Böckler Impuls Ausgabe 19/2014

Arbeitsmarkt

Alleinerziehende: Häufiger im Beruf, aber nicht seltener arm

Alleinerziehenden aus ihrer häufig prekären wirtschaftlichen Situation zu helfen, hat sich die Politik in vielen Ländern zum Ziel gesetzt. Durchschlagende Erfolge sind bislang jedoch ausgeblieben.

Alleinerziehende sind längst keine exotische Erscheinung mehr. In vielen Ländern stellen sie ein Viertel der Haushalte mit Kindern, schreiben Karen Jaehrling, Thorsten Kalina und Leila Mesaros vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Die Wissenschaftler haben untersucht, wie sich die soziale Lage Alleinerziehender – 80 bis 90 Prozent von ihnen sind Frauen – in Deutschland, Frankreich, Schweden und Großbritannien seit den 1990er-Jahren entwickelt hat. Ihr Fazit: Wie von den Arbeitsmarktreformern allerorts gewünscht, gehen sie heute häufiger einer Erwerbsarbeit nach als vor der Jahrtausendwende. Doch die Armutsquoten sind unverändert hoch.

Alleinerziehende waren eine wichtige Zielgruppe „angebotsseitiger“, sogenannter „aktivierender“ Reformen, „die auf eine höhere Erwerbsbeteiligung zur Überwindung von Armutsrisiken setzten“, so die Forscher. Die Reformen hätten zumindest zu einer „gewissen Annäherung“ von „Ländern mit ursprünglich sehr unterschiedlichen Geschlechterregimen“ geführt. Die Forscher machen drei Trends aus:

Arbeitslos statt erziehungsbedingt erwerbslos. Sozialleistungen, die darauf ausgerichtet waren, Mütter für ihre Erziehungstätigkeit von einer Erwerbstätigkeit freizustellen, wurden häufig abgeschafft oder bekamen einen anderen Charakter: Nichterwerbstätige Alleinerziehende sind nun Arbeitslose ohne Sonderstatus. In Deutschland war dies ein Nebeneffekt der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe.

Mehr Kinderbetreuung. Länderübergreifend sei ein Prozess der „Skandinavisierung“ zu beobachten, so die IAQ-Wissenschaftler. Im Mittelpunkt der Programme zur besseren Vereinbarkeit von Erziehung und Erwerbsarbeit stehe meist der Ausbau öffentlicher Kinderbetreuung.

Kombilohnelemente. Eingeführt oder ausgeweitet wurden vielerorts Leistungen, die Erwerbstätige mit niedrigen Einkommen besser stellen sollen. Beispiele sind der britische „working tax credit“ oder der deutsche Kinderzuschlag.

Lohn- und Sozialleistungsniveau variieren von Land zu Land allerdings nach wie vor deutlich. 2010 bekamen in Schweden von allen Frauen 3,1 Prozent einen Niedriglohn und in Frankreich 7,9 Prozent. Deutschland und Großbritannien kamen dagegen auf Werte über 25 Prozent. Bei den Leistungen aus dem Mindestsicherungssystem sind die Verhältnisse umgekehrt: In Deutschland und Großbritannien erreichen sie etwa 60 Prozent des mittleren Einkommens, in Schweden und Frankreich nur etwa 50.

Unterschiedlich ist auch die Zahl der Alleinerziehenden, die auf bedürftigkeitsgeprüfte Sozialhilfeleistungen angewiesen sind. Hierzulande bekamen 2008 rund 40 Prozent Hartz IV. Während die britische Quote ein ähnliches Niveau erreichte, fiel der Anteil in Frankreich und Schweden nur halb so hoch aus. Dafür erhalten dort mehr Alleinerziehende das separate Wohngeld.

Ähnliche Politikansätze bei unterschiedlichen Sozialstrukturen – hat dies in jedem Land zu anderen sozialen Ergebnissen geführt oder gibt es einen gemeinsamen Trend? Um diese Frage zu beantworten, haben Jaehrling, Kalina und Mesaros verschiedene EU-Statistiken herangezogen. Bedingt durch die Datenlage beschränkt sich die Untersuchung auf allein erziehende Frauen. Trotz vieler Differenzen im Detail zeigt sich eine Gemeinsamkeit zwischen den untersuchten Ländern: eine Zunahme der Erwerbsbeteiligung in den 2000er-Jahren und gleichzeitig eine Entkoppelung von Erwerbstätigkeit und materieller Sicherheit. Mehr Arbeit hat zumindest in Deutschland, Frankreich und Schweden nicht zu weniger Armut geführt. Als Untersuchungszeitraum haben die Forscher dabei die Spanne von 2003 bis 2008 gewählt; für frühere Zeiten liegen keine vergleichbaren Daten vor, in späteren Jahren würden die Folgen der Finanzkrise auf die Ergebnisse durchschlagen.

Offenbar werde „der armutsverringernde Effekt einer zunehmenden Erwerbsbeteiligung durch eine Reihe gegenläufiger Effekte neutralisiert“, schreiben die IAQ-Forscher. Die Gründe sehen sie in einem sinkenden Lohnniveau, insbesondere am unteren Rand, sowie knapp bemessenen beziehungsweise reduzierten Sozialleistungen.

Hinzu kommt, dass allein erziehende Mütter ihren „Vorsprung“ auf dem Arbeitsmarkt eingebüßt haben. Während sie den Wissenschaftlern zufolge in den 1990er-Jahren noch eine „Avantgarde-Rolle“ innehatten, indem sie viel häufiger erwerbstätiger waren als andere Mütter, hat sich die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen inzwischen egalisiert. Das führt zu mehr Doppelverdiener-Haushalten. Das mittlere Einkommen steigt und damit auch die Armutsrisikoschwelle. Für Haushalte mit nur einem Verdienst sei es nun umso schwieriger geworden, ein Einkommen oberhalb der Armutsgrenze zu erzielen, insbesondere wenn Kinder zu versorgen sind. Außerdem dürfte bei weiblich dominierten Tätigkeiten die Konkurrenz um Jobs gestiegen sein. Und da sie in besonderem Maße auf Einkommen angewiesen sind, scheinen Alleinerziehende besonders häufig Kompromisse eingehen zu müssen: Sie haben überdurchschnittlich oft befristete Stellen oder aus anderen Gründen unsichere Arbeitsplätze. Ihre „relative Position“ am Arbeitsmarkt sei trotz aller Aktivierungsstrategien also nicht besser geworden, konstatieren Jaehrling, Kalina und Mesaros.

Das sei das „Paradoxon“ dieses Politikansatzes: In „der Vergangenheit erfolgreiche individuelle Armutsvermeidungsstrategien“ funktionieren nicht, ohne den „gewandelten Kontext“ zu berücksichtigen. Werde nicht direkt bei den Einkommen alleinstehender Mütter und Väter angesetzt, etwa „durch adäquatere Kinderregelsätze“, dann werden „die latenten Risiken des Alleinerziehens weiter an Bedeutung gewinnen“.

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Quellen

Karen Jaehrling, Thorsten Kalina und Leila Mesaros: Mehr Arbeit, mehr Armut? Ausmaß und Hintergründe der Entkoppelung von Erwerbsarbeit und materieller Sicherheit von Alleinerziehenden im Ländervergleich, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 3/2014


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