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Aufbau Ost: Starke Standorte brauchen keine Niedriglöhne

Ausgabe 17/2005

In Ostdeutschland gibt es echte Problemzonen. Aber wo Standorte stark sind, beruht ihre Stärke gerade nicht auf den niedrigen Lohnkosten. Eine Studie zeigt, welche Erfolgsfaktoren hier eine Rolle spielen.

Mal soll sich der Osten als Niedriglohngebiet profilieren, dann soll es eine Sonderwirtschaftszone richten. Die hohe Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland provoziert radikale Vorschläge. Den wirtschaftlichen Realitäten werden sie selten gerecht. Denn die Lage ist zwar in manchen Landstrichen ernst, aber keineswegs überall dramatisch. Darum verspricht eine einheitliche Politik für Problemzonen und Wachstumskerne wenig Ertrag, sondern eher Streuverluste. Soziologen der Universität Jena haben erfolgreiche Unternehmen im Osten untersucht und festgestellt: Die Wettbewerbsfähigkeit der starken ostdeutschen Standorte beruht explizit nicht auf niedrigen Löhnen. Es sind andere Erfolgsfaktoren: Tradition, Bildung und Forschung, Motivationslöhne und die staatliche Förderung.

Tradition: Viele Industrien folgen alten Pfaden. Fabriken und Maschinen waren 1990 zwar veraltet, doch an das zu DDR-Zeiten gesammelte Wissen ließ sich anknüpfen. Bei einer Umfrage in Unternehmen der Optikindustrie in Jena nannten mehr als die Hälfte der Manager "Tradition" als Basis für die Erfolgsgeschichte der Branche. Die Industrietradition sorgte für ein großes Reservoir an gut ausgebildeten Fachkräften. Daher orientiert sich die neue Wirtschaftsstruktur an der alten - und darum werden heute Fahrzeugteile in Zwickau gefertigt, Maschinen in Chemnitz und Halbleiter in Dresden.

Bildung und Forschung: Starke Hochschulen sind für den Osten eine Schicksalsfrage. Wo es sie gibt, kann der Anschluss an globale Innovationszusammenhänge gelingen. Ingenieure, die von Universitäten und Fachhochschulen kommen, tragen innovative Ideen in die Unternehmen. Noch wirkungsvoller sind stabile Netzwerke zwischen Forschungseinrichtungen und Firmen, die für einen steten Wissenstransfer sorgen. Das OptoNet in Thüringen etwa übernimmt diese Aufgabe erfolgreich: Wissenschaftler speisen die Unternehmen regelmäßig mit Erkenntnissen, Ingenieure bilden sich fortwährend weiter. Unternehmer heben den Wert von Bildung hervor. An den erfolgreichen Orten heißt es: Ohne gute Leute habe der Standort keine Zukunft. In Thüringen führt jeder zweite Manager den Erfolg der Optikunternehmen auf die exzellenten Fachkräfte zurück. Die Forscher empfehlen, weiter in Köpfe zu investieren: in eine bessere Schulbildung, die auch Kenntnisse über die Berufswelt vermittelt. Sie raten, betriebliche Bildungsaktivitäten zu unterstützen - durch den Ausbau von Ausbildungsverbünden und Berufsakademien. Und schlagen vor, Hochschulen für die betriebliche Weiterbildung zu eröffnen. Eine lokale Wissensinfrastruktur sei gerade in strukturschwachen Regionen wichtig.

Motivationslöhne: Keiner der untersuchten Betriebe, die nachhaltigen Erfolg haben, verdankt ihn einer Niedriglohnstrategie. Niedriglöhne dienten nur vorübergehend zum Überleben. Das war nicht unbedingt zu erwarten. Schließlich hat sich der Osten zu einer "strukturellen Niedriglohnregion" entwickelt, so das DIW. Übertarifliche Zahlungen im Westen und die schwache Tarifbindung im Osten sorgen dafür, dass die tatsächlich gezahlten Gehälter und Löhne im Osten gut 20 Prozent unter dem Westniveau liegen. Dieser Kostenvorteil könnte Teil der Unternehmenspolitik sein. Doch eine Billigstrategie kam für die erfolgreichen Unternehmen nicht in Frage. Im Optik-Cluster halten nur vier Prozent der Führungskräfte geringe Lohnkosten für einen maßgeblichen Grund der guten Entwicklung ihres Betriebes. Die Forscher beobachten stattdessen "eine hohe Sensibilität für eine nachhaltige Motivationsstrategie" - gute Leistung soll belohnt werden, nur das setzt die richtigen Anreize. Ein Manager erklärt: "Irgendwann reicht es nicht mehr, zu sagen: Aber dafür habt ihr doch Arbeit - dazu arbeiten die Leute zu hart."

Staatliche Förderung: Die Kreditpolitik ostdeutscher Banken fällt noch restriktiver aus als im Westen - zum Leidwesen des Mittelstands. Unternehmer beklagen, gute Konzepte reichten nicht aus, um Kredite zu erhalten. Die eher jungen und kleinen Unternehmen trifft das angesichts ihrer meist noch dünnen Eigenkapitaldecke besonders hart. Darlehen von öffentlichen Förderbanken bleiben daher unverzichtbar. Für viele mittlerweile erfolgreiche Unternehmen waren Kredite und Zuschüsse der öffentlichen Hand wichtige Hilfen. Die Autoren schließen: Öffentliche Fördergelder können einen wichtigen Beitrag leisten, damit ostdeutsche Betriebe nicht nur Werkbänke westdeutscher Unternehmen sind.

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Michael Behr, Thomas Engel, Andreas Hinz, Rudi Schmidt: Erfolgreiche Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe Ostdeutschlands - Ansätze für eine wirtschaftspolitische Gestaltungsperspektive. Ein Arbeitspapier der Otto-Brenner-Stiftung, 2005.

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