Zur Sache

Ran an die Ursachen von Stress

„Gut gemeinte Unternehmens-Aktivitäten treffen oft nicht den Kern. Eine Auseinandersetzung mit den Stress-Ursachen erfolgt selten“, sagt Elke Ahlers. Sie leitet das Projekt „Betriebliche Arbeitspolitik“ im WSI in der Hans-Böckler-Stiftung.


Die mediale Aufmerksamkeit für die Themen Stress, Terminhetze und Burn-out ist derzeit kaum zu toppen und begleitet uns schon seit Jahren. In regelmäßigen Abständen untermauern Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und Forschungseinrichtungen den zunehmenden Arbeits- und Leistungsdruck durch statistische Zahlen und wissenschaftliche Befunde. Keine Frage: Beschäftigte, Ärzte und Krankenkassen sind durch das vermeintliche Modethema Burn-out für psychische Belastungen sensibilisiert. Dennoch ist die enorme Arbeitsverdichtung mit ihren gesundheitlichen Folgen für die Beschäftigten nicht zu übersehen. So zeigte der „Stress-Report 2012“ erneut, dass mit 52 Prozent über die Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung unter starkem Termin- und Leistungsdruck arbeitet.

Sind wir also bei der Gestaltung humanerer Arbeitsbedingungen vorangekommen? Ja und nein!

Ja, weil sich in den Köpfen der verantwortlichen Akteure aus Politik und Wirtschaft einiges verändert hat. Kaum jemand behauptet heute noch ernsthaft, dass die psychischen Belastungen der Beschäftigten eher durch private Probleme als durch die Umstände am Arbeitsplatz zu erklären seien. Arbeitgeber erkennen an, dass die schnelllebige Arbeitswelt und der hohe Wettbewerbsdruck Stress verursachen und die Menschen krank machen können. Eine wachsende Anzahl der Unternehmen betont, wie wichtig ihnen gesunde Mitarbeiter sind, und wird aktiv. In Zusammenarbeit mit Krankenkassen und Berufsgenossenschaften rufen sie Gesundheitsförderungsprogramme ins Leben, um dem Stress der Beschäftigten zu begegnen. All dies zeigt, dass in Bezug auf Gesundheits- und Stressprävention am Arbeitsplatz Bewegung ins Spiel kommt.

Nein, weil ein Großteil dieser Maßnahmen nur Tropfen auf den heißen Stein sind. Die oft gut gemeinten Aktivitäten treffen nicht den Kern der Problematik. Die meisten der angebotenen Gesundheitstage und Präventionskurse sind zwar punktuell hilfreich – und zielen in erster Linie auf das Verhalten der Beschäftigten (gesunde Ernährung, Stressbewältigung, Yoga, Fitness-Kurse), nicht aber auf eine Verbesserung der Verhältnisse am Arbeitsplatz. Dazu gehören das Führungsverhalten, die Arbeitsplatzsicherheit oder die Frage nach häufigen, störenden Unterbrechungen im Arbeitsablauf.

Tatsächlich werden die Ursachen für den wachsenden Arbeitsstress in den Präventionsmaßnahmen nur selten berücksichtigt. Das WSI hat Betriebsräte befragt, worin sie die Ursachen sehen. 84 Prozent der Befragten machen eine zu enge Personaldecke verantwortlich. Auch die hohe Eigenverantwortlichkeit der Beschäftigten in der Arbeit (79 Prozent) und die hohe Abhängigkeit von Kundenvorgaben (75 Prozent) werden als wichtige Gründe dafür angesehen. Die Studie ergibt außerdem, dass Arbeitsverdichtung und Termindruck in Betrieben mit einer rendite- oder kennziffernorientierten Leistungssteuerung – etwa über Zielvereinbarungen, Profit-Center oder Benchmarks – überdurchschnittlich hoch ausfallen.

Es stellt sich somit die Frage, ob sich die Arbeitgeber trotz höherer Sensibilisierung für den wachsenden Arbeitsstress ernsthaft für die eigentlichen betrieblichen Ursachen interessieren. Die Unternehmen haben in den letzten Jahren durchgängig umstrukturiert und dabei Personal abgebaut. Die Arbeitsmenge hat dabei keineswegs abgenommen, im Gegenteil: Die einzelnen Beschäftigten müssen ein höheres Arbeitsvolumen bewältigen als vorher. Die sich in den Unternehmen ausbreitenden kennziffernorientierten Zielvereinbarungen mit Beschäftigten erhöhen den Druck zusätzlich. Eine konsequente Auseinandersetzung mit den Ursachen von Stress erfolgt aber selten.

Dabei wären Arbeitgeber über den §5 des Arbeitsschutzgesetzes sogar dazu verpflichtet, die Arbeitsbedingungen im Betrieb ganzheitlich zu beurteilen. Die darin geforderten Gefährdungsbeurteilungen zielen nicht nur auf die Ermittlung klassischer Gefahren, sondern auch solcher, wie sie durch Führungsverhalten, Arbeitsinhalte und -organisation oder die sozialen Beziehungen entstehen können. Doch trotz öffentlichkeitswirksamer Auseinandersetzung mit den Gründen von Stress und Burn-out in den Medien hält sich kaum ein Arbeitgeber an dieses Gesetz. Auch wird ein Verstoß dagegen nach wie vor nicht sanktioniert.

Kurzum: Die Aufmerksamkeit für das Thema psychische Arbeitsbelastungen ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Allen Akteuren ist deutlich geworden, dass gehandelt werden muss. Erste Schritte sind erkennbar, diese müssen aber deutlich verbindlicher ausfallen. Die Debatte um die Anti-Stress-Verordnung könnte dies beschleunigen. 

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