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HBS Böckler Impuls

Soziale Berufe: Pflegejobs ohne Perspektive

Ausgabe 16/2013

Ein Vergleich mit der Lage in Schweden zeigt: Hierzulande ist die Altenpflege ein relativ unattraktiver Beruf, in dem viele Beschäftigte nicht lange und nicht kontinuierlich tätig sind.

Dass schwedische Altenpflegerinnen länger im Job bleiben und ihre Berufstätigkeit seltener unterbrechen, hat eine Reihe von Gründen, wie Hildegard Theobald, Marta Szebehely und Maren Preuß von den Universitäten Vechta und Stockholm ermittelt haben. Dazu befragten die Wissenschaftlerinnen mit Förderung der Hans-Böckler-Stiftung knapp 1.200 Pflegekräfte in Deutschland und Schweden. Zum Teil deutliche Unterschiede zeigten sich bei Arbeitsbedingungen, Ausbildung, Möglichkeiten zur Qualifizierung sowie der Vereinbarkeit von familiären und beruflichen Pflichten.

Der letzte Punkt spielt im Berufsfeld Altenpflege eine besondere Rolle, weil hier viele Frauen beschäftigt sind. Mehr als ein Drittel der Befragten in beiden Ländern muss sich um die Versorgung eines Familienmitglieds kümmern. Oft geht es hier ebenfalls um – Altenpflege. In Schweden erhalten die Betroffenen jedoch stärkere Unterstützung durch öffentliche Dienstleistungen als in Deutschland. Das lässt mehr Raum für den Beruf und ermöglicht damit die Vereinbarkeit beider Lebensbereiche.

Zudem fanden die Forscherinnen in Schweden eine „weniger polarisierende Beschäftigungssituation“ vor. Während dort das Ziel besteht, allen Pflegekräften ohne pflegerische Qualifikation durch kontinuierliche Weiterbildung zumindest eine Grundqualifikation zu vermitteln, ist in Deutschland ein hierarchisches Modell mit Fachkräften und Angelernten verbreitet. Damit ist eine ausgeprägte Arbeitsteilung verbunden: Aufgaben mit medizinischem Charakter werden von Fachkräften erledigt, Hilfe im Haushalt und Alltag leisten – deutlich schlechter bezahlte – Pflegehelferinnen. Gerade die weniger qualifizierten Kräfte sind es, die in Deutschland häufig nur einige Jahre in der Altenpflege arbeiten.

Um die personelle Situation in Pflegeeinrichtungen zu verbessern, empfehlen die Wissenschaftlerinnen daher familienfreundlichere Arbeitszeitmodelle, mehr Weiterbildung, eine Arbeitsorganisation, die auf Teamarbeit statt Zerlegen der Aufgaben in immer mehr spezialisierte Handgriffe setzt, und physische Entlastung der Beschäftigten. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Schweden und Deutschland allerdings kaum: In beiden Ländern gaben mehr als 60 Prozent der Befragten an, fast immer oder oft körperlich erschöpft zu sein.

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Beschäftigte in Pflegeberufen verdienen in Westdeutschland im Schnitt 2.525 Euro im Monat, im Osten 2040. Zu diesem Ergebnis kommt das WSI-Tarifarchiv mithilfe des Internetportals lohnspiegel.de. Die Zahlen beruhen auf Angaben von knapp 4.000 Beschäftigten im Pflegesektor. Die Werte beziehen sich auf eine 38-Stunden-Woche und enthalten kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld. Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen ist die Arbeitszufriedenheit von Pflegekräften nach der WSI-Erhebung relativ gering – besonders was Bezahlung und Arbeitsbelastung angeht.

  • Gepflegt wird oft daheim
    In Deutschland gibt es zweieinhalb Millionen pflegebedürftige Menschen. Zur Grafik
  • Dienst am Menschen schlecht bezahlt
    Trotz enormer physischer und psychischer Belastung bekommen Pflegehelfer nicht einmal 2.000 Euro im Monat. Zur Grafik

Hildegard Theobald, Marta Szebehely und Maren Preuß: Arbeitsbedingungen in der Altenpflege, Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, edition sigma, Berlin 2013.

Reinhard Bispinck u.a.: Einkommens- und Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen (pdf), Arbeitspapier des WSI-Tarifarchivs 21,Oktober 2013.

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