Böckler Impuls Ausgabe 06/2013

Arbeitsbedingungen

Kostendruck dominiert soziale Berufe

Die sozialen Dienste leiden unter knappen Mitteln und wachsenden Aufgaben. Beschäftigte bringt das regelmäßig an die Grenze ihrer Belastbarkeit.

Mehr als drei Millionen Menschen arbeiten laut Statistischem Bundesamt in Gesundheits-, Sozial- und Erziehungsberufen. Die Branchen, in denen sie tätig sind, stehen unter dem Druck einer zunehmenden Ökonomisierung: In den sozialen Diensten setze sich mehr und mehr eine Markt- und Wettbewerbslogik durch, schreiben Volker Hielscher, Lukas Nock, Sabine Kirchen-Peters und Kerstin Blass. Als Beispiel nennen sie die Einführung des Budgetprinzips in der Pflegeversicherung: Unabhängig vom tatsächlichen Hilfebedarf gelte eine feste Grenze für finanzielle Leistungsansprüche. Gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung haben die Wissenschaftler vom Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft Saarbrücken und der Universität Heidelberg untersucht, wie sich der Trend zur Ökonomisierung auf die Arbeitsbedingungen auswirkt. Ihr Ergebnis: Altenpfleger, Sozialarbeiter und Erzieherinnen sind konfrontiert mit „Zeitnot, Druck zur Kostenersparnis und Verdichtung der Arbeit“. Darunter leiden die professionellen Ansprüche der Beschäftigten – und ihre Gesundheit.

Die Erkenntnisse der Sozialforscher beruhen auf Fallstudien in der Altenpflege, Jugendhilfe und Kindertagesbetreuung. Insgesamt haben sie 82 Führungskräfte, Arbeitnehmervertreter und Beschäftigte von 16 Einrichtungen in Rheinland-Pfalz und Thüringen interviewt. Zusätzlich führten sie bundesweit eine standardisierte Online-Befragung von fast 1.400 Arbeitnehmern der untersuchten Branchen durch.

Pflegeheime: Den größten Ökonomisierungsdruck attestieren die Autoren der stationären Pflege. „Strukturelle Erzeugung von Zeitnot“ führe dort zu steigender Arbeitsverdichtung. Arbeitseinsätze von bis zu zehn Tagen hintereinander und massive Überstunden seien an der Tagesordnung. Aufgaben verschöben sich daher zunehmend in Richtung einer „Satt-und-Sauber-Pflege“, also bloßer körperlicher Grundversorgung. So entstehe eine Diskrepanz zwischen den Sachzwängen der Praxis und dem beruflichen Selbstverständnis der Beschäftigten, die gute, „aktivierende“ Pflege leisten wollen. Die Folge: Bei der Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen schneidet die stationäre Pflege am schlechtesten ab.

Pflegedienste: Auch auf die ambulante Pflege wirken sich ökonomische Zwänge immer stärker aus. Das Hauptaugenmerk der Leitungskräfte gelte der Kundenakquise und der Optimierung von Touren, so die Wissenschaftler. Dabei werde das Zeitmanagement systematisch auf die Selbststeuerung der Mitarbeiter verlagert, die selbst abwägen müssen, wie viel Zeit sie pro Patient aufwenden. Ein weit verbreitetes Phänomen ist atypische Beschäftigung: Wegen der individuellen zeitlichen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen kommen im Vergleich zu den anderen untersuchten Branchen besonders viele Teilzeitkräfte zum Einsatz.

Jugendhilfe: Den so genannten Allgemeinen Sozialen Dienst schätzen die Forscher generell als einen stressigen Tätigkeitsbereich ein. In letzter Zeit seien wachsende Fallzahlen und immer komplexere Einzelfälle hinzugekommen – bei stagnierenden Personalzahlen. Daher hätten viele Fachkräfte ihre persönliche Kapazitätsgrenze erreicht. Ähnlich wie bei der stationären Pflege führe die Verdichtung der Arbeit zu einer Verdrängung von Aufgaben: Abstriche müssten Sozial­arbeiter in erster Linie bei der Aktivierung der betreuten Jugendlichen machen, also bei der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Stattdessen seien sie gezwungen, vermehrt Druck und Kontrolle auszuüben.

Kindertagesbetreuung: Aufgrund der erhöhten politischen Aufmerksamkeit seien zuletzt erhebliche Ressourcen in den Kita-Ausbau geflossen, schreiben die Wissenschaftler. Daher sei der Ökonomisierungsdruck dort im Vergleich zu den anderen untersuchten Branchen eher moderat. Trotzdem gebe es teilweise Engpässe, insbesondere bei Sachmitteln und der Weiterbildung. Erhöhte Anforderungen an die frühkindliche Bildung bedeuteten zusätzlichen zeitlichen Aufwand. Aufgaben wie Planung und Organisation müssten Erzieherinnen zum Teil in der Freizeit erledigen.

Insgesamt machen die Sozialwissenschaftler in allen untersuchten Einrichtungen „Elemente von Verknappung und Vermarktlichung“ aus. Für die Arbeitnehmer bringt das teilweise gesundheitliche Belastungen mit sich: Insbesondere in der Pflege sehen viele Beschäftigte einen Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen und gesundheitlichen Problemen. Daher fordern die Autoren der Studie ein Umdenken in der Sozialpolitik: Das „neoliberale Modell“ in den sozialen Diensten scheine „insgesamt kontraproduktiv auszufallen – sowohl für die Arbeitssituation der dort Beschäftigten als auch für die Qualität der Dienstleistungen“. Hochwertige Dienstleistungen seien ohne eine angemessene Ressourcenausstattung nicht zu haben.

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