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Arbeitszeit: Mehr Wachstum und mehr Kinder durch familienfreundliche Arbeitszeiten

Ausgabe 14/2005

Wenn die Arbeitszeit stärker an die Wünsche der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer angeglichen würde, könnten in Deutschland mehr Wachstum und Beschäftigung entstehen, zeigt ein aktuelles Gutachten des Wirtschaftssachverständigen Prof. Dr. Bert Rürup. Bislang erschweren flexible Arbeitszeitmodelle die Vereinbarkeit von Familie und Beruf - mit negativen Folgen für das Wachstum.

Die Wünsche der Beschäftigten spielen heute bei den gängigen Arbeitszeitmodellen kaum eine Rolle; wie die Zeit eingeteilt wird, bestimmen überwiegend die Betriebe. 78 Prozent der Beschäftigten in Deutschland wünschen sich dem Rürup-Gutachten zufolge Angebote zur Vereinbarkeit von Elternzeit und Teilzeitarbeit, es gibt sie aber nur von einem knappen Drittel der Betriebe. 69 Prozent der Akademikerinnen fühlen sich "sehr" im Zeitstress, Familie und Beruf zu vereinbaren. Wegen starrer Arbeitzeiten müssen sich derzeit noch zu viele Frauen zwischen Kind und Karriere entscheiden, bemängelt Rürup.

Sein Gutachten plädiert für familienorientierte Arbeitszeitmuster. Sie müssten sich stärker als bisher an den zeitlichen Bedürfnissen von Eltern und Personen mit pflegebedürftigen Angehörigen ausrichten und zweierlei Flexibilität bieten:

=> die Möglichkeit, von der Standardarbeitszeit in der Lage und/oder Dauer abzuweichen und 
=> es Beschäftigten erlauben, flexibel auf unvorhergesehene Vorfälle zu reagieren - zum Beispiel die Krankheit eines Kindes.

Was ihre ideale Arbeitszeit betrifft, liegen die Wünsche der Beschäftigten relativ nah beieinander. Während die vollzeitbeschäftigten Frauen ihre tatsächliche Wochenarbeitszeit gerne um gut fünf Stunden verkürzen möchten, sind es bei den Männern dreieinhalb Stunden. Sowohl Frauen als auch Männer in Teilzeit wünschen sich allerdings häufig eine längere Arbeitszeit pro Woche. Für ideal halten viele eine Teilzeitarbeit mit einer Stundenzahl über der üblichen halben Stelle. Dafür sollten mehr "vollzeitnahe Teilzeitstellen" mit 25 bis 30 Wochenstunden eingerichtet werden, fordert Rürup. Könnten Frauen ihre Wunscharbeitszeit verwirklichen, würden nach  den Berechnungen des Rürup-Gutachtens zusätzlich rund 936.000 Arbeitskräfte benötigt.

Das Gutachten rechnet so:
Familienorientierte Arbeitszeitmodelle tragen dazu bei, dass besonders Frauen ihren Arbeitszeitwünschen nachkommen können. So ist zum einen zu erwarten, dass bisher nicht erwerbstätige Frauen ihren Erwerbswunsch umsetzen. Zum anderen können die heutigen Teilzeitbeschäftigten ihre gewünschte höhere Stundenzahl und die vollzeitbeschäftigten Frauen ihre geringere Arbeitszeit realisieren. Als Nettoeffekt dieser familienorientierten Arbeitszeitmuster erhöhe sich das Arbeitszeitvolumen je Woche um 13,8 Millionen Stunden.

Im Blick auf den demographischen Wandel spricht Rürup den familienorientierten Arbeitszeitmodellen eine besondere Rolle zu: Sie milderten den absehbaren Mangel an Erwerbspersonen. Insbesondere Frauen mit Kindern würden wieder für eine Erwerbsarbeit zur Verfügung stehen, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zahlen können - was letztlich der Wirtschaft zugute käme.

Nicht zuletzt könnte die Geburtenrate durch die bessere Koordination von familiären und beruflichen Anforderungen in den nächsten 15 Jahren auf durchschnittlich 1,7 Kinder pro Frau steigen, prognostiziert das Gutachten. Aus diesen Kindern werden mittelfristig erwerbsfähige Personen - mit positiven Folgen für das Wirtschaftswachstum.

  • Eltern möchten weniger arbeiten
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  • Die ideale Arbeitszeit
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Prof. Dr. Bert Rürup, Sandra Gruescu: Familienorientierte Arbeitszeitmuster - Neue Wege zu Wachstum und Beschäftigung, Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Juni 2005.
Kurzfassung des Gutachtens

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