Kompromisse zu finden. Das ist auch deshalb mitunter sehr schwierig, weil zwei der sechs Arbeitnehmer-Aufsichtsräte bei Tognum-MTU der Christlichen Metall-Gewerkschaft angehören.

Lilo Rademacher sieht die Aufgabe des Aufsichtsrats nicht nur in der Kontrolle des Vorstands; sie will auch die Entwicklung des Unternehmens so mitgestalten, dass es sich mit innovativen Produkten behauptet und dadurch Arbeitsplatzsicherheit bietet. "Dabei ist sehr hilfreich, dass ich als externes Aufsichtsratsmitglied das Wissen aus zwei Unternehmen verbinden kann, die ja beide im Bereich Antriebstechnik unterwegs sind." Freilich, mehr kann Lilo Rademacher auch nicht leisten, als immer wieder darauf zu drängen, den Aufsichtsgremien detaillierte Informationen zu geben. Sie will, dass die Unternehmen Innovationsbilanzen herausgeben, um abschätzen zu können, wie es mit der Zukunftsfähigkeit der Firmen aussieht. Mehr Transparenz erhofft sie sich durch neu vereinbarte Maßnahmen zum Informationsfluss, wie sie bei Tognum-MTU gerade auf der Grundlage der Corporate-Governance-Empfehlungen der Kodex-Kommission erarbeitet wurden. "In beiden Unternehmen ist es mir wichtig, Corporate-Governance-Vereinbarungen durchzusetzen", betont sie.

Vier lange Sitzungsstunden im Konferenzraum "Bodensee" liegen hinter Lilo Rademacher, als sie mit dem Ordner unterm Arm am späten Nachmittag in ihr Büro zurückkehrt. Dort hängt neben ihrem Schreibtisch ein kleines Bild im Pop-Art-Stil an der Wand. Es zeigt eine Frau im blauen Arbeitsanzug und mit rotem Kopftuch, die mit hochgekrempeltem Ärmel ihren beeindruckenden Bizeps präsentiert. "We can do it", steht darüber.
Stefan Scheytt

ZUR PERSON

Lilo Rademacher, 61, arbeitete nach einem Pädagogikstudium 13 Jahre lang beim DGB in Mainz in der Jugendarbeit, bevor sie 1985 im schwäbischen Albstadt ihre erste Stelle bei der IG Metall antrat und kurz darauf nach Friedrichshafen wechselte. Seit 2003 gehört sie dem zwölfköpfigen Aufsichtsrat des MDAX-Unternehmens Tognum (6000 Mitarbeiter) und auch dem Kontrollgremium von ZF Friedrichs-hafen (60?000 Mitarbeiter) an. Hauptaktionärin des Automobilzulieferers ist die Zeppelin-Stiftung, die der Stadt Friedrichshafen gehört. Zu den 26 ZF-Kontrolleuren zählt auch Ex-BMW-Chef Joachim Milberg.


 

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