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Arbeitsmarkt: Frauen: Diskriminierung vom Start weg

Ausgabe 14/2017

Bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen werden Frauen diskriminiert –  besonders in typischen Männerberufen.

In der Arbeitswelt gibt es nach wie vor viele Männerdomänen: Die wenigsten Kanalbauer, Mechatroniker oder Fa­chinformatiker sind weiblich. Laut einer empirischen Studie dürfte das auch daran liegen, dass Frauen schon beim Berufseinstieg benachteiligt werden. Die Ökonomen Dorothea Kübler und Robert Stüber vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) sowie Julia Schmid vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) können nachweisen, dass Bewerberinnen bei gleicher Qualifikation systematisch zu kurz kommen, wenn Betriebe Azubis einstellen. Besonders nachteilig wirkt sich das weibliche Geschlecht in Berufen mit einem hohen Männeranteil aus. Männer, die sich für eine Ausbildung in einem Frauenberuf bewerben, haben dagegen gute Karten.

Geschlechterdiskriminierung am Arbeitsmarkt statistisch dingfest zu machen, sei nicht einfach, heißt es in der Studie. Weil Frauen häufiger Auszeiten für Kinderbetreuung oder Pflege nehmen und so weniger Berufserfahrung sammeln, dürfte die Lohnlücke zum Beispiel immer auch Unterschiede in der Produktivität widerspiegeln, also zumindest teilweise ökonomisch zu erklären sein. Um Diskriminierung unabhängig von solchen Produktivitätsdifferenzen zu erfassen, haben die Forscher sich auf den Einstieg in den Arbeitsmarkt konzentriert. Da Mädchen schulisch im Schnitt mindestens ebenso gut abschneiden wie Jungen, sollten sie beim Wettbewerb um eine Lehrstelle eigentlich vergleichsweise gute Chancen haben.

Ob das zutrifft, haben die Wirtschaftswissenschaftler experimentell überprüft. Im Rahmen einer Befragung des Bundesinstituts für berufliche Bildung (BIBB) konnten sie 636 Personalverantwortliche von Ausbildungsbetrieben dafür gewinnen, fiktive Lebensläufe zu begutachten und einzuschätzen, ob sie die Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch einladen würden. Die Wahrscheinlichkeit einer Einladung sollten die Befragten auf einer Skala von 1 bis 10 verorten. Die imaginären Kandidaten haben durchgehend mittlere Reife, während das Geschlecht, das Alter, die Tätigkeiten nach dem Schulabschluss, der Notenschnitt, die Bewertung des Sozialverhaltens, die Zahl der unentschuldigten Fehltage und der Beruf des Vaters variieren.

Das Ergebnis: Die Frauen werden im Schnitt signifikant schlechter bewertet als die Männer – auch wenn sie ansonsten die gleichen Merkmale aufweisen. Das Ausmaß der Diskriminierung sei „ökonomisch substanziell“, so die Autoren. Die bloße Tatsache, dass ein Bewerber weiblich ist, wirkt sich den Berechnungen zufolge ähnlich negativ aus wie eine Verschlechterung des Notenschnitts um eine komplette Note. Das einzige Merkmal, das die Chancen auf einen Ausbildungsplatz noch stärker beeinträchtigt, ist eine vierjährige Lücke im Lebenslauf.

Besonders deutlich fällt der Frauen-Malus der Analyse zufolge bei Tätigkeiten mit einem hohen Männeranteil aus. Männer, die einen frauendominierten Beruf ergreifen wollen, erfahren dagegen keine Diskriminierung. Politisch sind die schlechten Aussichten von Frauen in Männerberufen ziemlich problematisch: Sie könnten dazu beitragen, bestehende Ungleichheiten zu zementieren und den Fachkräftemangel in technischen Berufen zu verschlimmern, warnen die Forscher. Sie empfehlen Programme, die auf einen höheren Frauenanteil in männlich geprägten Bereichen abzielen. Nur so sei es möglich, Stereotype abzubauen und damit langfristig der Diskriminierung den Nährboden zu entziehen.

  • Geschlechtertrennung im Beruf
    Bei der Berufsausbildung gibt es nach wie vor viele Männer- und Frauendomänen. Grafik herunterladen

Dorothea Kübler, Julia Schmid, Robert Stüber: Be a man or become a nurse, WZB Discussion Paper No. SP II 2017-201

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