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Solo-Selbstständige: Arbeitnehmer ohne Arbeitsvertrag

Ausgabe 03/2020

In Dienstleistungsbranchen wie der Paketzustellung oder der Pflege nimmt die Zahl der Solo-Selbstständigen zu.

 

Bei Berufstätigen, die ihr eigener Chef sind, werden die meisten eher an Rechtsanwälte oder Handwerker denken als an Paketboten. Doch gerade bei Zustelldiensten ist die Zahl der Solo-Selbstständigen in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Bei vielen von ihnen reichen die Einkünfte kaum zum Leben aus. Das geht aus einer Studie von Andreas Jansen hervor, die von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde. Der Sozialwissenschaftler vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) hat sich mit neuen Arbeitsformen beschäftigt und dabei auch die Entwicklung in einzelnen Branchen unter die Lupe genommen. Im Dienstleistungssektor finden sich demnach etliche Beispiele für zunehmende „Graubereiche“ jenseits der Normalarbeit.

 

 

In der Paketzustellung werde der Wettbewerb vor allem über den Preis ausgetragen, schreibt Jansen. Eine zentrale Stellschraube stelle dabei das Outsourcing der Zustelltätigkeit an Werkvertragsunternehmen oder Solo-Selbstständige dar. Nur zwei der fünf großen Wettbewerber in Deutschland hätten überhaupt eigene Zusteller, schätzungsweise nur ein Drittel der insgesamt etwa 400 000 Beschäftigten sei direkt dort angestellt. Rund 40 000 seien „selbstfahrende Kleinstunternehmer“, der Rest arbeite bei Subunternehmen. Die neuen Beschäftigungsformen in der Paketbranche gehen der Studie zufolge oft mit prekären Arbeitsbedingungen einher: Wer als solo-selbstständiger Paketbote tätig ist, werde nach dem Stücklohnprinzip bezahlt und müsse daher mit stark schwankender Vergütung rechnen. Ein existenzsicherndes Einkommen sei so dauerhaft nicht zu erreichen. Zudem hätten die Betroffenen wenig Autonomie: Weder die Lage noch die Dauer der Arbeit sei frei wählbar, die Digitalisierung ermögliche eine nahezu lückenlose Überwachung der Kuriere.

 

Honorarkräfte müssen Personallücken in Kliniken füllen

 

Auch in der Pflege seien neue Arbeitsmodelle auf dem Vormarsch, stellt der Forscher fest. So habe die Zahl der Leiharbeiter in dieser Branche allein zwischen 2009 und 2016 von 19 000 auf knapp 27 000 zugenommen. Dabei werde Leiharbeit nicht genutzt, um Auslastungsspitzen abzufedern – wie etwa in der Automobilindustrie –, sondern um das Tagesgeschäft aufrechtzuerhalten. Die Sparpolitik der vergangenen Jahrzehnte habe nämlich vielerorts zu einem gravierenden Personalmangel geführt. Aus dem gleichen Grund seien Honorarkräfte zunehmend gefragt.Die Zahl der Solo-Selbstständigen in der Pflege habe sich zwischen 2005 und 2012 fast verdoppelt, von 25 400 auf 49 900. Nach Jansens Einschätzung dürfte das auch damit zusammenhängen, dass sich etliche Pflegekräfte von der Selbstständigkeit mehr zeitliche Flexibilität erhoffen, um so Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen und trotz der ungünstigen Arbeitsbedingungen im Beruf verbleiben zu können.

 

 

In IT und Medizin habe die Bedeutung von Solo-Selbstständigen ebenfalls stark zugenommen, so der Sozialwissenschaftler. In diesen Wirtschaftszweigen gehe es den Unternehmen vor allem um die Überbrückung temporärer Personalengpässe oder den Ausgleich fehlender Spezialqualifikationen in der Stammbelegschaft. 1996 hat es laut Jansen in der IT-Branche 27 000 Solo-Selbstständige gegeben, 2014 waren es 72 000 oder 167 Prozent mehr. Als Honorararzt selbstständig zu arbeiten, sei überhaupt erst seit 2007 rechtlich möglich. Die Zahl der entsprechend Tätigen sei zwischen 2009 und 2014 um 62 Prozent gestiegen, von 1880 auf 3050.

 

 

In den Kultur-, Kreativ- und Medienberufen macht der IAQ-Forscher Tendenzen einer „Ökonomisierung und Vermarktlichung“ aus. Die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Sektors habe abgenommen, gleichzeitig gebe es mehr kommerzielle Anbieter – die vor allem Wert auf Flexi­bilität legen. 2013 waren laut der Studie mehr als 500 000 der 1,3 Millionen Erwerbstätigen solo-selbstständig. Arrangements aus abhängiger und selbstständiger Tätigkeit seien weit verbreitet, etwa unter Schauspielern, die zwischen freiberuflichen Engagements und befristeten Jobs wechseln oder beides kombinieren. Besonders in der Kreativbranche sei das ein Problem, warnt Jansen: Solche „hybriden“ Formen der Beschäftigung könnten die soziale Sicherung gefährden, weil nur dauerhaft Selbstständige Zugang zur Künstlersozialkasse haben.

 

Quelle

Andreas Jansen: Wachsende Graubereiche in der Beschäftigung, Working Paper der Forschungsförderung der HBS Nr. 167, Januar 2020

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