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Europa: Deutsche Arbeitskosten kaum gestiegen

Ausgabe 20/2011

Seit dem Start des Euro steigen die deutschen Arbeitskosten schwächer als in jedem anderen Mitgliedsland – eine Gefahr für die Stabilität des gemeinsamen Währungsraums.

Die immer dramatischere Krise Eurolands und die diversen Rettungsversuche von Politikern und Zentralbanken haben den Blick auf eine wesentliche Ursache der Krise verstellt: die hohen Leistungsbilanzungleichgewichte der Mitgliedstaaten untereinander. Diese stehen in enger Verbindung mit der Entwicklung der Arbeitskosten in der Privatwirtschaft, zeigt eine aktuelle Untersuchung des IMK.

Die Wissenschaftler haben die deutschen Arbeitskosten mit denen der europäischen Nachbarn verglichen. Denn deren Höhe beeinflusst die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Als Einkommensgröße wirken Arbeitskosten aber auch auf die Konsumnachfrage. In Deutschland haben unterdurchschnittliche Zuwächse bei den Arbeitskosten den inländischen Preisauftrieb, die Binnennachfrage und damit die Importe gedämpft, so das IMK. Zugleich haben sie über die verbesserte Wettbewerbsposition die Exporte stimuliert. Die Folge: Leistungsbilanzüberschüsse.

Mit Arbeitskosten von 29,10 Euro pro Arbeitsstunde im Jahr 2010 liegt die deutsche Privatwirtschaft zwar oberhalb des Euroland-Durchschnitts von 27 Euro. Allerdings rangiert Deutschland eher im unteren Bereich einer Ländergruppe mit überdurchschnittlichen Werten – an siebter Stelle. Und der Abstand zu den Ländern mit höheren Arbeitskosten ist gewachsen, so das IMK: Belgien, Dänemark, Schweden, Frankreich, Luxemburg und die Niederlande verzeichnen für das vergangene Jahr Anstiege zwischen 2 und 3,5 Prozent. Deutschland weist dagegen lediglich ein Plus von 0,6 Prozent auf.

„Damit setzt sich die Entwicklung der vergangenen Jahre fort, dass die deutschen Arbeitskosten im europäischen Vergleich weit unterdurchschnittlich zunehmen“, fassen die Forscher zusammen. Seit 2000 sind hierzulande die Arbeitskosten im Schnitt um jährlich 1,7 Prozent gestiegen – gut einen Prozentpunkt schwächer als im Euroraum insgesamt.

Besonders deutlich zeigt sich das Auseinanderdriften der Arbeitskosten im privaten Dienstleistungssektor, dokumentieren die Wissenschaftler: So liegt Dänemark mit 38,70 Euro je Stunde inzwischen um 12 Euro über dem deutschen Wert. Im Euroland-Vergleich ist Deutschland nun fast auf Durchschnittsniveau angekommen, mit Arbeitskosten in der Höhe von Ländern wie Italien und Irland.

Das Verarbeitende Gewerbe weist hierzulande mit 32,90 Euro pro Stunde vergleichsweise hohe Arbeitskosten auf. Allerdings ist nach den Berechnungen des IMK auch in diesem Sektor zu beobachten, dass Deutschland sich weiter von der Spitzengruppe entfernt. In nur zwei Jahren hat sich der Abstand zu Belgien, dem Land mit den höchsten Arbeitskosten, von gut 4 Euro auf 6,60 Euro je Stunde ausgeweitet.

Hinzu kommt: Ein methodisch sauberer Vergleich der tatsächlich für die Produktion von industriellen Gütern anfallenden Arbeitskosten muss die Vorleistungsverflechtungen berücksichtigen. Denn Betriebe des Verarbeitenden Gewerbes kaufen produktionsnahe Dienstleistungen oft extern ein. Da die Arbeitskosten im Dienstleistungsbereich um 18,7 Prozent niedriger liegen als die Arbeitskosten der Industrie, wirkt sich das entlastend aus. Der tatsächliche Einspareffekt dürfte zwischen 8 und 10 Prozent liegen, schätzt das IMK. Im Euroraum-Vergleich ist das besonders viel.

Auch die Lohnstückkosten, also die Arbeitskosten korrigiert um Produktivitätszuwächse, haben sich in Deutschland seit der Jahrtausendwende weit unterdurchschnittlich entwickelt, zeigt das IMK. Zwischen 2000 und dem Beginn des Jahres 2008 stagnierten sie sogar. In der Wirtschaftskrise 2008/2009, als Unternehmen die Arbeitszeit verkürzten und so Beschäftigung hielten, stiegen die deutschen Lohnstückkosten dann zwar kurzzeitig stärker als im Euroraum-Durchschnitt. „Dies war aber lediglich eine technische Reaktion, hinter der ein großer arbeitsmarktpolitischer Erfolg steht“, betonen die Forscher. Seit Anfang 2010 haben sich die Zuwächse bei den Lohnstückkosten wieder zurückgebildet. Insgesamt hat die deutsche Wirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit – und ihren Leistungsbilanzüberschuss – gegenüber den meisten Euroraum-Partnern immer weiter gesteigert.

Viele Mitgliedsländer missachteten ein grundlegendes Prinzip einer Währungsunion ansonsten souveräner Staaten, kritisieren die Wissenschaftler: Damit keine Ungleichgewichte im Außenhandel entstehen, hätte jedes einzelne Land das gemeinsame Inflationsziel – nicht über, aber nahe zwei Prozent – dauerhaft einhalten müssen. Die Lohnstückkosten als einer der maßgeblichen Kostenfaktoren der Preissteigerungsrate hätten sich ebenfalls in diesem Rahmen bewegen müssen.

Tatsächlich entwickelten sich aber nur in einigen Ländern die Lohnstückkostensteigerungen konsistent mit der Zielinflationsrate der EZB – so zum Beispiel in Frankreich, Belgien und Finnland. Deutschland weiche eklatant nach unten ab mit einem durchschnittlichen jährlichen Lohnstückkostenanstieg von nur rund 0,6 Prozent, stellen die Forscher fest.

In Griechenland, Italien, Portugal, Irland und Spanien wuchsen die Lohnstückkosten bis zum Beginn der Krise überdurchschnittlich stark. Diese Abweichungen seien mittlerweile jedoch schon nennenswert korrigiert worden, so das IMK. Der Bundesrepublik komme eine besondere Verantwortung zu: „Um eine Konvergenz bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen, muss sich daher Deutschland mit seinen Arbeitskosten viel stärker nach oben bewegen, als sich diese Ländergruppe nach unten anpassen muss.“

  • Deutschland unterbietet die Währungspartner
    Im europäischen Vergleich nehmen die deutschen Arbeitskosten weit unterdurchschnittlich zu. Grafik herunterladen
  • Deutsche Arbeitskosten: Industrie profitiert von günstigen Dienstleistungen
    In Deutschland liegen die Arbeitskosten im Dienstleistungsbereich um 18,7 Prozent niedriger als in der Industrie. Grafik herunterladen

Torsten Niechoj, Ulrike Stein, Sabine Stephan, Rudolf Zwiener: Deutsche Arbeitskosten: Eine Quelle der Instabilität im Euroraum (pdf), IMK Report Nr. 68, Dezember 2011

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