Projektbeschreibung
Kontext
Im letzten Jahrzehnt ist auch in Deutschland die Wohnungsfrage zu einer der zentralen Fragen unserer Zeit avanciert. In der öffentlichen Wahrnehmung äußert sich diese insbesondere durch den Preis- und Mietenanstieg in Relation zu den Einkommen sowie die Knappheit von Wohnungen an Orten, an denen Arbeitnehmer:innen arbeiten und ihre Kinder zur Schule gehen. Ein weniger beachteter Aspekt der heutigen Wohnungsfrage ist die Frage nach der Wohnraumversorgung, ihrer Verteilung über diverse Bevölkerungsgruppen und möglichen Auswirkungen in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Nicht nur die Preissteigerungen des letzten Jahrzehnts, auch der Corona-Schock mit Homeoffice, Quarantänen und Ausgangssperren haben die Versorgung mit Wohnraum wieder zu einem zentralen Thema gemacht.
Fragestellung
Teilprojekt A
1. Was sind die sozialen und ökonomischen Determinanten von Overcrowding? Inwiefern sind prekär Beschäftigte, Facharbeiter:innen mit niedrigem Einkommen oder andere vulnerable Gruppen, wie z. B. migrantische Familien oder Alleinerziehende, besonders stark betroffen?
Teilprojekt B
2. Wie verhalten sich die objektive Verfügbarkeit von Wohnraum und deren subjektive Einschätzung zueinander? Inwiefern wird die subjektive Einschätzung vom (unbewussten) Vergleich mit bestimmten Referenzgrößen beeinflusst?
Teilprojekt C
3. Welche Folgen hat Overcrowding für Haushalte und Individuen? Inwiefern sind vulnerable Gruppen, wie Personen und Familien aus den unteren Einkommensgruppen, stärker betroffen?
Untersuchungsmethoden
Für das erste und dritte Teilprojekt wurden Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) sowie des Schweizer Haushalt-Panels (SHP) verwendet. Für das zweite Teilprojekt wurde mittels einer für Deutschland repräsentativen Umfrage ein neuer Datensatz erhoben, der neben allgemeinen Fragen zu wesentlichen demografischen und sozio-ökonomischen Charakteristika detaillierte Fragen zur Wohnsituation enthielt.
In allen drei Teilprojekten wurden deskriptive Methoden und Regressionsanalysen verwendet. Durch die Panelstruktur des SOEP bestand zudem die Möglichkeit, zeitinvariante, unbeobachtete Heterogenität durch Panelschätzungen herauszufiltern.
Für das zweite Teilprojekt wurde zudem ein sog. faktorielles Survey in die neue Umfrage eingebaut, also eine experimentelle Erhebungsmethode, bei der die Befragten mit hypothetischen Situationsbeschreibungen konfrontiert wurden, wobei diese sich durch zufällig variierende Konstellationen von Merkmalen unterschieden.
Darstellung der Ergebnisse
Im ersten Teilprojekt zeigte sich, dass sowohl Über- als auch Unterbelegung im Wohnungsbestand in den letzten Jahren stetig zunehmen. Überbelegung betrifft insbesondere Zuwanderer, Familien und Alleinerziehende; sie wird stärker durch soziodemografische Faktoren als durch Einkommen oder Wohnkosten bestimmt. Unterbelegung betrifft vor allem Ältere, wobei die subjektiv empfundene Unterbelegungsrate deutlich unter der objektiven liegt. Politisch wäre die Umverteilung von Wohnraum im Bestand – etwa durch Wohnungstausch oder Anreize zum Downsizing – eine Alternative zum CO₂-intensiven Neubau. Für das zweite Teilprojekt wurde eine repräsentative Umfrage unter 3.000 Personen durchgeführt; erste Ergebnisse zeigen, dass Wohnraum als relatives Gut betrachtet wird. Im dritten Teilprojekt zeigte sich, dass Wohnungsdichte das Wohlbefinden und soziale Beziehungen beeinflusst: Überbelegung erhöht Stress und schwächt enge familiäre Netzwerke, Unterbelegung stabilisiert Emotionen, stärkt engere Familienbeziehung, reduziert jedoch externe soziale Einbindung.