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31.08.2015

Neuer Europäischer Tarifbericht des WSI

Löhne in Europa: Extrem niedrige Inflation sorgt für leichte reale Zuwächse

Bei den Löhnen geht es in Europa wieder zaghaft bergauf, die Zahl der Länder, in denen die Beschäftigten an Kaufkraft verlieren, ist vor allem durch die niedrige Inflation stark gesunken. Um die Krise zu überwinden, wären aber deutlichere Steigerungen nötig, die die Binnennachfrage in der EU beleben. Zu diesem Ergebnis kommt der neue Europäische Tarifbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Er erscheint in der neuen Ausgabe der WSI-Mitteilungen.

Europas Arbeitnehmer haben eine lange Durststrecke hinter sich: Preisbereinigt sind die Löhne seit 2010 in elf EU-Staaten gesunken, in neun weiteren lagen die Zuwachsraten unter einem Prozent pro Jahr. Deutschland liegt mit einer kumulierten Reallohnsteigerung von 7,1 Prozent zwischen 2010 und 2015 im oberen Mittelfeld der Länder mit Zuwächsen. Allerdings war die Bundesrepublik in der Dekade zuvor das einzige europäische Land, in dem die Reallöhne zurückgegangen waren: um 5,6 Prozent von 2001 bis 2009.

Laut dem Tarifbericht des WSI geht es in der EU zwar mittlerweile langsam wieder bergauf: Während die Reallöhne 2013 noch in 12 Ländern sanken, geschah das 2014 noch in sechs Ländern. In diesem Jahr sind lediglich für Kroatien reale Lohnverluste prognostiziert. Die leichten Zuwächse bei den Reallöhnen in den meisten Staaten seien allerdings nicht einer expansiven Lohnpolitik, sondern in erster Linie der extrem niedrigen Inflation zu verdanken, so WSI-Experte Dr. Thorsten Schulten, der für seinen Bericht Daten der Europäischen Kommission ausgewertet hat.

Die Tarifverdienste in der Eurozone sind nach Berechnungen der Europäischen Zentralbank 2014 nominal im Schnitt um 1,7 Prozent gestiegen, die Effektivlöhne – also die tatsächlich gezahlten Gehälter – nur um 1,3 Prozent. Der WSI-Forscher führt diese negative Lohndrift zum einen darauf zurück, dass viele Unternehmen angesichts der hohen Arbeitslosigkeit kaum noch übertarifliche Leistungen anbieten. Zum anderen habe die Politik der EU und der „Troika“ in vielen Ländern Änderungen erzwungen, die auf weniger Tarifbindung hinauslaufen. Insbesondere den Krisenstaaten werde „Flexibilität nach unten“ bei der Lohnfindung verordnet.

Vertieft hat Schulten die Tariflohnentwicklung in Deutschland, Österreich und Spanien analysiert, wobei er auf umfangreiche nationale Datenbanken zurückgreifen konnte. Demnach konnten die deutschen Arbeitnehmer 2014 bei den Tariflöhnen ein Plus von nominal 3,1 und preisbereinigt 2,3 Prozent verbuchen. In Österreich waren es nominal 2,3 und real 0,8 Prozent, in Spanien lag der reale Zuwachs deflationsbedingt mit 0,8 Prozent über der nominalen Steigerung von 0,6 Prozent. Seit 2009 haben sich die Tariflöhne deutlich auseinanderentwickelt: Deutschland verzeichnete real ein solides Wachstum. Österreich hat dagegen erst 2014 wieder das Niveau von 2009 erreicht. In Spanien wurde der reale Rückgang bei den Tariflöhnen erst 2014 durch die negative Preisentwicklung gestoppt.

Das Wachstum der nominalen Effektivlöhne in der EU weist dem WSI-Bericht zufolge eine rückläufige Tendenz auf: 2012 betrug die Steigerung 2,0 Prozent, 2013 waren es 1,7 Prozent, 2014 nur noch 1,2 Prozent. Den höchsten Anstieg verzeichnete im vergangenen Jahr Lettland mit 8,7 Prozent, das Schlusslicht war Kroatien mit -5,3 Prozent. Für 2015 erwartet die EU-Kommission im Schnitt ein Plus von 1,6 Prozent, also eine geringfügig dynamischere Entwicklung.

Wegen der sehr niedrigen Inflationsraten sind die effektiven Reallöhne im EU-Mittel 2014 mit 0,6 Prozent gleichwohl stärker gestiegen als in den Vorjahren (2012: -0,6 Prozent; 2013: 0,2 Prozent). Die höchsten Wachstumsraten weisen mit bis zu 8 Prozent die baltischen Staaten auf. In Deutschland betrug der Zuwachs 1,8 Prozent. In Griechenland, Portugal, Zypern, Kroatien, Polen und Slowenien sind die Verdienste real gesunken. Für 2015 prognostiziert die EU eine noch schwächere Preissteigerung und reale Zuwächse von durchschnittlich 1,5 Prozent bei den Arbeitseinkommen.

Dass sich die Inflation so verhalten entwickelt, dürfte laut Schulten zum einen an den niedrigen Energiepreisen liegen. Zum anderen mache sich darin aber die strikte Austeritätspolitik bemerkbar, die in vielen Ländern zu einem Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und damit zu stagnierenden oder sinkenden Preisen geführt hat. Die schwache Preisentwicklung sei also ein deutliches Symptom der wirtschaftlichen Schwäche auf dem Kontinent und einer weiterhin problematischen Krisenstrategie, konstatiert der Forscher.

Wenn die Reformanstrengungen in vielen Ländern einseitig darauf zielten, Arbeits- und Produktionskosten zu reduzieren und die Ausfuhren zu stärken, bringe das keine Lösung: „Schon aus Gründen der Logik“ könnten „nicht alle europäischen Länder gleichzeitig Exportüberschüsse erwirtschaften“, warnt Schulten. Damit Europa aus der Krise kommt, empfiehlt der Tarifexperte, die „Fixierung auf Wettbewerbsfähigkeit“ zugunsten eines inklusiven Wirtschaftsmodells aufzugeben, das die Bedeutung der Löhne für die Binnenwirtschaft wieder in den Mittelpunkt rückt. Immerhin: Die leichte reale Aufwärtstendenz 2014 und 2015 stehe „zwar noch lange nicht für eine Trendwende, sie zeigt aber vorsichtige Anzeichen einer dynamischeren Entwicklung, die nicht zuletzt auch durch stärkere Lohnzuwächse in Deutschland angetrieben wird“, schreibt der Wissenschaftler.

Weitere Informationen:

Thorsten Schulten: Europäischer Tarifbericht des WSI – 2014/2015 (pdf), in: WSI-Mitteilungen 6/201

Kontakt:

Dr. Thorsten Schulten
WSI, Experte für Europäische Tarifpolitik

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
 

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