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Arbeitskosten: Exporte beflügelt, Konsum geschwächt

Ausgabe 13/2007

Deutschlands Arbeitskosten bleiben im europäischen Mittelfeld. Das zeigt eine Untersuchung des IMK. Zwar sind die Löhne in der Industrie weiterhin vergleichsweise hoch. Doch die Lohnkosten für private Dienstleistungen liegen erstaunliche 20 Prozent darunter.

Trotz des konjunkturellen Aufschwungs mit deutlich sinkenden Arbeitslosenquoten behaupten einige Ökonomen, die deutschen Arbeitskosten seien zu hoch. Bis vor kurzem fehlte eine konsistente Datenbasis für Europa. Denn die Arbeitskosten je geleistete Arbeitsstunde wurden nicht nach einem einheitlichen Standard erfasst. Doch seit 2005 veröffentlicht Eurostat mit dem Arbeitskostenindex eine belastbare Datenbasis für Ländervergleiche. Die IMK-Auswertung der Arbeitskostenstatistik zeigt: Deutschland liegt im Jahr 2006 im privaten Sektor mit Lohnkosten von 26,72 Euro die Stunde im Mittelfeld der EU-15-Länder.

Vergleichsweise hoch sind die deutschen Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe: Sie betragen 2006 30,93 Euro pro Stunde. Damit belegt die Bundesrepublik in Europa dennoch keinen einsamen Spitzenplatz. Vielmehr gibt es eine große Gruppe europäischer Länder, deren Lohnkosten mit 28 bis 34 Euro die Stunde über dem Durchschnitt des Euroraums liegen. Mit einigem Abstand folgen die südeuropäischen Länder Italien, Spanien, Griechenland und Portugal, weit dahinter die neuen EU-Mitglieder Tschechien, Ungarn und Polen. Dort betragen die Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe rund 6 Euro pro Stunde.

In den vergangenen zehn Jahren sind die deutschen Lohnkosten je geleistete Arbeitsstunde im Verarbeitenden Gewerbe deutlich schwächer gestiegen als bei wichtigen europäischen Handelspartnern. Seit 1997 wuchsen sie gerade einmal um 22 Prozent. Die Eurozone kam im gleichen Zeitraum auf einen Zuwachs von 32 Prozent. Allein zwischen 2004 und 2006 schoben sich Dänemark und Schweden vor Deutschland, das aktuell auf dem vierten Rang liegt - gleichauf mit Frankreich.

Ganz anders das Bild im privaten Dienstleistungssektor: Hier befindet sich die Bundesrepublik mit Lohnkosten von 24,47 Euro die Stunde auf Rang zehn, nur knapp über dem Durchschnitt des Euroraums. Die marktbestimmten Dienstleistungen umfassen allerdings Berufe mit sehr unterschiedlichen Qualifikationsanforderungen. Dementsprechend groß ist die Lohnspreizung innerhalb des Sektors; liegen im Jahr 2006 die Lohnkosten im deutschen Kredit- und Versicherungsgewerbe bei 36,67 Euro die Stunde, so sind es im Gastgewerbe lediglich 12,89 Euro. In den vergangenen zehn Jahren stiegen die Arbeitskosten für private Dienstleistungen allenfalls moderat - wenn überhaupt. Aufgrund der Vorleistungsverflechtungen haben die niedrigen Arbeitskosten im deutschen Dienstleistungssektor die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie deutlich erhöht.

Dies berücksichtigt inzwischen auch das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in seinen Berechnungen der Arbeitskosten in der deutschen Industrie. Dennoch unterscheiden sich die IW-Zahlen erheblich von denen, die sich auf Basis der Eurostat-Daten errechnen lassen. Der Hauptunterschied: Das IW verwendet weiterhin die Arbeitskosten der Arbeiter, Eurostat die der Arbeiter und Angestellten. "Dieser Struktureffekt ist von hoher Relevanz", so die Forscher des IMK. In fast allen Ländern außer Deutschland steigen die Arbeitskosten stärker, sobald die Arbeitskosten der Angestellten einbezogen werden. Denn häufig sind Angestellte besser qualifiziert als Arbeiter. In der Bundesrepublik ist dies nicht zwangsläufig der Fall; in der chemischen Industrie ist die Trennung zwischen Arbeitern und Angestellten sogar inzwischen aufgehoben. "Die vom IW vorgenommene Trennung ist daher für Deutschland artifiziell und verzerrt die Arbeitskosten in Deutschland nach oben", urteilt das IMK. Selbst unter Berücksichtigung des Verbundeffekts liegen die vom IW geschätzten Arbeitskosten der deutschen Industrie am oberen Rand. Bei Verwendung der international vergleichbaren Eurostat-Zahlen befinden sie sich hingegen in der Mitte wichtiger westeuropäischer Handelspartner.

Der deutliche Abstand zwischen den Lohnkosten in Industrie und privaten Dienstleistungen bleibt ein deutsches Phänomen. Kein anderes Land der EU weist eine so große Diskrepanz auf. In einigen Staaten fallen bei den privaten Dienstleistungen sogar höhere Arbeitskosten an: In den neuen EU-Mitgliedstaaten Polen und Tschechien zum Beispiel beträgt der Abstand bis zu 15 Prozent. Vieles spreche dafür, "dass die Lohnhöhe in einem bestimmten Sektor erheblich durch die spezifische Nachfrageentwicklung nach den in diesem Sektor produzierten Gütern geprägt wird und weniger den Konkurrenzlöhnen in anderen Sektoren folgt", analysieren die Wirtschaftsforscher des IMK. Die Marktposition eines Unternehmens spiele bei der Lohnbildung also eine größere Rolle als die der Arbeitnehmer. So sind die Lohnkosten in der deutschen Industrie zwar hoch, gleichzeitig sind jedoch die Unternehmen des Sektors international wettbewerbsfähig.

Welche Faktoren die sektoralen Arbeitskostenunterschiede begünstigen, ermittelte das IMK in einer bivariaten Analyse auf europäischer Ebene. Sie zeigt, dass ein höherer Anteil von männlichen Beschäftigten in einem Sektor mit höheren Löhnen einhergeht. Ein hoher Anteil Selbstständiger als Indikator für geringe Kapitalintensität und schwache Marktmacht der Unternehmen in diesem Sektor wirkt sich hingegen negativ aus. Mindestlöhne beeinflussen insbesondere die Lohnhöhe im Dienstleistungssektor positiv. Ähnlich wirkt ein hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad. Längerfristige Wachstumstrends beeinflussen ebenfalls die Arbeitskosten: So reduziert ein andauerndes hohes Wachstum der Binnennachfrage den Lohnkostenvorsprung der Industrie und begünstigt den Dienstleistungsbereich. Das gleiche gilt für ein allgemein kräftiges Wirtschaftswachstum.

Für Deutschland sind dabei drei Befunde besonders interessant, schreibt das IMK:

=> der Einfluss des Selbstständigenanteils. Deutschlands "starke Zunahme der (Schein-)Selbstständigen (...) dürfte mit zur sektoralen Lohndifferenz beigetragen haben".

=> die Auswirkungen eines nationalen Mindestlohns. Das Fehlen eines solchen dürfte "insbesondere das niedrige Lohnniveau im Dienstleistungssektor erst ermöglichen".

=> der Einfluss von Wirtschaftswachstum und Binnennachfrage. So habe "der Dienstleistungssektor im letzten Jahrzehnt unter dem vergleichsweise geringen Wirtschaftswachstum und dabei besonders unter der extrem ungünstigen binnenwirtschaftlichen Entwicklung gelitten".

Damit haben die Arbeitskosten Deutschlands Exporterfolge nicht nur nicht behindert, sondern sogar beflügelt, so das IMK. Dies sei jedoch um den Preis einer schwachen Binnennachfrage geschehen. Daher zeichneten sich die auf die Binnennachfrage angewiesenen Branchen inzwischen durch teilweise extrem niedrige Einkommen aus, "die ohne das Gerüst eines gesetzlichen Mindestlohns derzeit kaum zu steigern sind". Besonders bedrückend sei, dass in diesen Sektoren viele Frauen arbeiten. Diese seien dadurch besonders von schlechten Einkommensperspektiven betroffen.

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Gustav Horn, Camille Logeay, Sabine Stephan, Rudolf Zwiener: Preiswerte Arbeit in Deutschland, Auswertung der aktuellen Eurostat Arbeitskostenstatistik, IMK Report Nr. 22 September 2007. Report zum Download

Vgl. auch: Arbeitskosten in Deutschland: Bisher überschätzt. Auswertung der neuen Eurostat-Statistik, IMK Report Nr. 11 Juni 2006. Report zum Download

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